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Frank Sieren: Alles andere als Potemkinsche Dörfer

2016-09-02 14:46:28 de.china-info24.com

China hat enormen Aufwand betrieben, um den ersten G20-Gipfel im eigenen Land zu einem Erfolg werden zu lassen. Zum ersten Mal in der Geschichte Chinas besuchen so viele wichtige internationale Politiker China. Das Gipfeltreffen der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer steht am kommenden Wochenende bevor. Für das Gelingen am 4. und 5. September in Hangzhou hat Peking keine Kosten gespart, denn China hält zum ersten Mal die Präsidentschaft des G20-Treffens.

Dass Peking bei dem Besuch der Staatschefs am kommenden Wochenende nichts dem Zufall überlässt, ist somit nicht verwunderlich. Die Bilder aus Hangzhou sollen - wie es so häufig bei solchen Großveranstaltungen üblich ist - der Welt zeigen, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft auf der internationalen Bühne an Bedeutung gewinnt. Dazu wurden im Vorfeld nicht nur 140.000 Taxifahrer überprüft, um für die Sicherheit der Besucher zu sorgen, sondern auch aus 26.000 Bewerbern aus den Universitäten der Provinz Zhejiang nur 3.900 Freiwillige gewählt, die während des G20-Gipfels die Gäste im flüssigen Englisch betreuen dürfen. Dass es sich dabei nicht um Maßnahmen handelt, wie bei potemkinschen Dörfern, wo die Fassaden herausgeputzt werden und nur die Oberfläche verschönert wird, um zu beeindrucken, dafür spricht vor allem, dass die boomende Metropole Hangzhou westlich von Shanghai, nicht nur Hauptsitz von Alibaba, sondern auch von tausenden chinesischen Internetfirmen ist. Alles in dieser Stadt ist etwas moderner als in anderen chinesischen Städten und diese Botschaft sollen die G20-Chefs aber auch die tausenden Delegierten des Treffens sehen und erleben. So werden 675 neue Elektrobusse in Dienst gestellt, U-Bahnen und Straßen saniert. Um den Besuchern zugleich die Angst vor Menschenmassen zu nehmen, lockt die Stadt Hangzhou seine Bewohner vor dem G20-Gipfel mit Sonderurlaub und Kurzreisegutscheinen im Wert von 1,3 Milliarden Euro. Das sind aber nur Peanuts gegengerechnet zu den Ausfällen in den Fabriken, die seit Wochen schon geschlossen haben oder ihre Produktion auf Anordnung von Peking herunterfahren mussten: Ähnlich wie bei den Olympischen Spielen 2008 oder dem großen APEC-Gipfel der Pazifikstaaten vor zwei Jahren werden Fabriken in einem Radius von 300 Kilometern rund um Hangzhou geschlossen. Für zwei Wochen schließen rund 255 Fabriken aus Branchen der Petrochemie, der Stahl- und Zementproduktion in der Umgebung und fahren die Produktion runter. Dadurch sollen die Luftwerte in Hangzhou gesünder zum Gipfeltreffen werden. Vor allem durch Fabrikabgase, die als Smogwolken aus Shanghai herüberwehen, liegen die Feinstaubwerte auch in Hangzhou rund ums Jahr über den empfohlenen Werten der WHO. Zum G20-Gipfel sollen sie durch die Zwangsschließungen niedrig gehalten werden und der Himmel über Hangzhou blau leuchten, wenn Staats- und Parteichef Xi Jinping zum Gruppenfoto mit Merkel, Obama und Putin bittet. Im Netz wird schon vom G20-Blau gesprochen.

Es geht aber nicht nur um Prestige.

Vor allem sollen alle Nationen am gleichen Strang ziehen. Damit würde auch das Risiko sinken, dass man gemeinsam gesetzte Ziele nicht erfülle. Haben sich die G20-Nationen doch als Ziel gesetzt, bis 2018 das Weltsozialprodukt um zwei Prozent zu erhöhen. China mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern trägt rund einen Prozent zum weltweiten Wachstum bei. Der Anteil Chinas am Weltsozialprodukt liegt jetzt schon bei über 15 Prozent.

Beim Kampf gegen den weltweiten Terror ist Peking zudem zu einem unverzichtbaren Vermittler geworden für Länder wie Syrien, Iran sowie Irak und das aus Eigeninteresse, denn die Volksrepublik will einerseits den Terror aus den Unruheregionen im Westen des Landes fernhalten und gleichzeitig sollen Chinesen im Ausland nicht Opfer eines Terroraktes werden. Nur um die Dimension zu verstehen: 120 Millionen Chinesen reisten im vergangenen Jahr ins Ausland. Tendenz steigend.

Noch eine viel größere Rolle kommt China durch die Asiatische Infrastrukturbank (AIIB) zu. Die AIIB unterstützt seit Anfang des Jahres Infrastrukturprojekte in den Schwellenländern, die sonst keine Geldgeber finden. 1,2 Milliarden Dollar sollen dieses Jahr allein für Projekte von der AIIB kommen. Auch der Traum der "Ein Gürtel, eine Straße"-Initiative – also die Wiederbelebung der Handelswege der historischen Seidenstraße - lässt Gebiete wie Kasachstan, Kirgisistan und Pakistan neu aufblühen. In seiner vollen Entfaltung wollen die Chinesen aber vor allem ihr Land und auch ihre Führungsfähigkeit, wenn es um internationale Fragen geht, zeigen.

Das alles vor dem Hintergrund, dass Chinas Wirtschaft im zweiten Jahr langsamer wächst, US-Wahlen anstehen, Europa mit dem Brexit beschäftigt ist und der Terrorismus weltweit zugenommen hat. Das Wachstum der Welt ist seit Jahren ins Stottern gekommen, denn die Industrieländer konsumieren nicht mehr so kräftig wie in der Vergangenheit und die Schwellenländer wie Brasilien, Südafrika und Russland, die in den G20 vertreten sind, investieren nicht so viel, wie einst erhofft.

Letztlich wird es bei allen Widrigkeiten weltweit darum gehen, gemeinsam Lösungen für die schwächelnde Weltkonjunktur zu finden und Pläne zu schmieden, diese Schwäche aufzufangen.

Hangzhou scheint dafür im doppelten Sinne geeignet: Im ersten Halbjahr 2016 hat die 8 Millionen Metropole sein Bruttosozialprodukt gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 10,8 Prozent gesteigert. Die Industrieproduktion um fast 7 Prozent und der Dienstleistungssektor ist sogar um 14 Prozent gewachsen. Das müssten andere Großstadtregionen der Welt aus der dritten Reihe erst mal schaffen.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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