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Volle Elektroladung voraus

2016-11-14 05:32:05 de.china-info24.com

Der deutsche Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat diese Woche vor seiner Chinareise nicht nur die Übernahme des Chipanlagenbauers Aixtron durch die Chinesen gestoppt, sondern auch Kritik an einem neuen Gesetzesentwurf Pekings geäußert. Dabei geht es vor allem darum, dass in der Autoindustrie die deutschen Autobauer auf Marktbarrieren stoßen. Gabriel bemängelt, dass Peking bei seiner Förderung von Elektrofahrzeugen nicht die europäischen Unternehmen diskriminieren dürfte.

Grund dafür ist ein Gesetzesentwurf des chinesischen IT- und Industrieministeriums, das nun auch die deutschen Autobauer ins Schwitzen bringt. Demnach sollen künftig Elektroautos mehr gefördert werden als bisher. China ist jetzt schon der größte Markt für Autos mit alternativen Antrieben. Der Zeitplan ist straff.

Schon ab 2018 sollen nach Pekings Plan alle Autohersteller in China einen E-Auto-Anteil in ihrer Produktion von 8 Prozent erreichen. 2020 sollen es dann schon 12 Prozent sein. Aufgeladen müssen die Autos mindestens 300 Kilometer schaffen. Wenn ihnen beides nicht gelingt, müssen sie den Wettbewerbern Strafprozente abkaufen, die ihre Quote übererfüllt haben. Ähnlich wie beim Handel mit CO2-Zertifikaten, wo Firmen, die mehr CO2 ausstoßen als erlaubt ist, Verschmutzungsrechte einkaufen müssen.

Weil viele chinesische Automarken schon über entsprechende E-Modelle verfügen, sind die chinesischen Hersteller problemlos in der Lage, diese Ziele in der kurzen Zeit zu erreichen. Deutsche Autobauer sind es so schnell aber nicht. Ein wenig auch, weil im Markt so erfolgreich zu sein, auch bedeutet, künftig entsprechend hohe E-Auto-Volumen haben zu müssen.

Was die deutschen Autohersteller zudem nicht lustig finden, ist aus chinesischer Sicht in vielerlei Hinsicht gut bedacht. Der neue Gesetzesentwurf ist für Chinas Metropolen gut, weil er die Luftwerte auf sehr schnellem Weg verbessert und das Leben der Städter verbessert. Die Regierung in Peking macht seit Jahren deutlich, dass es beim Umstieg auf saubere Antriebstechniken Tempo machen will, um die Städte endlich von Smog zu befreien.

Gleichzeitig werden chinesische und westliche Autohersteller bei der neuen Regelung gleichbehandelt. Dass in Deutschland nun wegen der neuen Pläne Protektionismus-Vorwürfe daher laut werden, weil ja die chinesischen Hersteller besser auf die Situation vorbereitet seien, ist also absurd.

Des Weiteren muss der chinesische Staat nicht wie bisher die E-Autoindustrie subventionieren, sondern faktisch subventioniert die westliche Autoindustrie die chinesische. Derzeit steuert Peking umgerechnet 8.000 Euro pro E-Auto bei. China wird so weltführend in einem zentralen Bereich industrieller Innovation. Schließlich werden E-Autos durch die großen Volumen, die dann produziert werden, viel schneller günstiger und technisch besser. Davon profitiert dann letztlich die ganze Welt. Das ist kluge, nationale Industriepolitik.

Beim Blick auf Pekings Straßen wird schnell klar, dass Elektroautos auch in China noch kein Massenphänomen sind. Trotzdem: Vier bis fünf Mal am Tag kommt es schon vor, dass ein Tesla oder noch häufiger ein voll elektrischer Kleinwagen der chinesischen Marke BYD an einem vorbeisurrt. Doch mit voraussichtlich weit über 400.000 E-Autos in diesem Jahr ist China weiter als jedes andere Land der Welt. Auch in China ist dies nicht nur aus Vernunft geschehen. Wer in den größten chinesischen Städten einen Benziner zulassen will, muss an einem Losverfahren teilnehmen. Die Chance zu gewinnen liegt bei 1:700. Nur wer ein Stromfahrzeug kauft, kann sich die Lotterie sparen - und bekommt noch die staatlichen Subventionen. Nun kommen auch noch Quoten für alle in China produzierenden Autohersteller.

Die erste Reaktion der deutschen Autohersteller war dennoch Entsetzen: Sie würden nun dafür bestraft, dass sie in China so erfolgreich Autos verkaufen. Denn je größer der Absatz, desto größer auch künftig der E-Autoanteil.

"Nein" lautete die Antwort der nationalen Planungsbehörde NDRC. Ihr werdet dafür bestraft, dass ihr den E-Auto-Trend verschlafen habt. Warum ist unter den drei größten E-Autoherstellern der Welt kein europäischer vertreten? Auf den Marktführer Nissan folgt der chinesische Hersteller BYD mit voraussichtlich 120.000 verkauften Fahrzeugen in diesem Jahr, auf Platz Drei mit großem Abstand Tesla. Tatsächlich sind die deutschen Ingenieure zu lange zu zögerlich gewesen. Kaum einer hat diese Entwicklung so beharrlich verschlafen wie der Autobauweltmeister Deutschland. Japaner, Amerikaner und Chinesen sind weiter. Dass Peking die Schlafmützen aber nun mit den neuen Regeln vor die Wand fahren lässt, ist schon aus eigenem Interesse unwahrscheinlich. Die Hälfte ihrer noch immer üppigen Gewinne geben die deutschen Autobauer schließlich an ihre chinesischen Joint-Venture Partner ab. Und werden die Marktbedingungen zu Deutschlands Ungunsten geändert, müssen auch die Verluste geteilt werden.

Dennoch halten die deutschen Autobauer das Argument zurecht für unfair: Es ging in China auch nicht voran, weil Peking sie zwingen wollte, ihre Technologie offenzulegen. Peking verlangt, dass chinesischen und westlichen Herstellern die Technologie in den Gemeinschaftsunternehmen gemeinsam gehören muss. Das war sehr viel verlangt. Verständlich, dass die Deutschen darauf wenig Lust hatten.

Nun ist das Geschichte und die westlichen Hersteller kämpfen Seite an Seite mit ihren Politikern um jeden Monat Aufschub. Denn 2018 ist in der Tat nicht mehr weit entfernt. Wir sprechen ja nicht von Jeans oder Turnschuhen, die hergestellt werden sollen.

So hoffen die deutschen Autobauer, dass Peking zulässt, dass in den ersten drei bis fünf Jahren vorerst nur ein durchschnittlicher Prozentanteil gilt.

Damit können sich die ausländischen Hersteller hocharbeiten, ohne Strafprozente kaufen zu müssen, deren Preis im Übrigen noch niemand kennt.

Industrieminister Miao Wei machte dann auch gegenüber Gabriel schnell klar, dass es sich bisher nur um „Überlegungen“ handele. Klar ist, dass es kommt, qie genau es kommt noch nicht. Eines ist nun klar, die deutschen Autohersteller hat es nun kalt erwischt und sie können E-Autoentwicklung nun nicht mehr wie ein Nebenerwerbsbauer betreiben.

Unser Korrespondent der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

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