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Die deutschen Firmen in China jammern, wandern aber nicht ab

2016-12-05 13:41:14 de.china-info24.com

Deutsche Firmen in der Volksrepublik jammern. Die Lage ist angeblich ernst. In der jährlichen Umfrage der Deutschen Handelskammer in China unter dort ansässigen Unternehmen gibt ein Drittel von 426 Unternehmen an, sich in China weniger willkommen zu fühlen. Unter denen, die schon mehr als zehn Jahre in China sind, ist der Prozentsatz sogar bei 42 Prozent. Denn Geschäfte in China werden schwieriger. Das zeigt sich in den Ergebnissen: Der Anteil deutscher Unternehmen in China, die in diesem Jahr Investitionen und Jobs ausgebaut haben, ist auf den niedrigsten Stand seit 2012 gefallen. Das ist eines der Ergebnisse einer Umfrage der Deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in China. AHK-Präsident Lothar Herrmann sagte am vergangenen Dienstag in Peking: „Das Jahr 2016 wird wahrscheinlich als eines der wirtschaftlich schwierigsten Jahre der deutschen Unternehmen im Lande eingehen.“

Anziehende Lohnkosten, schlecht qualifiziertes Personal und ein langsameres Wachstum machen den Unternehmen zu schaffen, so die Begründung der Kammer. Auch die zunehmende Konkurrenz durch chinesische Unternehmen und die Diskriminierung durch wachsenden lokalen Protektionismus oder ökonomischen Nationalismus werden von den deutschen Unternehmern beklagt.

Der deutsche Botschafter in China, Michael Clauß, berichtet, dass seit Beginn des Jahres die Zahl der Beschwerden und Hilfegesuche deutscher Unternehmen „steil nach oben gegangen“ sind.

Doch die Studie zeigt auch: Nur ein Prozent der befragten Unternehmen ziehen Konsequenzen und planen aufgrund der rückläufigen Gewinne und Verkäufe abzuwandern. Das Jammern der deutschen Firmen führt also nicht dazu, dass sie sich von China abwenden, wie man erwarten würde.

Schaut man sich die Grundlage der Umfrage an, dann wirft sie neue Fragen auf: von den rund 5.000 deutschen Unternehmen in China sind 2.500 Mitglieder in der AHK. Von diesen Mitgliedern haben nur 426 überhaupt auf die Umfrage geantwortet. Die Studie präsentiert damit, was eine zufällige Auswahl von 17 Prozent der AHK-Mitgliedsfirmen glauben. Wichtiger aber wäre eine Antwort auf die Frage: Was denkt die deutsche Chinawirtschaft genau? Solange es keine einheitliche Stimme gibt, wird die Forderung der deutschen Wirtschaft, fairere Bedingungen in China zu bekommen, auf taube Ohren stoßen.

Denn es sind eher diejenigen, die an der Umfrage teilnehmen, die nicht zufrieden sind. Und sicher, deutsche Firmen haben berechtigte Wünsche: Warum kann der chinesische Hausgerätehersteller Midea den deutschen Roboterbauer Kuka kaufen, ein Herzstück deutscher Zukunftsindustrie, wenn alle deutschen Autobauer in der Volksrepublik ihre Gewinne mit ihren chinesischen Partnern teilen müssen?

Die Umfrageergebnisse hinterlassen mehr Fragen als, dass sie diese ausreichend beantworten. Haben die Unternehmen geantwortet, die pflichtbewusste Mitglieder sind? Antworten diejenigen, die große Angst um ihre Zukunft in China haben eher gar nicht, sodass die Wahrheit viel schlimmer ist?

Oder wollen die Optimisten, die für das kommende Jahr 2017 schon wieder positivere Wirtschaftsentwicklung und stärkeres Wachstum von Umsatz und Gewinn erwarten, die Lage beschönigen? Wir wissen es nicht.

Dass jedenfalls fast 90 Prozent keine Pläne haben, China zu verlassen, macht die Verwirrung komplett. So sieht also das schwierigste Jahr aus? Widersprüche unter sich.

Klar ist immerhin: die nicht repräsentative Umfrage fordert nichts Neues zutage. Dass die deutschen Manager den gleichen Marktzugang wie die Chinesen in Deutschland bekommen wollen, ist bekannt. Dass sie ihn nicht bekommen werden, ebenso. Dass die unzureichende Rechtssicherheit im Lande und die unklaren rechtlichen Rahmenbedingungen unternehmerische Hürden sind, pfeifen die Spatzen längst vom Dach. Gleiches gilt für Internetrestriktionen und die Geschwindigkeit des Internets. Warum sich nur gut die Hälfte der Befragten vom Internet bei ihrer Arbeit gebremst fühlen, ist erstaunlich – mehr aber auch nicht. Die anderen telefonieren wahrscheinlich mehr. Und nur 58 Prozent ärgern sich über die schlechte Luft. Meinem eigenen Eindruck nach sind es 100 Prozent. Aber das ist auch nur so ein Gefühl.

Jedes vierte Unternehmen rechnet mit Gewinnrückgängen. Das ist doch mal eine Überschrift. Bei genauerem Hinschauen sind es aber halt nur 4,25 Prozent der Mitglieder, die so geantwortet haben, also 25 Prozent von 17 Prozent. Das kann man abhaken nach dem Motto: ein bisschen Schwund ist immer. Allerdings finden 50 Prozent der 426 Zufälligen, das 2017 so gut wird wie 2014. Das gilt als eines der erfolgreichsten Jahre der deutschen Wirtschaft. Sind die Befragten also Optimisten? Oder machen sie sich nur Mut?

Die Umfrage wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Der chinesische Markt ist für Deutschland zu wichtig für solche Ungereimtheiten. Das Ergebnis wäre wahrscheinlich ähnlich, wenn man sich in Peking beim deutschen Metzger Schindler an die Theke stellt und die deutschen Expats befragt, um ein Stimmungsbild zu zeichnen.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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