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Siegeszug der Stromer

2017-09-18 09:50:41 de.china-info24.com Frank Sieren

Elektro-Mobilität ist die Chance, unabhängig von Öl zu werden", sagte Angela Merkel bereits vor über sechs Jahren im Mai 2011. Im derzeitigen Wahlkampf ist die Debatte um ein baldiges Ende von Verbrennungsmotoren mehr denn je ein Thema. Man könne die Autokonzerne zwar nicht zu einer bestimmten Technik zwingen, aber moderne Antriebstechnologien" bevorzugt entwickeln, sagte die Kanzlerin kürzlich und fügte hinzu Ich kann nur hoffen, dass auch gerade im Blick auf die asiatischen Märkte, die deutsche Automobilindustrie den Anschluss nicht verliert.“ Insbesondere müsse man auf China blicken. Dort sei die Diskussion um alternative Antriebstechnologien" bereits jetzt schon weit fortgeschritten.

Wie weit fortgeschritten, machte nun eine Meldung deutlich, die Autobauern auf der ganzen Welt einmal mehr die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Chinas staatliche Medien meldeten Ende letzter Woche unter Berufung auf Xin Guobin, den Vizeminister für Industrie und Informationstechnologie, dass China derzeit an einem konkreten Plan arbeite, um die Produktion und den Verkauf von Diesel- und Benzinmotoren zu stoppen. Es brächen turbulente Zeiten" an, ließ Xin vergangenen Samstag auf einer Automobil-Konferenz in Tianjin seine Zuhörer wissen. Die von der Regierung geplanten Maßnahmen brächten tiefgreifende Veränderungen für die weitere Entwicklung unserer Autoindustrie."

Eine Jahreszahl für die vermeintlich 100-prozentige E-Auto-Quote nannte Xin nicht, verwies jedoch auf Pläne von Frankreich und Großbritannien, die einen landesweiten Umstieg bis zum Jahr 2040 umsetzen wollen. Auch ohne konkrete Deadline sorgten die Aussagen des Vizeindustrieministers weltweit für Schlagzeilen. China ist der größte Automobilmarkt der Welt. Vergangenes Jahr wurden dort mehr als 28 Millionen Fahrzeuge verkauft. Tendenz steigend. Für die deutsche Autoindustrie ist das Land ein Schlüsselmarkt. Volkswagen verkauft hier über 40 Prozent seiner Autos. Mercedes verschifft jede dritte S-Klasse in die Volksrepublik. In Sachen E-Mobilität hat Deutschland auf dem rasant wachsenden Markt jedoch bisher kaum Fuß gefasst. Laut dem Branchenverband VDA liegt der Marktanteil deutscher Konzernmarken bei Elektroautos in China bei nur etwa einem Prozent. Um nicht ins Hintertreffen zu geraten, muss Deutschland sein Tempo hier unbedingt anziehen. Den Takt geben inzwischen die Chinesen vor. Egal wie fair oder nicht fair die Zugangsbedingungen sind. Jammern hilft jetzt nicht. Die Deutschen müssen auch unter ungünstigen Voraussetzungen das Beste aus der Lage machen, in der sie sich befinden. Die Zeiten sind jedenfalls vorbei, in denen man als deutsches Unternehmen sagen konnte, wenn ihr dies und jenes nicht macht, dann investieren wir nicht. Dazu ist der chinesische Markt inzwischen zu wichtig.

Zuletzt sorgte eine von Peking angekündigte Absatzquote bei deutschen Autobauern für Empörung. Die gesetzliche Maßnahme sieht vor, dass schon ab Januar 2018 festgesetzte Prozentzahlen an E-Autos und Autos mit Hybridantrieb in China verkauft werden müssen. Wer die in den Folgejahren kontinuierlich ansteigende Mindestabsatzquote nicht erfüllt, muss mit Strafen rechnen. Besonders Massenhersteller wie Volkswagen könnte die Erfüllung dieser Quote vor ernste Probleme stellen.

Doch was hilft es: Sowohl Daimler als auch VW kündigten nicht lange nach den Meldungen über Chinas baldiges Verbrenner-Verbot weitere Milliardeninvestitionen in E-Mobilitäts-Projekte an. Ob sie mit ihren Elektro-Offensiven die Vorgaben von Chinas engem Zeitplan stemmen können, hängt davon ab, ob Peking schon in drei Monaten ernst macht oder die Zwangsquoten, wie bereits einmal angekündigt, zu Beginn etwas abmildert. Daneben wurde Autobauern noch eine andere Lösung in Aussicht gestellt: Wer die Quote nicht erfüllt, kann zum Ausgleich Kontenpunkte" anderer Hersteller erwerben. In der Praxis könnte dies bedeuten, dass ein deutscher Hersteller E-Auto-Punkte von chinesischen Konkurrenten wie BYD oder BAIC Motor einkauft. Eine Art Ablassregelung, die allerdings schmerzlich auf die Marge drückt und chinesischen E-Auto-Herstellern weiteren Auftrieb verschaffen könnte. Nicht dass sie es nötig hätten: Bereits jetzt subventioniert der chinesische Staat den heimischen Markt für Elektroautos, beispielsweise durch Produktionszuschüsse beim Bau oder durch Rabatte für Käufer. Auch ist es in Großstädten wie Peking bedeutend leichter eine Zulassung für Neuwagen mit Elektromotor zu bekommen, als für ein Fahrzeug mit Verbrennungstechnik unter der Haube.

Die Gründe für die Vorzugsbehandlung von E-Mobilen liegen zum einen in Chinas besorgniserregender Luftverschmutzung. Auf den Straßen des Landes sind derzeit um die 160 Millionen Autos unterwegs. In Kombination mit den Emissionen kohlebetriebener Kraftwerke bleibt insbesondere den Bewohnern der Ballungszentren im Norden regelmäßig die Luft weg. Eine klassenübergreifende Motorisierungsquote der Gesamtbevölkerung, wie sie etwa in West-Europa oder den USA existiert, wäre für Chinas Gesellschaft und seine Umwelt fatal.

Die langfristig geplanten Investitionen in die Elektromobilität haben aber auch noch andere Gründe. Durch sie könnte das Land endlich den Technologievorsprung des Westens aufholen und hat sogar die Chance in einer zentralen Industrie der Weltwirtschaft eine Führungsrolle zu übernehmen. Anders als bei der Entwicklung von Verbrennungsmotoren hat China hier gute Grundvoraussetzungen geschaffen, um sich als Leitanbieter und Hightech-Großmacht global zu etablieren. In den USA investiert das kalifornische Unternehmen Tesla ähnlich intensiv in die Elektromobilität. Bei hochpreisigen Elektroautos ist das Unternehmen bereits Marktführer. Mit dem Klimawandel-Zweifler Donald Trump hat Tesla-Gründer Elon Musk jedoch eher einen politischen Gegenspieler als einen Verbündeten im Rücken.

Deutschland hinkt der Entwicklung unterdessen hinterher, und das, obwohl im größten Automarkt Europas die Grundlagen für das elektromobile Zeitalter natürlich gegeben sind. Noch ist es nicht zu spät, um aufzuholen. Noch sind bei vielen chinesischen Kunden internationale Automarken äußerst beliebt. So liegt der Marktanteil ausländischer Anbieter jenseits von E-Autos weiterhin konstant bei über 60 Prozent. Das könnte sich durch eine weiter angekurbelte Nachfrage nach Elektrofahrzeugen jedoch schon bald ändern. Ohne einen konsequent vollzogenen Technologiewandel und eine staatliche Vorwärts-Strategie wären die fetten Jahre der deutschen Autoindustrie dann endgültig vorbei.

Unser Korrespondent der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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