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Usbekistan 2.0

2017-09-22 09:32:03 de.china-info24.com Frank Sieren

„Straße des Wohlstands“ und „Straße des Friedens“ nennt die chinesische Regierung ihre „Neue Seidenstraße". Mehr als 900 Milliarden Euro investiert Peking in das Großprojekt, um China, Zentralasien, Europa und Afrika wieder enger zusammenrücken zu lassen. Zu Land entstehen dabei entlang der alten Handelsrouten Zugstrecken und Autobahnen, die neue Märkte erschließen und chinesische Produkte noch schneller nach Europa bringen sollen.

Während Deutschland noch diskutiert, ob die Neue Seidenstraße eine Bedrohung oder Chance darstellt, haben andere diese Chance längst ergriffen. Besonders Zentralasien begrüßt das neue Handelsnetzwerk. In Ländern wie Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan und Tadschikistan lebten auch unter der Sowjetherrschaft die Erinnerungen an die alte Seidenstraße fort, die der Region 2.000 Jahre lang kulturellen Austausch und Reichtum bescherte. Für den Westen waren diese Länder Jahrzehnte lang nicht erreichbar. Sie lagen hinter dem Eisernen Vorhang in der Sowjetunion, dann ab den 90er-Jahren hatte Westeuropa mit Osteuropa und China genug zu tun. Die Länder fielen durchs Raster. Nun liegen sie durch die „One Belt, One Road"-Initiative, wie die Jahrhunderte zuvor, wieder auf einer Handelsachse.

Nun ergreift auch Usbekistan, mit 32 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Zentralasiens, seine Chance. Seit seiner Unabhängigkeit war das Land unter der Führung von Präsident Islam Karimow verschlossen und eigenbrötlerisch. Im vergangenen Jahr ist Karmow gestorben und sein Nachfolger Schawkat Mirsijojew dreht nun auf. Der 60-Jährige will das bislang planwirtschaftlich geführte Usbekistan modernisieren und in Richtung einer Marktwirtschaft ausbauen. Unter ihm hat die Zentralbank Anfang September bereits völlig überraschend seine Währung freigegeben, zum ersten Mal seit Usbekistan ein eigenständiges Land ist. Usbekischen Unternehmen und Privatpersonen ist es nun erlaubt, die Landeswährung Sum relativ frei zu tauschen. Der Kurs stieg sogar über den Schwarzmarktkurs. Ein radikaler Schritt von Mirsijojew.

Auch das Reisen wird für die Usbeken in Zukunft leichter. Ab 2019 müssen keine Ausreisevisa im Sowjetstil mehr beantragt werden, um das Land zu verlassen. Der Korruption hat Mirsijojew ebenfalls den Kampf angesagt. Wohlwollende Beobachter vergleichen ihn bereits mit dem chinesischen Reformer Deng Xiaoping, der China nach Maos Tod öffnete und so den Weg für das beispiellose Wirtschaftswachstum ebnete. Wie Deng experimentiert Mirsijojew mit Freihandelszonen, um ausländisches Kapital ins Land zu holen. Wie Deng reist er durch sein Land, um sich selbst ein Bild der Lage zu machen.

Schon lange gilt das Land als Hoffnungsträger der Region, als potentieller Hoffnungsträger besser gesagt. Die ehemalige Sowjetrepublik ist reich an Gas- und Ölvorkommen, die Bevölkerung mit einem Altersdurchschnitt von 26,7 Jahren jung und dynamisch. Schon heute gehört das Land zu den weltgrößten Exporteuren von Baumwolle.

Ausländische Firmen hielten sich wegen der politischen Intransparenz, staatlichen Devisenkontrollen, Einfuhrverboten und Zollschranken jedoch mit Investitionen bislang noch zurück. Das soll sich nun ändern.

Die Zugkraft des chinesischen Seidenstraßenprojektes hilft Usbekistans reformfreudigen Präsidenten, das Potential seines Landes zu entfalten. In dieser Hinsicht kann er an die Initiative seines Vorgängers anknüpfen. Der schwer kranke Karimow hatte wenige Wochen vor seinem Tod noch den chinesischen Präsidenten Xi Jinping in der Hauptstadt Taschkent empfangen. Gemeinsam haben sie die Bahnstrecke Angren–Pop eingeweiht. Sie solle das dicht bevölkerte Ferghanatal mit dem Westen Usbekistans verbinden. Gleichzeitig soll die Bahnstrecke das erste Teilstück für den Anschluss an China im Westen sein. Über die Verlängerung nach China sind die Verhandlungen bereits weit fortgeschritten. Damit wird sie ein Strang des neuen internationalen Transportkorridors zwischen China, Zentralasien und Europa. In die bereits fertiggestellte Strecke hat die staatliche China Exim-Bank umgerechnet 350 Millionen US-Dollar investiert. Auf ihr befindet sich nun auch der längste Eisenbahntunnel Zentralasiens – gebaut von der China Railway Tunnel Group (CRTG).

Im Mai dieses Jahres schloss Mirsijojew bei seinem Besuch des ersten Seidenstraßen-Gipfels in Beijing weitere Handelsvereinbarungen mit China in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar ab, das ist viel für ein Land mit einem BIP von 67,22 Milliarden US-Dollar im vergangenen Jahr. Man wolle zukünftig auf den Gebieten des Handels, des Energie-, Transport- und Agrarsektors sowie in Wissenschaft und Technik noch enger zusammenarbeiten, versicherte der Präsident zuletzt Anfang September bei einem Treffen mit dem chinesischen Politbüromitglied Meng Jianzhu.

In Zukunft könnte die von Peking vorangetriebene Seidenstraße nicht nur Zentralasiens Bedeutung als Knotenpunkt internationaler Handelswege stärken, sie könnte auch helfen, die Region als Interessensgemeinschaft zu vereinen und ihre Interessen gemeinsam besser zu vertreten – durchaus auch gegenüber dem großen und starken Nachbarn China. Usbekistans Präsident Mirsijojew scheint auch hier eine Vorreiterrolle einnehmen zu wollen. Die Nachbarschaftsfehden, die sein Vorgänger noch gepflegt hat, sind für ihn Geschichte. Nach einem Vierteljahrhundert unterkühlter Beziehungen ließ er im April dieses Jahres erstmals wieder eine Flugverbindung in die tadschikische Hauptstadt Duschanbe einrichten. Anfang September öffnete Usbekistan einen Grenzübergang nach Kirgisistan, der seit dem Ende der 90er-Jahre wegen ethnischer Spannungen äußerst schwer passierbar war. Und Präsident Mirsijojew reiste zu einem Besuch in den Nachbarstaat. Der erste Besuch seit der Unabhängigkeit der beiden Länder Anfang der 90er-Jahre. Sein kirgisischer Kollege Almasbek Atambajew sprach zu Recht von einem „historischen Ereignis".

Das wäre unter Usbekistans früherem Staatschef Karimow noch undenkbar gewesen. Die Chancen, die Chinas Neue Seidenstraße versprechen, haben also bereits zwei spürbare Effekte in Zentralasien. Der Wettbewerbsdruck weckt die Länder auf und zwingt sie gleichzeitig, sich untereinander enger zu koordinieren und ihre Politik mit ihren großen Nachbarn auszutarieren. Nicht nur, was wirtschaftliche Fragen betrifft, sondern auch wenn es darum geht den internationalen Terrorismus zu bekämpfen. Viele der selbsternannten Krieger des IS kommen aus Usbekistan. Der Attentäter, der im April mit einem Kleinlaster in eine Menschenmenge in Stockholm raste, war Usbeke, ebenso der Amokläufer, der an Sylvester 39 Menschen in einer Istanbuler Disko tötete. Die Armut Usbekistans treibt dem IS und der al-Nursa Front die Mitglieder in die Arme. Besonders die Menschen auf dem Land verdienen im Durchschnitt weniger als drei Dollar pro Tag. Viele verdingen sich als Gastarbeiter in Russland. Die große Mehrheit der zentralasiatischen Terror-Rekrutierungen finden derzeit in Russland statt, hat Edward Lemon, Forscher an der New Yorker Columbia-Universität herausgefunden. Usbekistan teilt sich einen Grenzabschnitt von ungefähr 160 Kilometern Länge mit Afghanistan. Peking macht sich Sorgen, dass sich islamistische Extremisten aus der uigurischen Minderheit Usbekistans oder aus dem Autonomen Gebiet Xinjiang über die Grenze absetzen und sich in Terror-Trainingslagern in Syrien und dem Irak ausbilden lassen. Auch hier wollen Usbekistan und China in Zukunft enger zusammenarbeiten, um „Separatismus, Extremismus und Terrorismus" stärker zu bekämpfen, wie Mirsijojew bei einem Treffen mit Xi Jinping im Mai bekräftigte.

Nicht zuletzt aufgrund der Terror-Gefahr haben auch Russland, die Türkei, aber auch die USA und die EU ein großes Interesse an einem wohlhabenden Usbekistan in einem prosperierenden Zentralasien. Die Chinesen kümmern sich um dieses Thema allerdings sehr viel mehr als die Europäer.

Unser Korrespondent der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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