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Der große Sprung ins All

2017-09-28 13:20:26 de.china-info24.com Frank Sieren

Es wäre eine wissenschaftliche Sensation: Laut einem Bericht des staatlichen Fernsehsenders CCTV2 haben chinesische Wissenschaftler einen funktionierenden Prototyp des sogenannten EmDrive-Triebwerks entwickelt, an dem auch die NASA, und kurzzeitig auch der Flugzeughersteller Boeing forschte.

Der elektromagnetische Antrieb soll elektrische Energie mittels Mikrowellen in Schubkraft umwandeln können. Eine nie dagewesene Art der Energieerzeugung, die vor allem die Raumfahrt für immer verändern könnte. Eine Raumsonde mit „Electromagnetic Drive" würde auf weite Strecken ohne teuren und schweren Treibstoff auskommen. Und da man den Strom für die Mikrowellen aus Solarenergie gewinnen könnte, wäre solch ein Gefährt in der Lage, in Rekordzeit bis in die entferntesten Winkel des Universums vorzudringen. Ein System, so futuristisch und bahnbrechend wie der Warp-Antrieb aus Star Trek, jubeln Tech-Freaks. Ein System, das einer wissenschaftlichen Überprüfung niemals standhält, erwidern die Skeptiker.

Bis ein NASA-Labor im November 2016 eine Machbarkeitsstudie veröffentlichte, galt das von einem britischen Raumfahrtingenieur erdachte EmDrive-Konzept als rein hypothetische Angelegenheit. Die Tests des „Eagleworks"-Teams unter der Leitung von Harold White und Paul March wiesen jedoch immerhin minimale Kräfte in einer Vakuumkammer nach. Beide Forscher gelten als führende Wissenschaftler im Bereich futuristischer Antriebssysteme. Dennoch nahm die Fachwelt ihre Ergebnisse nur mit großer Skepsis zur Kenntnis. Der Antrieb widerspreche grundlegenden physikalischen Erkenntnissen. Laut Newtons Wechselwirkungsgesetz brauche jede Kraft eine gleichgroße Gegenkraft, um Schub zu erzeugen. Jeder chemische Rückstoß-Raketenantrieb basiert auf dieser Logik: Ein Antrieb schleudert Masse in Richtung Boden - und die Gegenreaktion lässt die Rakete starten.

Deshalb führen Spezialisten wie Professor Brice Cassenti von der Universität von Connecticut die positiven Testergebnisse des NASA-Versuches schlicht auf fehlerhafte Messungen zurück. Auch die Forscher selbst räumten ein, dass ihre Ergebnisse „nicht der vorherrschenden Ansichten der Physik“ entsprechen. Die genaue Funktionsweise konnten auch sie sich nicht abschließend erklären. Fehlerquellen, von Mini-Luftströmen bis zu magnetischen Störungen, seien nicht vollkommen ausgeschlossen. Wie wahrscheinlich sind also Chinas Berichte über einen Durchbruch?

Die staatliche Zeitung für Wissenschaft und Technik schrieb bereits im Dezember 2016, dass chinesische Wissenschaftler seit sechs Jahren an elektromagnetischen Antrieben forschen. Bei einer ebenfalls Ende 2016 abgehaltenen Pressekonferenz in Beijing verkündeten Mitglieder der chinesischen Akademie für Raumfahrttechnik, ein Testexemplar auf den Weg gebracht zu haben, wobei es jedoch noch einige technische Probleme zu lösen gäbe. Nun erklärt Dr. Chen Yue, Leiter der Abteilung für Kommunikationssatelliten an der chinesischen Akademie für Raumfahrttechnik, dass man die Schlüsseltechnik „schon bald“ in Satelliten zur Anwendung bringen wolle. Technische Einzelheiten und konkrete Zeitpläne blieb der Forscher jedoch schuldig. Was einen stutzig macht ist, dass diese öffentliche Äußerung in China ja kein Alleingang gewesen sein kann. Der Staat finanziert und entscheidet auch, wann was veröffentlich wird. Auf eines achtet der Staat schon: dass er sich nicht lächerlich macht. Insofern lautet normalerweise die Devise in Peking: Lieber etwas später an die Öffentlichkeit. Wenn Dr. Chen nicht wissenschaftlichen Selbstmord begehen will muss er also irgendetwas entdeckt haben, zumal die Raumfahrt bei der chinesischen Regierung ganz oben auf der Prioritätenliste steht. Wie keine andere Regierung hat Peking sein staatliches Raumfahrtprogramm vorangetrieben – und vor allem in den vergangenen zwei Jahren besonders Gas gegeben. 2016 lag China mit 22 Raketenstarts erstmals auf Augenhöhe mit den USA und überflügelte dabei auch gleich die einstigen Raumfahrtpioniere aus Russland um fünf erfolgreiche Flüge. Zwei neue Raketentypen wurden dabei getestet, darunter Chinas bislang tragfähigste Rakete mit dem klangvollen Namen Langer Marsch 5". Eine ältere Rakete vom Typ „Langer Marsch 2F" beförderte im September gleichen Jahres das nicht minder klangvoll getaufte, zweite chinesische Raumlabor „Tiangong 2“ in die Umlaufbahn, zu deutsch „Himmelspalast“. Nur zwei Monate später beendete China dann seine bislang längste bemannte Weltraummission auf dem Raumschiff „Shenzhou 11“. Doch all das soll nur der Anfang sein. „Den riesigen Kosmos zu erforschen, die Raumfahrtindustrie zu entwickeln und China zu einer Raumfahrtmacht aufzubauen ist ein Traum, den wir unablässig verfolgen“, erklärte Peking in einem Anfang 2017 vorgelegten Fünfjahresplan.

Während die Raumfahrt in den USA mit Unternehmen wie Elon Musks SpaceX vermehrt in den privaten Sektor abwandert, wird China mit staatlichen Großinvestitionen zum Taktgeber im All. Bis zum Jahr 2022 will China eine 66 Tonnen schwere Raumstation fertig stellen, in der drei Astronauten leben und arbeiten können. In der Umlaufbahn der Raumstation soll ein Raumteleskop positioniert werden, das dem „Hubble“-Teleskop der USA ähnelt, jedoch über ein 300mal größeres Blickfeld verfügt. Falls die Internationale Raumstation ISS wie vorgesehen 2024 ihren Dienst quittiert, wäre China die einzige Nation mit einem permanenten Außenposten im All.

Weitere große Schritte auf dem Weg zur tonangebenden Raumfahrtnation sind zwei unbemannte Mondmissionen und eine Reise zum Mars, die bereits in den nächsten drei Jahren losgehen sollen. Bei letzterer will China im Jahr 2020 sechs Rover-Fahrzeuge auf dem roten Planeten platzieren. Die Gefährte sollen vor allem auf dessen nördlicher Halbkugel Daten über die Umwelt, die Bodenbeschaffenheit und die Atmosphäre sammeln.

Man sei auf „einem guten Weg", erklärte Zhang Rongqiao, Chefplaner der Mission, vor einer Woche, was immer das bedeuten mag. In der chinesischen Provinz Qinghai wird man den fernen Planeten schon eher erleben können, und zwar hautnah. Dort, im Nordosten des tibetischen Hochlandes, entsteht gerade die Nachbildung einer 95.000 Quadratmeter großen Marslandschaft. Nach Fertigstellung soll das umgerechnet 61,1 Millionen US-Dollar teure Projekt Wissenschaftlern als Experimentierfeld dienen, mit einem großzügigen Freizeit- und Lernangebot aber auch als Ausflugsziel die Begeisterung für Chinas Raumfahrtprogramm in der Bevölkerung steigern. „Die Leute träumen davon zum Mars zu reisen - wir geben ihnen die Möglichkeit zu erleben, wie es ist, im All zu sein," erklärt Liu Xiaoqun, von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und Leiter des Projekts. Eine kluge Investition in die Zukunft. Spätestens seit dem Kalten Krieg und seinem "Wettlauf ins All" weiß man, dass Fortschritte in der Raumfahrttechnik auch für zivile Bereiche von großer Bedeutung sind, etwa für die Nachrichtentechnik, Navigationssysteme, Mikroelektronik und die weltweite Computervernetzung. Auch die Treibhausgasentwicklungen in der Atmosphäre oder die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gletscher wären ohne den Blick von oben nicht möglich gewesen. Wenn China auf dem jetzigen Investitionsniveau weitermacht, wird es bald die technische Vorherrschaft im All errungen haben und möglicherweise auch in ganz neue Regionen vorstoßen. Auch ohne EmDrive-Antriebe, die man aber im Auge behalten sollte.

Unser Korrespondent der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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