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Reif für die Insel

2017-10-05 16:23:49 de.china-info24.com Frank Sieren

Palmen, weiße Strände, frische Luft und türkisblaues Meer: Einen erholsameren Ort als das tropische Hainan vor Südchinas Küste kann man sich kaum vorstellen. Die auch als „chinesisches Hawaii" bekannte Insel-Provinz ist nicht nur ein populäres Urlaubsziel, sondern auch ein beliebter Kurort. Spezialkliniken wie das Sanya TCM Hospital behandeln Touristen hier schon seit 15 Jahren mit Methoden der traditionellen chinesischen Medizin. Das milde Klima trägt zum guten Ruf Hainans als Ort der Genesung bei – ein Potential, das die chinesische Regierung mit einem einzigartigen Pilotprojekt in Zukunft noch stärker ausschöpfen will.

In der Nähe des Städtchens Lecheng, das etwa 90 Kilometer von Hainans Hauptstadt Haikou entfernt liegt, entsteht ein drei Milliarden US-Dollar teures Medizinzentrum mit dem sperrigen Namen „Boao Lecheng International Medical Tourism Pilot Zone". Wenn es fertig ist, soll es sich wie eine medizinisch ausgerichtete Trabantenstadt auf einer Fläche von knapp 650 Hektar ausdehnen. Zahlreiche Krankenhäuser und Spezialpraxe sollen chinesische und ausländische Besucher hier in Zukunft auf dem neuesten Stand der Technik behandeln, sei es in traditioneller chinesischer Medizin, westlicher Schulmedizin oder plastischer Chirurgie. Ausnahmeregelungen machen das Areal zu einer Art Sonderverwaltungszone für das chinesische Gesundheitswesen. Zur Behandlung schwerer Krankheiten werden hier auch Medikamente und Behandlungsmethoden zum Einsatz kommen, die bislang nicht in China zugelassen sind oder sich noch im Zulassungsprozess befinden. Ärzte aus dem Ausland können hier mit Sondergenehmigung bis zu drei Jahre praktizieren. Ausländische Einrichtungen wie das mit der Harvard Medical School verbundene Brigham and Women’s Hospital aus Boston haben bereits Kooperationen mit chinesischen Unternehmen wie der Evergrande Health Industry Group aus Guangzhou zugesagt. In fünf Jahren soll die Gesundheits-Oase voll einsatzbereit sein und bis 2025 jährlich eine Millionen Patienten empfangen.

Mit dem Pilotprojekt reagiert China auch auf den wachsenden Medizintourismus seiner Bevölkerung. Laut einer Schätzung der Reisewebseite Ctrip.com haben im vergangenen Jahr eine halbe Millionen Chinesen medizinische Dienste im Ausland in Anspruch genommen. Dabei gaben sie im Durchschnitt 7.000 Dollar aus – fast doppelt so viel wie bei einer normalen Urlaubsreise. Der Gesundheitstourismus ist ein weltweiter Wachstumsmarkt und die Chinesen sind ganz vorne mit dabei. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Chinas nehmen auch die Zivilisationskrankheiten zu. So hat sich die Zahl der Diabetes-Patienten innerhalb der vergangenen 30 Jahre mehr als verzehnfacht. Mittlerweile lebt jeder dritte Zuckerkranke in China, dem bevölkerungsreichsten Land der Erde. Krebserkrankungen sind ebenfalls auf dem Vormarsch. Während im Jahr 2010 2,4 Millionen Fälle diagnostiziert wurden, waren es 2015 bereits 4,3 Millionen. Der demographische Wandel trägt dazu bei, dass das chinesische Gesundheitssystem vor großen Herausforderungen steht. Mehr als 200 Millionen von insgesamt knapp 1,4 Milliarden Chinesen sind heute schon älter als 60 Jahre. Aufgrund der langjährigen Ein-Kind-Politik wird der Anteil noch deutlich steigen.

Viele Krankenhäuser sind schon jetzt überlastet. Vielerorts müssen sich Kranke auf lange Wartezeiten einstellen. Auch deshalb wächst die Nachfrage nach Behandlungen und medizinischen Eingriffen im Ausland. Innerhalb Asiens sind Japan, Thailand, Singapur and Südkorea beliebte Ziele für chinesische Gesundheitstouristen. Betuchtere reisen auch in die USA, Kanada, die Schweiz oder Länder der EU. Nicht nur in Deutschland haben Kliniken und Unternehmen mittlerweile speziell auf chinesische Touristen ausgerichtete Angebote im Programm, von fremdsprachigen Broschüren bis hin zu Rundum-Sorglos-Paketen, die vom Visum über den Dolmetscher bis hin zur Unterkunft für Angehörige alles abdecken. Manche Krankenhäuser unterhalten sogar Komfortstationen, deren Standards denen guter Hotels gleichen. Auch der Tourismussektor hat den Trend erkannt. Städte wie München, Hamburg oder Berlin werben auf Medizinmessen im Ausland gezielt für ihre Standorte. Hinzu kommen Startups, die ebenfalls von den gesundheitlich motivierten Reisen der Chinesen profitieren. Auf der Plattform des Berliner Unternehmens Medigo können Patienten medizinische Behandlungen im Ausland vergleichen und buchen. Anfang 2016 erhielt die Firma einen Zuschuss in Höhe von 3,5 Millionen US-Dollar, unter anderem von CL Global Healthcare, einer Tochtergesellschaft der in China und in den USA ansässigen Investmentplattform CL Investment Group. Mit der Finanzspritze will Medigo vor allem sein Geschäft in China erweitern.

Ob das Medizinzentrum auf der Insel Hainan dazu beitragen kann, dass die Chinesen ihr Erspartes in Zukunft in das heimische Gesundheitswesen investieren, hängt nicht zuletzt davon ab, ob sich genug qualifizierte Ärzte finden. Der Arztberuf ist in China kein Traumjob mehr. Die Ausbildung dauert lange, der Druck ist groß, das Gehalt vergleichsweise gering. Viele Medizinstudenten träumen von einer Anstellung in der Pharmaindustrie oder im Ausland. Mit modernster Technik und guten Arbeitsbedingungen könnte das im Inselparadies hochgezogene Mammutprojekt neue Standards setzen und so auch den Arztberuf wieder attraktiver machen. Das Wetter vor Ort ist jedenfalls schon mal unschlagbar.

Unser Korrespondent der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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