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Land auf Autopilot

2017-11-02 13:40:24 de.china-info24.com Frank Sieren

Es ist ein immer wiederkehrendes Horrorszenario: In den USA fuhr am vergangenen Dienstag abermals ein Terrorist mit einem Auto in eine Menschenmenge. Alleine 2016 kam es zu sechs solcher Anschläge, bei denen ein Fahrzeug als Mordinstrument diente. Auch in China passierten solche Attacken in der Vergangenheit, etwa im Oktober 2013 auf dem Platz des Himmlischen Friedens, wo fünf Menschen starben und 38 verletzt wurden. Vorhersehen und verhindern lassen sich solche Attentate nur schwer. Wissenschaftler und Politiker sehen allerdings in der Entwicklung selbstfahrender Autos eine Chance, damit Kraftfahrzeuge sich in Zukunft nicht mehr terroristisch zweckentfremden lassen. Das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten verabschiedete im September einen „Self Drive Act“, der unter anderem festlegt, dass selbstfahrende Autos, wenn sie sich eines Tages als Standard etabliert haben, serienmäßig mit einem Warnsystem ausgestattet werden müssen, das Anschlagsversuche blockiert.

Doch nicht nur Attentate, auch Verkehrsunfälle könnten durch die verkürzte Reaktionszeit computergesteuerter Automobile drastisch reduziert werden. Rund 3.500 Verkehrstote gibt es jedes Jahr in Deutschland, circa 30.000 in den Vereinigten Staaten, über 200.000 in China und weltweit rund 1,3 Millionen. Auch Treibhausgasemissionen und Staus könnten durch hocheffiziente Roboterautos minimiert werden. Alle großen Automobilhersteller arbeiten deshalb derzeit mit Hochdruck an selbstfahrenden Modellen, bei denen der Mensch irgendwann nicht mehr Steuermann, sondern nur noch als Passagier von A nach B transportiert wird. Dabei wird nach Automatisierungsstufen unterschieden: Fahrzeuge mit Stufe 3 können in bestimmten Situationen alleine fahren, haben aber ein Lenkrad und müssen generell vom Fahrer gesteuert werden. Stufe 4 fährt in der Regel alleine, der Fahrer kann jedoch jederzeit übernehmen. Auf Stufe 5 fahren Autos selbstständig, ohne dass ein menschlicher Fahrer eingreifen kann beziehungsweise muss. Vor allem bis zur Stufe 4 ist die Entwicklung schon weit vorangeschritten. Prototypen und Testfahrzeuge sind bereits weltweit im Einsatz.

China, der weltgrößte Automarkt, steht dem technologischen Fortschritt in der Automobilbranche sehr aufgeschlossen gegenüber, wie man zuletzt auch an den gewaltigen Investitionen im E-Automarkt beobachten konnte. Einer Umfrage des Bosch-Konzerns zufolge wünschen sich 74 Prozent der Chinesen eine rasche Einführung automatisierter Fahrzeuge. In Deutschland waren es dagegen nur 33 Prozent, in der Autofahrernationen USA sogar nur 31. Dennoch wird auch in den USA längst eifrig getüftelt und getestet. Dort haben Unternehmen wie Google, Apple und Ford, aber auch Volkswagen und Daimler Zulassungen erhalten, um autonome Fahrzeuge zu testen. Als einer der Pioniere gilt der US-Elektroautobauer Tesla, der zuletzt den Bau einer Fabrik zur Fahrzeugproduktion in Shanghai angekündigt hat. Auch Deutschland gilt im Bereich des autonomen Fahrens als innovativ. 52 Prozent der weltweit angemeldeten Patente fallen auf deutsche Hersteller. Die Deutschen wollen bei diesem Trend nicht wieder, wie zuletzt beim E-Automarkt, den Anschluss verpassen. In welchem Land sich das selbstfahrende Auto zuerst durchsetzt, ist eine der großen Fragen, die die Automobil- und Technikindustrie derzeit umtreiben. Und: Wird dieses Land dann auch der größte Absatzmarkt sein?

Peking hat die Einführung von selbstfahrenden Autos zur nationalen Priorität erklärt. Der chinesische Verband der Automobilingenieure stellte zusammen mit dem Ministerium für Industrie und Informationstechnologie bereits im vergangenen Jahr eine Markteinführung voll- oder teilautonomer Fahrzeuge für die Zeit zwischen 2021 und 2025 in Aussicht. Zwischen 2026 und 2030 soll das vollautomatisierte Fahren dann schon Standard in China sein. Während sich die meisten Assistenzsysteme bislang auf einen Mix aus Kameras und Sensoren konzentrieren, wollen sich Chinas Autobauer in Zukunft vor allem auf die Auswertung von Satellitendaten verlassen. Chinas große Tech-Unternehmen treiben die Entwicklung voran. Am aktivsten ist derzeit der als Suchmaschinenanbieter bekanntgewordene Internetkonzern Baidu. Zusammen mit dem chinesischen Automobilkonzern BAIC will Baidu schon 2021 eine nahezu autonom fahrende Flotte der Autonomiestufe 4 auf die Straße schicken. Auch eine Kooperation mit dem landesweit agierenden Fahrdienst Shouqi Limousine & Chauffeur ist geplant, einer Tochtergesellschaft der staatlichen Shouqi-Gruppe. Dabei soll Shouqi Bewegungsdaten seiner Fahrzeuge an Baidu liefern und im Gegenzug ständig optimiertes Kartenmaterial erhalten. Um die Marktführerschaft zu übernehmen hat Baidu außerdem die Plattform Apollo ins Leben gerufen, die nichts Geringeres als das „Android-System der autonomen Fahrindustrie“ hervorbringen soll, wie Qi Li, der Vizevorsitzende von Baidu es ausdrückt. Das Projekt ist Open-Source, d.h. es kann und soll von verschiedenen Akteuren aus der Automobil- und Tech-Branche frei verwendet und optimiert werden können, und das nicht nur innerhalb Chinas, sondern weltweit. Baidu fährt damit eine mutige Strategie, die aber aufgehen könnte. Unternehmen mit eigener Software könnten es schwer haben, sich noch einzuklinken, wenn sich die Karten und Tools des Apollo-Betriebssystems auf dem Gebiet des autonomen Fahrens erst einmal als Standard durchgesetzt haben.

Doch nicht nur Baidu, auch Alibaba und Tencent, die anderen beiden großen Tech-Giganten Chinas, haben den Weltmarkt im Blick. Momentan konzentrieren sie sich auf die Web-Vernetzung von Automobilen und die Entwicklung neuer Unterhaltungselektronik. So hat Alibaba mit dem chinesischen Autobauer SAIC das Joint-Venture Banma gegründet, das Apps aller Art, GPS-Dienste und Touchscreens in selbstfahrenden Autos verfügbar machen soll. Der Vorstandvorsitzende von Banma, Alex Shi, geht davon aus, dass sich die Unterhaltungselektronik in selbstfahrenden Autos schon bald zu einem umkämpften Markt entwickeln wird. Denn in einem Auto, das man nicht selbst steuern muss, hat man sprichwörtlich freie Hand, um zu tun, was man möchte, vom Power-Nap über Videospiele bis hin zur Konferenzschaltung. Tencent hat zu diesem Zweck ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Guangzhou Automobile Group Company gegründet um zusammen ein „intelligentes und vernetztes Auto mit einer starken Markenpersönlichkeit“ auf den Markt zu bringen. Daneben investierte Tencent 1,8 Milliarden Dollar in Tesla-Aktien. Auch der Fahrdienst Didi Chuxing, mit einer Bewertung von rund 50 Milliarden Dollar das wertvollste Start-up Chinas, möchte in vernetztem und autonomem Fahren in Zukunft tonangebend sein. Im März hat das Unternehmen ein Forschungslabor in Mountain View, Kalifornien, eröffnet, wo es an der Entwicklung autonomer Fahrsysteme mit künstlicher Intelligenz arbeitet.

Mehrere deutsche Unternehmen haben ebenfalls den chinesischen Markt anvisiert. Bosch gab im Sommer dieses Jahres eine strategische Partnerschaft mit Baidus Apollo und den Kartenherstellern AutoNavi und NavInfo bekannt. Gemeinsam wollen sie an einer Lösung arbeiten, um mit Informationen von Radar- und Videosensoren selbstfahrende Autos zentimetergenau durch den Verkehr zu lotsen. Der Daimler-Konzern schickt bis Januar 2018 autonome, auf der S-Klasse basierende Testfahrzeuge auf die Straßen von Shanghai. Sie sollen sich an den chinesischen Verkehr anpassen und dabei wichtige Informationen sammeln. Denn das Fahrverhalten und der Verkehrsfluss unterscheiden sich in jedem Land erfahrungsgemäß erheblich. Auch Verkehrszeichen, Geschwindigkeitsbegrenzungen und Stausituationen müssen in China anders interpretiert werden als in Europa oder den USA. Dabei werden von den Fahrzeugen riesige Datenmengen verarbeitet. Der Hintergedanke: Wer es in Chinas dichtem und oftmals chaotischem Verkehr schafft, einem Computer das Fahren beizubringen, kann überall bestehen.

Noch ist das Rennen bei der Entwicklung von autonomen Fahrzeugen offen, noch gibt es keinen Marktführer. China hat den westlichen Industrienationen jedoch voraus, dass es nach wie vor viel neue Infrastruktur baut und damit auch über mehr Entwicklungspotential verfügt. Selbstfahrende Autos werden die Stadtplanung Chinas schon in naher Zukunft verändern und mitbestimmen. Zudem hat das Land ein dringendes Interesse, mit vollautomatisierten Autos seine derzeitigen Umweltprobleme und Verkehrsinfarkte in den Griff zu bekommen. Viele chinesische Städte haben sich bereits als Testfelder ins Gespräch gebracht. So möchte das 200 Kilometer westlich von Shanghai gelegene Wuhu bis zum Jahr 2025 eine vollständig fahrerlose Stadt werden. Gut möglich, dass ihr schon bald viele weitere folgen.

Unser Korrespondent der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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