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Ritt auf dem virtuellen Drachen

2017-11-16 12:31:22 de.china-info24.com Frank Sieren

Die Ufos sind gelandet. Mitten in Guiyang, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Guizhou schmiegen sich riesige kreisförmige Gebilde in die hügelige Landschaft. In der Mitte des Areals, das wie eine Weltraumkolonie aus ferner Zukunft wirkt, steht ein 50 Meter hoher Roboter und weist mit ausgestrecktem Waffenarm zum Horizont. Bei näherem Betrachten entpuppt sich der aus 750 Tonnen Stahl zusammengeschweisste Gigant als Figur aus der bekannten Filmreihe Transformers". Wir befinden uns also doch noch in der Gegenwart. Aber immerhin soll hier, im Südwesten Chinas, die Zukunft der Unterhaltungsindustrie entschieden werden. Die futuristische Szenerie ist Teil des sogenannten Oriental Sci-Fi-Valley, dem größten Virtual-Reality-Freizeitpark der Welt. Im Juli 2016 begann der Bau der 1,3 Quadratkilometer großen Anlage, im Dezember wird die sogenannte „Alien Basis“ nun als erster Abschnitt für Besucher geöffnet.

Zu den Attraktionen gehören Kinos, Achterbahnen, Videospielzentren und neonbeleuchtete Erlebnisplattformen. Doch das ist nur die Oberfläche. Die wahre Magie entfaltet sich unter den Virtual-Reality-Headsets, mit denen die Besucher hier jeweils ausgestattet werden. So dreht man zwar in einer echten Achterbahn Loopings, unter der Brille wird die Erfahrung aber in eine fremde, digital programmierte Welt übersetzt, so dass man beispielsweise in einem Raumschiff durch das All düst oder auf sich windenden Drachen Rodeo reitet – und dabei die Stahlkonstruktion, die einen in Wirklichkeit trägt, ganz vergisst.

Der Fachbegriff für dieses Eintauchen in virtuelle Welten lautet Immersion". Im besten Fall ist der Eindruck so überzeugend, dass man die simulierte Umgebung im Rausch der Erfahrung als real empfindet.

Lange Zeit verkörperte die Virtual-Reality-Technik das Image eines eskapistischen Ein-Mann-Erlebnisses, bei dem sich Geeks und Gamer in dunklen Zimmern von der Wirklichkeit entfremden.

In VR-Freizeitparks wie dem in Guiyang werden diese Erfahrungen jedoch mehr und mehr zum interaktiven Gemeinschaftserlebnis. VR-Entertainment-Center gibt es bereits in vielen Ländern, das 1,5 Milliarden teure Oriental Sci-Fi-Valley ist jedoch das bislang ambitionierteste. Entwickelt wurde es vom börsengelisteten Unternehmen Oriental Times Media, das im Juli 2017 Huahua Media, den chinesischen Partner von Paramount Pictures, aufkaufte. Viele Filmfirmen und Filmemacher sehen nach dem Gipfel von 3D in Virtual-Reality (VR) das nächste große Ding im Kinobereich. Starregisseur Zhang Yimou etwa, der mit Filmen wie Great Wall" oder der Eröffnungszeremonie bei den Olympischen Spiele 2008 sein Talent für überlebensgroße Inszenierungen unter Beweis stellte, hat ein Startup namens SoReal mitgegründet, das nur etwa zwei Blocks vom Tiananmen-Platz entfernt im Frühjahr 2017 eine 3000 Quadratmeter große VR-Halle eröffnete. Zum Vergleich: Der momentan größte westliche Konkurrent ist VR World in New York City, der mit rund 1500 Quadratmetern auf gerade mal zwei Etagen in einem Gebäude in Manhattan Platz findet.

China ist derzeit der vielversprechendste Wachstumsmarkt für Virtual-Reality. Laut Goldmann Sachs ging ein Drittel der weltweit verkauften VR-Headsets im letzten Jahr an chinesische Kunden. Laut einer Prognose der Marktforschungsfirmen iResearch Consulting und Greenlight Insights werden sich die Umsätze von VR-Geräten, Services und Software in China von 520,8 Millionen Dollar im Jahr 2016 bis zum Jahr 2021 auf 11,9 Milliarden Dollar steigern. Die Gründe für den Erfolg sind vielfältig. Weil chinesische Internetnutzer vor allem mobil unterwegs sind, setzten chinesische Hersteller wie Ritech auf leichtere, preiswertere Hardware und weniger auf hochleistungsfähige Konsolen und Desktopgeräte wie die im Westen bekannten Vertreter Oculus Rift und Play­Station VR. Hi-End-Geräte benutzt man in China vor allem in den über 5000 Game-Arkaden und VR-Experience"-Kabinen des Landes, die man in vielen großen Shopping-Malls findet. Auch scheinen sich die Chinesen bei technischen Innovationen mehr auf die Chancen als auf die Gefahren zu konzentrieren. Der oft heraufbeschworene Realitätsverlust, den VR-Anwendungen zur Folge haben könnten, ist hier weit weniger ein Thema. Stattdessen investiert der Staat als Teil seiner Internet Plus" und Industrie 4.0"-Strategien massiv in Startups und wirtschaftliche Infrastruktur, die Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz, Robotik und eben auch Virtual-Reality voranbringen. Weil ein Großteil der Technik und Geräte wie Headsets und 360-Grad-Kameras ohnehin in China hergestellt werden, entstanden in Beijing, Shanghai und Shenzhen früh Experimentierfelder für Virtual-Reality-Startups. Hinzu kommt die hohe Breitbandgeschwindigkeit in China, die für viele VR-Anwendungen eine wichtige Rolle spielt. Umso schneller die Rechengeschwindigkeit, umso seltener kommt es zur sogenannten motion sickness", einer Art Seekrankheit mit Schwindel- und Beklemmungszuständen, die VR-Nutzer befallen kann, wenn die Geschwindigkeit der eigenen Körperbewegungen nicht mit der Geschwindigkeit im virtuellen Raum übereinstimmt.

Derzeit arbeiten in China über 200 VR-Firmen und Startups an neuen Lösungen für so unterschiedliche Felder wie Sportevents, Freizeitparks, Kinobesuche, Ausstellungen, Social-Media-Plattformen und Videospiele. Andere Bereiche des täglichen Lebens, etwa Einkaufstouren, Immobilienbesichtigungen und Urlaubsreisen, profitieren besonders von neuen Anwendungen in der sogenannten Augmented-Reality-Technik (AR), bei der virtuelle und echte Welt miteinander verschmolzen werden, zum Beispiel indem der Nutzer wie im Film Terminator" über eine Brille Informationen, Wegbeschreibungen oder Produktdetails in sein Sichtfeld geblendet bekommt. In Industrie und Lehre werden mithilfe von AR bereits jetzt Aufwand und Gefahren minimiert. So hat die Firma Superb Medical Skills zusammen mit einem Schanghaier Krankenhaus eine App entwickelt, mit der schwierige Operationen unter einer VR-Brille geübt werden können. Laut einem Bericht der Wirtschaftszeitung Forbes nutzten sie in China bereits 3,700 Ärzte zu Trainingszwecken.

Während Handyhersteller wie Xiaomi hochwertige und gleichzeitig preiswerte Headsets wie das MI VR auf den Markt bringen, verfolgen auch die großen Techgiganten Alibaba, Tencent and Baidu eigene VR-initiativen. Im Gegensatz zu Firmen wie Sony, Facebook, Xiaomi oder Google bauen sie aber keine eigene Hardware sondern fungieren vielmehr als Mittelsmänner, die interessante Startups sondieren und ihnen dann ihre Plattformen als Versuchsfelder zur Verfügung stellen. Im Shoppingsektor experimentieren eCommerce-Unternehmen wie Alibaba und JD.com mit virtuellen Einkaufserlebnissen, etwa 3D-Einkaufszentren mit Rundumblick, Laufstegen, Warenkörben und Ankleidekabinen, bei denen detailliert programmierte Produkte vorab begutachtet und online bezahlt werden können. Beim wichtigsten Shopping-Tag, dem sogenannten Singles-Day, bei dem dieses Jahr umgerechnet 25,3 Milliarden Dollar umgesetzt wurden, experimentierte Alibaba bereits 2016 mit einem Mixed-Reality-Game, bei dem man, ähnlich wie im populären PokemonGo mit dem Smartphone vor der Tür auf Schatzsuche nach virtuellen Rabattgutscheinen gehen konnte. Die Verbraucher nehmen die neuen Einkaufskonzepte gerne an. Laut einer im Sommer veröffentlichten Studie des Zahlungsdienstleisters Worldplay gaben 95 Prozent der befragten Chinesen an, in den letzten drei Monaten VR-Inhalte genutzt zu haben. 84 Prozent konnten sich vorstellen, in Zukunft vermehrt in virtuellen Räumen einzukaufen. China ist auf dem besten Weg, der erste Massenmarkt für Virtual Reality zu werden.

In Europa und den USA sieht das noch anders aus. Über die Gaming-Nische hinaus konnte sich VR dort bislang nicht etablieren. Die Branche sieht sich im Westen mit einem Henne-Ei-Problem konfrontiert: Hardware-Hersteller hoffen auf spektakulären Content um ihre Produkte zu verkaufen, während die Content-Hersteller auf den einen großen Hardware-Kassenschlager hoffen, um ihre Inhalte an ein möglichst großes Publikum zu verkaufen. In China stellt sich diese Frage nicht mehr, da VR in vielen Lebensbereichen Einzug gehalten hat und für Menschen aller Alterstufen bereits mehr ist als eine futuristische Spielerei. Der VR-Park in Guiyang könnte diesen Trend noch verstärken und vielleicht sogar zu einer Art Disneyland für Virtual-Reality-Fans werden. Dann wird es den Chinesen wieder gehen wie dem weisen Zhuang Zhou aus dem chinesischen Philosophieklassiker Zhuangzi", der nach dem Aufwachen nicht mehr wusste, ob er eben träumte, ein Schmetterling zu sein, oder ob er vielleicht ein Schmetterling ist, der eben träumte, Zhuang Zhou zu sein.

Unser Korrespondent der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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