menu
seacher

Balanceakt auf unbefestigtem Boden

2017-11-23 11:36:10 de.china-info24.com Frank Sieren

Ihre Länder seien wie „Eiserne Brüder", ihre Freundschaft „allwetterfest", erklärten Chinas Staatschef Xi Jinping und Pakistans Präsident Mamnoon Hussain bereits im Frühjahr 2015 bei einem Treffen in Pakistans Hauptstadt Islamabad. Bei Xis zweitägigem Staatsbesuch wurde damals der Grundstein für einen gemeinsamen Wirtschaftskorridor gelegt und 33 Energie- und Infrastrukturprojekte verkündet, von denen immerhin 18 mittlerweile begonnen wurden. Es ist der Beginn einer „neuen Ära der Entwicklung in Pakistan“, erklärte Pakistans damaliger Ministerpräsident Nawaz Sharif euphorisch. Seitdem treffen sich beide Länder zweimal jährlich zum strategischen Dialog um den „China-Pakistan-Economic-Corridor", kurz CPEC, voranzubringen. Insgesamt will China über 60 Milliarden US-Dollar in die Zusammenarbeit mit Pakistan investieren.

Peking bezeichnet die Kooperation mit dem südasiatischen Staat als ein „Flaggschiff" seiner „Belt & Road"-Initiative. Das auch als Neue Seidenstraße bekannte Infrastrukturprojekt soll China wirtschaftlich mit Asien, Afrika und Europa verbinden. Die Länder am Wegesrand der Neuen Seidenstraße sollen durch wirtschaftlichen Aufschwung profitieren und auch außenpolitisch näher mit ihren Nachbarn zusammenrücken. Pakistan, bislang eher ein Sorgenkind auf der Weltbühne, komme innerhalb des Projekts „Priorität" zu, erklärte zuletzt Kong Xuanyou, Chinas stellvertretender Außenminister beim jüngsten sino-pakistanischen Strategietreffen am vergangenen Montag in Islamabad. Das Kronjuwel des Korridors sei dabei der Hafen des südpakistanischen Fischerstädtchens Gwadar, der mithilfe Chinas bis 2022 zu einem der wichtigsten Frachtumschlagplätze Südasiens ausgebaut werden soll. Von hier will China besseren Zugang zum Arabischen Meer bekommen und unabhängiger vom Seeweg durch die Straße von Malakka werden, die sich im Konfliktfall mit anderen Staaten des Indo-Pazikifraums zum Engpass für China verwandeln könnte. Vor allem Öl und Gas soll von Gwadar über restaurierte und neugebaute Autobahnen auf direktem Weg in Chinas westliche Provinzen gelangen. Um den Hafen von Gwadar soll eine Freihandelszone entstehen, die inspiriert von Shenzhen und Shanghai, wirtschaftlichen Sondergenehmigungen unterliegt. Bisher sieht das allerdings alles noch sehr verschlafen aus.

Peking hatte ursprünglich auch geplant, den Renminbi dort als vollwertiges Zahlungsmittel einzusetzen, auch um die Internationalisierung der chinesischen Währung weiter voranzutreiben. Das lehnte Islamabad beim jüngsten Strategietreffen jedoch mit der Begründung ab, solch eine Initiative untergrabe die wirtschaftliche Souveränität Pakistans. Und das ist eine Sorge, die eher größer wird, wenn Peking wieder einmal Hauruck ruft, weil es nicht schnell und weitgehend genug geht. Nun hat Islamabad an zentraler Stelle mehr als einmal Stopp gerufen. Mitte des Monats beendeten die Pakistanis außerdem die Zusammenarbeit mit den Chinesen an dem 14 Milliarden US-Dollar teuren Diamer-Bhasha-Damm. Die Fertigstellung des monumentalen 270-Meter-Wasserkraftwerks war seit der Grundsteinlegung im Jahr 2006 immer wieder verschoben worden. Die Finanzierung war schwierig. Denn unter anderem die Weltbank und die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) lehnten eine Beteiligung ab, da der Damm sich in der von Indien und China gleichermaßen beanspruchten Kaschmir-Region befindet. Peking integrierte daraufhin den Damm offiziell in den CPEC-Korridor. Die Bedingungen, die Peking Pakistan auferlegen wollte, seien jedoch nicht tragbar, erklärte ein pakistanischer Regierungsvertreter. Peking wollte den Damm nicht nur finanzieren, sondern auch besitzen. „Das ist gegen unsere Interessen", so Islamabad. Dort will man das Projekt nun doch wieder selbst finanzieren und nimmt dafür gravierende Verzögerungen in Kauf. Es muss also hinter den Kulissen ordentlich gekracht haben. Es läuft eben nicht alles seidig beim Bau der Neuen Seidenstraße.

Auch Nepal kippte Mitte November eine 2,4 Milliarden US-Dollar teure Kooperation mit China für ein Wasserkraftwerk an den Ufern des Budhigandaki. Die Chinesen hatten den Bau des 50 Kilometer westlich von Kathmandu geplanten Damms zusammen mit der vormaligen nepalesischen Regierung unter dem mittlerweile abgesetzten Pushpa Kamal Dahalohne an eine chinesische Staatsfirma vergeben – ohne Ausschreibung. Die Folge: Nicht genug lokale Akteure hatten eine Chance als Subunternehmen daran mitzuverdienen und schließlich wurde die Sorge größer, sich ähnlich wie Sri Lanka zu abhängig von China zu machen. Die indische Regierung wurde nicht müde, ihre Nachbarn auf die Gefahren hinzuweisen.

Indien, ein traditioneller Verbündeter Nepals, steht der Neuen Seidenstraße kritisch gegenüber. Delhi möchte nicht von Chinesen eingekreist werden. Das gilt besonders für den ökonomischen Korridor den die Chinesen mit dem Erzfeind Pakistan bauen.

Beide Länder jedoch verbinden weiterhin große Hoffnungen mit der Neuen Seidenstraße – aber bitte zu fairen Bedingungen. Peking wird hier nachjustieren müssen. Die chinesische Regierung erwartet wiederum schon ein wenig mehr Dankbarkeit. Die Chinesen investieren in Regionen, die bisher selbst von ihren nationalen Regierungen vergessen waren wie beispielsweise die Provinz Baluchistan, in der die Stadt Gwadar mit ihren 60.000 Einwohnern liegt. Es ist eine der größten, aber auch ärmsten und unsichersten Provinzen Pakistans. Es gibt nur unregelmäßig Strom und Wasser. Immer wieder kommt es zu Terroranschlägen und Aufständen belutschischer Separatisten, die sich gegen die punjabische Regierungselite auflehnen, weil die angeblich Ausländern Tür und Tor öffnet, um lokale Ressourcen auszubeuten. Die Bevölkerung ist hin und her gerissen. Sie will Aufschwung aber keine Ausbeutung.

Gwadar soll nicht nur ein wirtschaftlicher Knotenpunkt werden, der Westen der Stadt, wo chinesische Partner heute in der Regel noch mit Personenschutz unterwegs sind, soll sogar eines Tages ein beliebtes Touristenziel werden. Doch es reicht nicht mehr blühende Landschaften zu malen. Peking muss mehr Zeit und Energie darauf verwenden durch mehr Transparenz und faire Zugeständnisse den Menschen in den Partnerländern die Angst vor China zu nehmen. Die jeweiligen Regierungen können nicht völlig gegen ihre Bevölkerung handeln, auch wenn deren Ansichten kurzsichtig sind. Darin haben westliche Partner und internationale Organisationen wie die Weltbank mehr Erfahrung. Mögen sie manchmal auch bürokratisch und umständlich sein. Sie sind in dieser Phase nützlicher, als Peking sich eingestehen mag. Dass der Aufbau der Neuen Seidenstraße kein Spaziergang wird, darüber war sich allerdings auch Peking von Anfang an klar. Es ist ein Balanceakt auf unbefestigtem Boden.

Unser Korrespondent der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

NEWSLETTERS

Geben Sie hier ihre E-Mail Adresse ein, um unseren Newsletter zu abonnieren

Kommentare

Sind Sie Mitglied?Sind Sie schon eingeloggt?