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Land des Lesens

2017-11-30 15:51:41 de.china-info24.com Frank Sieren

So ähnlich wie im heutigen China muss die Stimmung in den USA der 50er- und 60er-Jahre gewesen sein. Als aufstrebende Supermacht war man wie kein anderes Land offen für die Verheißungen der Zukunft. Die Städte wuchsen dynamisch. Technische Neuerungen wurden von der Bevölkerung mit offenen Armen angenommen. Die optimistisch-futuristische Stimmung spiegelte sich auch in Kunst, Architektur und Design wider, von eiförmigen Sofakapseln, Atommodell- Lampen bis hin zu den UFO-Häusern von John Lautner und Richard Buckminster Fuller.

Washington propagierte damals die Nuklearenergie als Technologie der Zukunft und förderte sie mit allen Mitteln. Der chinesische Staat investiert heute in großem Stil in Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz, Robotik, Virtual Reality und E-Mobilität. Seit der US-Flugautobauer Terrafugia vom chinesischen Automobilkonzern Geely aufgekauft wurde, stehen sogar die Chancen nicht schlecht, dass diese alte Zukunftsvision, die bereits im amerikanischen Space-Age" in den Köpfen der Menschen herumspukte, in China zum ersten Mal auf einem Massenmarkt verwirklicht wird. Chinesische Science-Fiction-Romane wie Cixin Lius Die drei Sonnen" oder Hao Jingfangs "Peking falten" werden bereits jetzt international gefeiert.

Das erstaunlichste ist jedoch, die Art und Weise, wie sich die Chinesen um so etwas Altmodisches wie Bücher kümmern. Chinas Bücher werden nun sogar mit futuristischen Gebäuden geadelt. Gerade sorgt eine neu eröffnete Bibliothek in der nordchinesischen Stadt Tianjin weltweit für Aufsehen. Die Fotos der in konzentrischen Kreisen angelegten Binhai-Bibliothek, die auf den ersten Blick wie das Rekreationsdeck eines Raumschiffs wirkt gingen um die Welt. Auf 33.700 Quadratmetern finden in der fünfstöckigen Bibliothek über 1,2 Millionen Bücher Platz. Die Regale schichten sich terrassenartig bis zur Decke, man denkt an Sanddünen oder die Höhenlinien topgraphischer Karten. Herzstück der Bibliothek ist eine reflektierende Leuchtkugel, die wie die Perle einer Muschel in der Mitte des Auditoriums thront. In den oberen Stockwerken sind Lesesäle, Arbeitsplätze, ein Computerlabor und Konferenzräume untergebracht. Von außen sorgt eine Glasfassade für gleichmäßigen Lichteinfall. Das Design stammt vom niederländischen Architekturbüro MVRDV aus Rotterdam, das für seine biomorphen Entwürfe bekannt ist. Um das Gebäude optimal in die Umgebung einzupassen, arbeiteten die Architekten eng mit den Stadtplanungsbüros von Tianjin zusammen. Eine aufsehenerregende Anlange, die in Zukunft den Mittelpunkt eines weitläufigen Kulturareals bilden soll. Anfang Oktober feierte sie ihre Eröffnung. Schon jetzt kommen an den Wochenenden im Schnitt 15.000 Besucher.

Von der chinesischen Nationalbibliothek in Peking, der größten in Asien und der 100.000 Quadratmeter großen Bibliothek in Guangzhou mit ihren vier Millionen Büchern einmal ganz abgesehen, findet man inzwischen in China einige der spektakulärsten Bibliotheken der Welt. Zwar haben in der chinesischen Kultur, in der Bildung und Bücherwissen seit jeher in Szene gesetzte Bücherstuben Tradition, man denke nur an die kaiserlichen Bibliotheken in der Verbotenen Stadt oder dem Alten Sommerpalast. Dennoch ist die Wertschätzung heute erstaunlich, in Zeiten, in denen fast nur noch das Digitale gilt. Gleichzeitig investiert China wie nie zuvor in Bildung. Immense Summen fließen in Hochschulen, Bibliotheken, Stipendien- und Exzellenzprogramme. Peking möchte noch mehr gut ausgebildete Wissenschaftler, noch mehr Erfolge in der Forschung und noch mehr Patentanmeldungen. Schon jetzt ist China in absoluten Zahlen die größte Hochschulnation der Welt. Bis 2020 soll der Anteil von Studenten, die in höheren Bildungseinrichtungen eingeschrieben sind, von 15 auf 25 Prozent steigen. Besonders abseits der Boomstädte und in ländlicheren Gebieten ist noch viel Luft nach oben.

Doch sogar in idyllischen Naturlandschaften tauchen die Bibliotheken inzwischen auf. In Liyuan und Nandaihe zum Beispiel. Die erste stammt vom Architekten Li Xiaodong und befindet sich etwa zwei Autostunden von Peking entfernt. Man muss erst auf 500 Meter nahekommen, um das zweigeschossige, rechteckige Gebäude ausmachen zu können, so perfekt wurde es in die Landschaft eingefügt. Die Außenfassade des 175 Quadratmeter großen Skelettbaus besteht aus parallel angeordneten Ästen, die in rechteckigen Holzrahmen befestigt sind und das Sonnenlicht so stimmungsvoll filtern, als scheine es durch die Ritzen einer Blockhütte. Im Innenraum der Bibliothek, die um die 30.000 Bücher fasst, ziehen sich Regale und Sitzbänke an einer holzverkleideten Stahlkonstruktion entlang. Durch Fensterscheiben, die in die Holzrahmen integriert sind, blickt man auf Berge, Wälder und einen extra angelegten Teich. Die Innen und Außen verschmelzende Naturästhetik und das Zusammenspiel aus Licht und Schatten hinterlassen das Gefühl, in einem Baumhaus zu schmökern. Henry David Thoreau lässt grüßen. Für die ökologisch nachhaltige Bibliothek, deren Bestandteile zu 90 Prozent recyclebar sind, bekam Professor Li den prestigeträchtigen, mit 100.000 Dollar dotierten Moriyama-Preis des Royal Architectural Institute of Canada (RAIC) verliehen. Nicht nur durch Bildung konnte die lokale Bevölkerung von der Bibliothek profitieren. Als Touristenattraktion bringt sie jedes Wochenende 400 bis 500 Touristen in das Örtchen Liyuan. Filme und Werbespots wurden hier gedreht. Wo früher keine Infrastruktur für Touristen existierte, stehen heute Hotels und Restaurants.

Ebenfalls in die Natur eingebettet ist die Bibliothek des Pekinger Architekturbüros Vector. Doch statt zwischen Bäumen und Bergen steht die Bibliothek von Nandaihe mitten am Strand an der Küste der Provinz Hebei, ganz allein auf weiter Flur. Das 450 Quadratmeter große Gebäude besteht außen fast vollständig aus wetterfestem, unverputztem Beton, wodurch es von weitem in den Horizont überzugehen scheint. Die Böden sind aus Holz, die tragenden Stahlgerüste sind hinter Glasziegeln verborgen, die das Licht auf verschiedene Weise brechen. Die Sitzreihen im Innern sind parallel zur Strandlinie ausgerichtet. Durch eine weite Panoramafensterfront schweift der Blick über den weißen Sand, den Himmel und die Wellen. Die Fensterreihen im Erdgeschoss lassen sich komplett öffnen, bei gutem Wetter strömt der salzige Meeresgeruch durch das gesamte Gebäude. Dort befinden sich nicht nur Lese- und Arbeitsbereiche, sondern auch Meditationsräume und, ganz weltlich, eine Bar. Wie ein Fels in der Brandung strahlt auch dieser Ort eine unglaubliche Ruhe aus.

Zu solchen Rückzugsorten und den klassischen öffentlichen und universitären Bibliotheken kommen noch zahlreiche Bücherautomaten, wo man 24 Stunden am Tag aus bis zu 500 Titeln wählen und die Leihgebühr digital bezahlen kann. Zu finden sind die vollautomatisierten Bücherboxen an vielen öffentlichen Plätzen chinesischer Städte, zum Beispiel am Eingang des gleichfalls sehr idyllisch angelegten Olympic Forest Park in Peking.

Dass China Literature," die chinesische Entsprechung von Amazons E-Book Kindle Anfang November einen spektakulären Börsenstart hinlegte, überrascht da fast. Wieso Bücher runterladen, wenn man so schöne, kontemplative und futuristische Orte aufsuchen kann, um sie auszuleihen und zu lesen?

Unser Korrespondent der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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