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Solarenergie unter der roten Sonne

2017-12-12 10:52:00 de.china-info24.com Frank Sieren

Das ist schon eine Leistung: Drei Jahre früher als geplant hat China sein Solarenergie-Ziel von 105 Gigawatt (GW) für das Jahr 2020 bereits erreicht.

Neue Solaranlagen, die im Sommer ans Netz gegangen sind, haben Chinas Kapazität auf nun mehr als 112 GW erhöht. Das hat das Beratungsunternehmen Asia Europe Clean Energy Advisory (AECEA) errechnet. Während Trump mit seiner jüngsten Steuerreform die Kohle- und Atom-Lobby begünstigt und die steuerlichen Anreize für Wind- und Solaranlagen gesenkt hat, setzt China auf Solar und Wind. Bereits seit 2013 ist das boomende Land weltweit führend in der Solar- und Windenergie. Der einstige Solarenergie-Vorreiter Deutschland liegt abgeschlagen dahinter. Die gesamte Solarkapazität lag hier vergangenes Jahr bei 41,1 GW. Chinabaute dagegen allein 2017 so viele neue Solaranlagen, wie Deutschland bisher insgesamt ans Netz gebracht hat. Tendenz steigend.

Derzeit werden 40 Prozent des weltweiten Zubaus an Solaranlagen in China realisiert. Das Land stellt 60 Prozent der weltweiten Solarpaneele her und installiert jede zweite Solaranlage. Innerhalb weniger Jahre hat China im Bereich der erneuerbaren Energien hochambitionierte Pläne umgesetzt.

Peking steht allerdings auch unter enormem Druck, Chinas Umweltprobleme in den Griff zu bekommen. Profitabilität und Wirtschaftswachstum um jeden Preis stehen nun nicht mehr an erster Stelle. Anfang des Jahres kündigte die chinesische Regierung an, bis 2020 umgerechnet rund 320 Milliarden Euro für erneuerbare Energien auszugeben. In Xi Jinpings Eröffnungsrede zum 19. Parteitag der KP im Oktober gebrauchte Chinas Staats- und Parteichef ganze 89-mal das Wort „Umweltschutz". „Wirtschaft" kam dagegen nur 70-mal vor. Die Sonnenenergie ist in China mit seinen großen, dünn besiedelten Gebieten ausbaufähig. Chinesische Fotovoltaik-Firmen werden von der Regierung direkt und indirekt subventioniert. Sonnenstrom wird dadurch immer günstiger.

In China steht auch die größte Solarstromanlage der Welt: Der Longyangxia-Solarpark auf dem tibetischen Hochplateau in der Provinz Qinghai erstreckt sich auf 27 Quadratkilometer. Vier Millionen Solarmodule liefern hier eine Leistung von 850 Megawatt. Das ist so viel wie ein mittleres Atomkraftwerk. Seit die NASA Anfang des Jahres Satellitenbilder der Anlage aus dem All veröffentlichte, ist sie auch als „Chinas große Solarmauer" bekannt. Im Mai dieses Jahres wurde zudem in Huainan, in der östlichen Provinz Anhui, die weltgrößte schwimmende Solarfarm ans Netz gebracht. Die aus 165.000 Solarpaneelen bestehende „Sonneninsel" hat eine Kapazität von 40 Megawatt (MW). Das ist genug Energie um eine kleinere Stadt mit 15.000 Haushalten zu versorgen. Solaranlagen auf einem See zu bauen, hat zudem den Vorteil, dass das Wasser die Paneele dauerhaft kühlt. Die Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt Huainan befindet sich in einem von Chinas größten Kohlezentren. Der See, auf dem die Solaranlage schwimmt, ist auf einer eingebrochenen Kohlemine entstanden, in die Regenwasser geflossen ist. Mehr Symbolkraft geht kaum.

Für einen noch größeren Imagegewinn sorgte kürzlich eine neue Fotovoltaikanlage im nordostchinesischen Datong. Inmitten grüner Felder hat die Firma Panda Green Energy einen ein Quadratkilometer großen Solarpark in Form eines lächelnden Pandabären angelegt. Chinas Öko-Image bekommt damit nicht nur ein niedliches Gesicht, binnen 25 Jahren soll das Kraftwerk auch um die 3,2 Milliarden Kilowattstunden Solarstrom produzieren, womit um die 1,06 Millionen Tonnen Kohle sowie mehr als 2,7 Millionen Tonnen an CO2-Emissionen eingespart werden sollen.

Doch ganz so sauber wie es den Anschein macht, verläuft Chinas Wandel vom Umweltsünder zum Öko-Musterschüler nicht. Obwohl Peking seine Solarziele für 2020 erreicht hat und alleine im Jahr 2016 erstaunliche 80 Prozent mehr Solarstrom erzeugt hat als noch ein Jahr zuvor, macht Solarenergie gerade mal ein gutes Prozent des chinesischen Energiemixes aus. Um die 66 Prozent des gesamten Energiebedarfs werden nach wie durch Kohleverbrennung gedeckt. Zwischen 2011 und 2016 ist Chinas Kohleproduktion um 30 Prozent gestiegen. Viele Kohlekraftwerke sind nach wie vor im Bau oder bereits genehmigt. Zudem fehlt es immer noch vielerorts an Infrastruktur, um die Energie der Solaranlagen effizient zu übertragen. Das alte Stromnetz ist für Wind- und Sonnenenergie nicht ausgelegt. Laut der staatlichen National Energy Administration (NEA) sind dadurch alleine im ersten Quartal des Jahres 2,3 Millionen Kilowattstunden verloren gegangen. Auch was mit Chinas mächtigen alten Energieriesen bei einer Energiewende passieren soll, ist unklar. Sie wollen weiterhin mit fossilen Brennstoffen Umsätze machen. Auch die meisten Lokalregierungen, die ihre Wachstumsziele einhalten wollen, setzen auf die bewährte Energie aus fossilen Brennstoffen. Sie ist noch immer günstiger und in der Beschaffung zuverlässiger.

Auch für Peking geht es in Sachen Umweltschutz nicht vorrangig um altruistische Ziele. Wirtschaftliche Interessen haben ganz offensichtlich oberste Priorität. Bei der Fotovoltaik deckt China mit den Erzeugnissen heimischer Hersteller heute schon die Hälfte der weltweiten Nachfrage ab. Mit seinen vielen Fotovoltaik-Konzernen wie Yingli, JinkoSolar, Trina Solar oder JA Solar erreichte China bereits Anfang 2016 Überkapazitäten in der Herstellung von Solarmodulen und Solarzellen, die dann verbilligt ins Ausland verkauft wurden. Weil sie die europäischen Mindestpreise für chinesische Firmen unterliefen, belegte die EU die Solarimporte mit Strafzöllen. Anfang März wurde die Dauer der Handelssanktionen um weitere 18 Monate verlängert. EU-weit müssen Kunden nun Preise zahlen, die oberhalb des Weltmarktniveaus liegen. Künstlich hoch gehalten sorgen sie für einen Rückgang der Nachfrage. Der europäische Markt schottet sich damit auf gefährliche Weise ab, zumal die fünf größten chinesischen Solarkonzerne inzwischen Fabriken außerhalb Chinas aufgebaut haben, und die europäischen Dumping-Regeln so ganz legal unterlaufen.

Um wirklich zum Klimaretter und Vorbild für andere Nationen zu werden, ist es für China also noch ein weiter Weg. Pekings Pläne müssen nachhaltiger werden und sich nicht nur darum kümmern, was innerhalb der eigenen Landesgrenzen geschieht. Wenn China ernsthaft zu internationalen Klimazielen wie einer Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad beitragen möchte, müssen chinesische Staatsbetriebe auch aufhören, in anderen Ländern in Kohlekraftwerke zu investieren, beispielsweise in Pakistan wo China innerhalb seiner „Belt & Road"-Initiative an Kohlekraftwerken mit einer Gesamtleistung von 5.900 Megawatt beteiligt ist. Warum nicht auch in Pakistan gleich in Solar investieren?

Unser Korrespondent der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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