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Klimaschutz als Chance

2018-01-04 09:40:20 de.china-info24.com Frank Sieren

Kein anderes Land der Welt verfolgt in Sachen Umweltschutz derzeit so ambitionierte Ziele wie China. Vor einem Jahr kündigte die chinesische Regierung an, bis 2020 umgerechnet rund 320 Milliarden Euro für erneuerbare Energien auszugeben. Vor Weihnachten hat Peking bekanntgegeben, den bis dato größten Emissionshandel weltweit für CO2-Emissionen einzuführen.

Dabei werden die circa 3,3 Milliarden Tonnen CO2 aus heimischen Kohlekraftwerken mit einem Preis belegt. Damit haben die Unternehmen nun einen Anreiz, um umweltfreundlicher zu produzieren. Der Preis einer Tonne CO2 wird im Jahr 2020 bei etwa 74 Yuan liegen, umgerechnet 9,50 Euro, schätzt die Forschungsplattform China Carbon Forum. In Europa liegt der Preis pro Tonne derzeit noch zwischen 5 bis 7 Euro.

China geht damit einen weiteren wichtigen Schritt, um beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle einzunehmen. Beim Pariser Klimagipfel 2015 hatte sich Peking verpflichtet, seine Emissionen bis zum Jahr 2030 zu stabilisieren und deutlich zu senken.

Um das zu erreichen muss China jedoch nicht nur seine Fabriken, sondern auch seinen Verkehr grüner machen – vor allem mithilfe von Großinvestitionen in die E-Mobilität. China ist schon jetzt der größte Elektroautomarkt der Welt. In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres wurden in China fast eine halbe Million Elektroautos neu zugelassen, ein Anstieg von knapp 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Peking arbeitet sogar an einem Plan, um Verbrennungsmotoren langfristig ganz zu verbieten. Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen steigt rasant an. Anders als bei der Entwicklung von Verbrennungsmotoren hat Peking gute Grundvoraussetzungen, um auf dem E-Automarkt zum globalen Leitanbieter zu werden. Neben seinem Personenverkehr muss Peking dabei jedoch auch seinen Güterverkehr umstellen, und das nicht nur auf der Straße. Denn Elektro-Trucks, wie sie beispielsweise auch von Tesla oder Daimler entwickelt werden, lösen nur einen Teil des Problems. Viel mehr Zeit als auf Lastwagen verbringen Güter und Container auf ihrer Reise um die Welt auf Frachtschiffen. Diesem Teil der Gleichung haben sich chinesische Unternehmen nun ebenfalls angenommen: Die Firma Hangzhou Modern Ship Design hat gerade das erste rein elektrische Frachtschiff auf den Markt gebracht, das mit einer einzigen Ladung 50 Meilen mit einer Höchstgeschwindigkeit von acht Meilen pro Stunde zurücklegen kann. Das reicht zwar noch lange nicht, um ein Weltmeer zu durchfahren, den Binnenverkehr auf Flüssen könnte die neue Technik aber tatsächlich umkrempeln. Das Schiff der Firma aus Hangzhou kann eine Ladung von bis zu 2200 Tonnen aufnehmen. Ist weniger Fracht an Bord, können zusätzliche Batterien zugeladen werden, um die Reichweite weiter zu erhöhen. Eine volle Aufladung schafft das Schiff in zwei Stunden, also etwa in der Zeit, die benötigt wird, um es zu be- oder entladen.

Die Behauptung der Hersteller, dass der Frachter keinerlei" Bedrohung für die Umwelt darstelle, trifft jedoch nur teilweise zu. Wie auf der Straße gilt auch auf dem Wasser: Ein Elektrofahrzeug ist tatsächlich nur so grün, wie der Strom, der es antreibt. Und rund 65 Prozent des chinesischen Energiebedarfs werden nach wie vor durch Kohleverbrennung gedeckt.

Ein Elektro-Schiff, das seine Energie aus dem noch immer größtenteils mit fossilen Brennstoffen betrieben chinesischen Stromnetz bezieht, ist derzeit definitiv noch dreckiger unterwegs als eines, das mit herkömmlichem Diesel fährt. Allerdings entfernt sich China schnell von fossiler Energie, was bedeutet, dass auch der Elektromotor in den kommenden Jahren grüner werden wird.

Sogar die Straßen, auf denen die Elektromotoren dann unterwegs sein werden, will China umweltfreundlicher machen, wie ein weiteres ambitioniertes Versuchsprojekt zeigt: In Jinan, der Hauptstadt der ostchinesischen Provinz Shandong, wurde Ende Dezember eine ein Kilometer lange Autobahnstrecke für den Verkehr freigegeben, die aus tragfähigen, mit transparentem Asphalt beschichteten Sonnenkollektoren besteht, durch die Sonnenlicht eindringen und Strom erzeugt werden kann. Die Module können eine Million kWh Strom pro Jahr erzeugen, genug, um den täglichen Bedarf von rund 800 Haushalten zu decken, wie der Projektentwickler, die Firma Qilu Transportation Development Group, erklärt. Derzeit reicht der Straßenstrom jedoch nur zur Versorgung von Laternen, Schildern, Überwachungskameras und zur Tunnel-Beleuchtung. Bald sollen an der Straße auch E-Batterien von Autos aufgeladen werden können. Überdies wurde sie so entworfen, dass selbstfahrende Autos auf ihr direkte technische Unterstützung erhalten, etwa indem sie WiFi-Internetverbindungen dauerhaft am Netz hält. Ein weiterer praktischer Nebeneffekt der Straße: Schnee schmilzt auf ihr im Winter von selbst.

China ist jedoch nicht das einzige Land, das am Rennen auf dem Gebiet der Sonnenstraßen beteiligt ist. Die USA begannen schon 2006 mit der Erforschung von Straßen mit integrierten Solarzellen. Die bisher erste Solarsstraße, die allerdings nur für Fußgänger und Fahrradfahrer freigegeben ist, wurde 2014 in den Niederlanden fertiggestellt. In der französischen Normandie ist eine 1000 Kilometer lange Solarstreckenerweiterung innerhalb der nächsten fünf Jahre geplant. Der mit Solarpaneelen ausgestattete Abschnitt des Jinan City Ring Expressway ist mit seinen knapp 660 Quadratmetern und den vielen Features jedoch die bislang ambitionierteste in Betrieb genommene Anlage. Bildschirme zeigen in Echtzeit wieviel Elektrizität bereits produziert wird. Überschüssige Energie soll eines Tages in das staatliche Stromnetz fließen. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Vor allem auf dem Land fehlt es nach wie vor an Infrastruktur, um die Energie aus Solaranlagen ohne Verluste ins Stromnetz zu übertragen. Auch der Kosten-Nutzen-Faktor der neuen Straße wird von Kritikern derzeit noch in Frage gestellt. Ein Quadratmeter der mehrschichtigen Paneele kostet momentan um die 3000 Yuan (385 Euro). Ein gleich großes Stück herkömmlichen Straßenbelages liegt bei nur etwa 4 Euro. Gleichzeitig ist die Produktion etwa 13-mal teurer als herkömmliche Solaranlagen auf Hausdächern. Der Energieaufwand in der Herstellung speist sich immer noch vor allem aus Kohlekraftwerken. Solarenergie macht in China nur etwa einen Prozent des Energiemixes aus. Ein ähnliches Problem also, wie bei Chinas erstem E-Frachter, der in der Entwicklung auf fossile Brennstoffe angewiesen ist. Auch dessen Einsatzgebiet ist derzeit bei weitem nicht so grün wie man sich wünschen würde: Derzeit wird das Schiff vor allem noch dazu genutzt, um Kohle zu befördern.

Unser Korrespondent der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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