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Riese auf tönernen Füßen

2018-01-18 09:32:55 de.china-info24.com Frank Sieren

Ein Gerücht reichte aus, um der Welt klarzumachen, wie es derzeit um das Kräfteverhältnis zwischen China und den USA bestimmt ist. Mitte vergangener Woche vermeldete die Finanznachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Insider, dass China in Zukunft weniger amerikanische Staatsanleihen kaufen wolle oder den Kauf sogar ganz stoppen werde, da diese im Vergleich zu anderen Vermögenswerten für China mittlerweile weniger attraktiv seien. Die Turbulenzen auf den Anleihemärkten folgten prompt: Der US-Dollar wurde deutlich geschwächt und trieb den Euro in die Höhe. Die Renditen der zehnjährigen US-Staatsanleihen schossen über die kritische Marke von 2,5 Prozent auf den höchsten Stand seit neun Monaten. Eine höhere Rendite bedeutet, dass die Schuldenaufnahme teurer wird - also keine gute Nachricht für die USA, die ihren Wohlstand seit Jahren auf Pump finanziert. Gleichzeitig sprang der Goldpreis auf ein Vier-Monats-Hoch von 1.328 USD je Feinunze.

Die chinesische Devisenbehörde SAFE (State Administration of Foreign Exchange) ließ sich Zeit und dementierte die Meldung erst gute 24 Stunden später: „Die Nachrichten dürften auf falschen Informationsquellen basieren und 'Fake News' gewesen sein", hieß es. Die Lage beruhigte sich daraufhin wieder.

Dass es sich bei der folgenreichen Nachricht wirklich um die von Trump so gern kolportierten Fake News" gehandelt hat, darf angezweifelt werden. Bloomberg ist als Quelle verlässlich und Peking hat derzeit durchaus Interesse, Washington mit solchen Denkspielen zum Schwitzen zu bringen. Grund für einen Denkzettel wären etwa die abermals von Trump angedrohten Handelssanktionen gegenüber China, aber auch die zwei Handelsblockaden, die Washington in den letzten zwei Wochen gegen chinesische Unternehmen verhängte.

Anfang des Jahres hatten die USA den Kauf des amerikanischen Überweisungsdienstleisters Moneypay an die chinesische Handelsplattform Alipay untersagt. Moneygram sei zu wichtig für die nationale Sicherheit der USA, lautete die Begründung. Zu einer weiteren, ähnlichen Blockade durch die US-Behörden kam es vergangene Woche, als Washington dem amerikanischen Telekommunikationskonzern AT&T untersagte, Smartphones des chinesischen Anbieters Huawei zusammen mit Mobilfunkverträgen anzubieten. Auch hier waren von Washington Sicherheitsbedenken ins Feld geführt worden. Ein herber Schlag für den Smartphone-Hersteller aus China. Huawei liegt im weltweiten Verkauf inzwischen nur noch knapp zwei Prozent hinter Apple. Und das wird nun auch erst einmal so bleiben. Trump hat Peking damit wirtschaftspolitisch den Kampf angesagt. Und Peking hat reagiert.

Es ist ein Machtkampf, bei dem Washington nicht besonders gut dasteht. China ist der größte ausländische Gläubiger der USA. Peking hält amerikanische Schuldtitel im Volumen von fast 1,2 Billionen Dollar, mehr als jedes andere Land der Welt. In der vergangenen Dekade wurden die Bestände verdoppelt. Dass die Meldung von Bloomberg auch als Gerücht schon so viel ins Rollen brachte, liegt an der enormen Bedeutung, die China als Gläubiger für die USA hat. Mit seinen Devisenreserven finanziert Peking zu einem erheblichen Teil das Leben der Amerikaner auf Pump. Die Summe hat sich über Jahrzehnte angehäuft, weil China mehr in die USA exportiert als importiert. Die Einnahmen legten die Chinesen wiederum zum Großteil in den USA an, weil der Dollar als stabile Weltleitwährung galt und die Geldanlage dort als sicher.

Wenn ein Gerücht schon so viel bewegen kann, was passiert dann erst, wenn Peking wirklich eine offizielle Stellungnahme abgibt? Die Attraktivität des US-Anleihenmarktes könnte in den Augen der Chinesen tatsächlich gefallen sein. Grund ist nicht zuletzt Trumps Steuerreform, die das amerikanische Defizit um 1,1 Billionen Dollar erhöhen dürfte. Eine immense Schuldenlast, die wiederum durch die Ausgabe von Staatsanleihen finanziert werden muss. Dadurch erhöht sich das Angebot an US-Papieren und ihr Wert sinkt. Am Dienstag stufte die chinesische Ratingagentur Dagong die Kreditwürdigkeit der USA wegen steigender Staatsschulden auf BBB+ von A- herab. Die Note liegt nun auf dem Niveau von Ländern wie Peru, Kolumbien und Turkmenistan. Sollte sich China tatsächlich von US-Anleihen abwenden, könnten weitere US-Gläubiger abspringen. Eine gefährliche Abwärtsspirale für die USA wäre damit in Gang gesetzt.

Solange der US-Dollar Weltwährung ist, ginge das jedoch auch für Peking nicht gut aus. Der Wert der eigenen Bestände an amerikanischen Staatsanleihen würde rapide fallen. Die Zinsen würden sprunghaft steigen. Der Dollar würde einbrechen. Am Ende wären die Amerikaner nicht mehr imstande, den Chinesen ihre Waren abzukaufen. Pekings Spielraum ist also begrenzt und es ist im eigenen Interesse der Regierung, den Wert der Reserven zu halten. Um sich wirklich aus der Abhängigkeit von den USA zu befreien, muss Peking den Yuan langfristig zu einer robusten Reservewährung ausbauen, die keine Absicherung durch Dollarreserven mehr braucht. Bis dahin muss noch einiges geschehen, aber Peking ist auf einem guten Weg. In den kommenden Jahren werden China, aber auch Russland versuchen, ihren Handel vermehrt in den jeweiligen Landeswährungen Yuan und Rubel abzuwickeln. Chinas historisches Infrastrukturprojekt der Neuen Seidenstraße" dürfte dabei als Motor fungieren. Zuletzt kündigte das von Peking in einen gemeinsamen Wirtschaftskorridor integrierte Pakistan an, Waren mit China in Zukunft nur noch in Yuan zu handeln. Weitere Länder am Wegesrand der neuen Handelsrouten dürften folgen. Die dominante Position des US-Dollars an den globalen Märkten steht damit mehr denn je auf tönernen Füßen.

Unser Korrespondent der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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