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Der Seestern, der vom Himmel fiel

2018-01-29 09:55:37 de.china-info24.com Frank Sieren

Lange konnte man sich von dem ambitioniertesten Großprojekt der chinesischen Hauptstadt nur auf Computersimulationen ein Bild machen. Und leider kommen solche glatten Architekturbürovisonen der Realität in der Regel nicht besonders nahe. Im Falle des neuen Pekinger Flughafens stellt die Wahrheit die digitale Imagination aber jetzt schon in den Schatten. Das zeigen Fotos, die nun von der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlicht wurden und den Fortschritt des imposanten Bauwerks dokumentieren. Luftaufnahmen zeigen das Dach und die Fassade. Ein atemberaubendes lichtdurchflutetes Skelett aus Glas und Stahl, das sich wie ein gelandetes Raumschiff in die Ebene schmiegt. Optisch soll der Bau an einen aus der Asche aufsteigenden Phönix erinnern. Auf den Bildern wirkt er mit seinen sechs Greifarmen eher wie ein amphibischer Riesenroboter. Oder eben wie ein Seestern" – so nennen die Pekinger ihren neuen Flughafen schon jetzt liebevoll.

Der Beijing Daxing International Airport", so sein offizieller Name, soll im Süden Pekings, etwa 70 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, zu einem der größten zivil genutzten Flughäfen der Welt heranwachsen. 1,6 Millionen Kubikmeter Zement und 52.000 Tonnen Stahl werden auf einer Fläche von 313,000 Quadratmeter verbaut. Umgerechnet 10 Milliarden Euro wird der Bau kosten. Entworfen wurde das Drehkreuz vom französischen Flughafenentwickler ADP Ingénierie in Zusammenarbeit mit dem Büro der 2016 verstorbenen britischen Stararchitektin Zaha Hadid, die für ihre fließende, organische Formsprache berühmt war. Doch nicht nur bei der äußeren Form haben sich die Architekten Gedanken gemacht: Trotz einer Geschossfläche von 700 000 Quadratmetern wurden die Wege kurz gehalten. Jeder Terminal-Arm ist vom Mittelpunkt aus betrachtet nur etwa 600 Meter lang. Alle Gates sollen so in maximal acht Minuten Fußweg erreichbar sein. Das ist kurz.

Seit Dezember 2014 laufen die Bauarbeiten des Daxing International Airport auf Hochtouren, Bewohner wurden umgesiedelt, gigantische Stahlträger tief in der Erde verankert. Schon im Oktober 2019 soll der Flughafen in die erste Einsatzphase gehen, ein paar Monate später als geplant, mit einer Bauzeit von nur fünf Jahren aber immer noch verblüffende Rekordzeit. Seine volle Auslastung soll der Flughafen aber erst 2040 erreichen. Dann sollen hier jährlich über 100 Millionen Fluggäste und bis zu vier Millionen Tonnen Fracht abgefertigt werden. In der ersten Phase werden zunächst nur vier der acht geplanten Terminals betrieben, was jedoch bereits ein Passagieraufkommen von 45 Millionen Fluggästen pro Jahr bedeutet. Bis 2025 soll die Zahl der Passagiere dann langsam auf 72 Millionen steigen.

Man hat die schnelle Umsetzung des Daxing-Airport in den Medien oft mit dem neuen Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg in Verbindung gebracht, beziehungsweise mit dessen Scheitern, schließlich ist die Fertigstellung des BER" auch 12 Jahre nach der Grundsteinlegung noch immer in der Schwebe. Verkaufen wir den BER doch einfach an die Chinesen!" titelte der Tagesspiegel Anfang letzten Jahres bissig. Tatsächlich: Es gibt kein Land auf der Welt, das so schnell und in so kurzer Zeit so viele Flughäfen gebaut hat wie China. Der Vergleich zu Deutschland hinkt jedoch: Nicht nur die Dimensionen, auch der Druck ist in China um einiges größer. Das Luftverkehr-Aufkommen hat sich hier in den vergangenen 15 Jahren mehr als versechsfacht.

Momentan verfügt Peking mit dem „Beijing Capital International Airport“ bereits über den zweitgrößten Flughafen der Welt. Und auch der kommt langsam an seine Grenzen. Die Anzahl der jährlich abgefertigten Passagiere schwoll seit 2010 um über 20 Millionen Personen auf das gegenwärtige Niveau von rund 94,4 Millionen Passagieren an. Anders als in Berlin soll der neue Flughafen dann auch nicht den alten ersetzen, sondern nur entlasten. Wenn beide gleichzeitig in Betrieb sind, überflügeln sie mit einem geschätzten Passagieraufkommen von rund 170 Millionen Passagieren mit Leichtigkeit den bislang größten Flughafen der Welt, der in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia liegt. Der dortige Hartsfield-Jackson International Airport" erreichte 2016 eine Kapazität von 104,3 Millionen Fluggästen im Jahr. Zum Vergleich: Deutschlands größter Flughafen in Frankfurt am Main kam 2016 auf rund 60 Millionen Reisende und lag damit im internationalen Ranking auf dem undankbaren Platz 13.

Im Februar 2017 besuchte Chinas Staats-und Parteichef Xi Jinping die Baustelle in Daxing. Herausgeputzt mit rotem Schutzhelm schüttelte er der Reihe nach den Arbeitern die Hände. Der Daxing-Airport ist eines seiner wichtigsten Prestigeprojekte. Der Flughafen soll der Verkehrsknotenpunkt einer neuen Mega-Metropolregion werden, in der Peking, die Nachbarstadt Tianjin und die Umlandsprovinz Hebei miteinander verflochten sind. In diesem „Jing-Jin-Ji“ benannten, 217.000 Quadratkilometer großen Mega-Ballungsraum sollen eines Tages 130 Millionen Menschen leben, also mehr als in Japan. Bis 2030 will die chinesische Regierung damit die überbevölkerte Hauptstadt entlasten: Die Zentralregierung, Dienstleistungen, Kultur und Hochtechnologie-Forschung sollen in Peking bleiben, und die Kernstadt weiterhin zum Zentrum Chinas machen. Die Industrie mit ihren rauchenden Schloten soll jedoch ausgelagert werden. Mit neuen S-Bahn-Linien und einem 1.000 Kilometer langen Schienennetz für Hochgeschwindigkeitszüge soll der neue Flughafen dann eines Tages für alle Menschen von Jing-Jin-Ji innerhalb einer Stunde erreichbar sein.

Auch aus Berlin wird nun endlich wieder ein neues Ziel vermeldet, weniger ambitioniert, aber immerhin greifbar: Nach Skandalen, Sicherheitsmängeln, Neubau-Sanierungen und Mehrkosten in Milliardenhöhe soll der BER nun endlich im Herbst 2020 eröffnen. Ein Jahr später als der acht Jahre später begonnene Daxing-Flughafen. Wie reibungslos dessen Start verlaufen wird, muss sich natürlich auch erst noch zeigen. Immerhin: Die Sicherheitsanforderungen wurden fristgerecht umgesetzt und die strengen Emissionswerte zum Schutz der Umwelt sogar unterschritten.

Unser Korrespondent der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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