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Gigant auf dünnem Eis

2018-02-02 09:35:15 de.china-info24.com Frank Sieren

Neue Eisenbahnlinien, Häfen, Seeverbindungen, grenzüberschreitende Großprojekte und aus dem Boden gestampfte Handelszentren in mehr als 65 Ländern: Dass die von China nach Europa und Afrika gebaute „Neue Seidenstraße", zweifellos das größte Globalisierungsprojekt der Weltgeschichte, noch ambitionierter und weltumspannender ausfallen könnte, hätte man sich eigentlich nicht vorstellen können. Ein nun von Peking veröffentlichtes Strategiepapier beweist: Es geht noch mehr, und das in einem der unwegsamsten Gebiete der Erde.

In ihrem „ersten Weißbuch zur Arktis" hat die für ihre Langzeitstrategien bekannte chinesische Regierung Pläne vorgestellt, die die Folgen des Klimawandels zum eigenen Vorteil nutzen sollen: „Infolge der globalen Erwärmung werden die arktischen Schifffahrtsrouten voraussichtlich zu wichtigen Transportrouten für den internationalen Handel werden", heißt es da. Die Seewege werden laut Pekings Schätzung schon Mitte des 21. Jahrhunderts eisfrei sein und die Transportzeit für den Handel zwischen Asien und Europa deutlich verkürzen. Sie sind zudem auch noch sicherer als die traditionellen Schifffahrtswege von China nach Europa, die politisch instabil sind und in einigen Gewässern von Piraten unsicher gemacht werden. Für die neuen Routen im hohen Norden hat Peking auch schon einen griffigen Namen parat: Das Weißbuch spricht von der „polaren Seidenstraße". Zum Ausbau des neuen „Schifffahrtsroutennetzes" wolle Peking eng mit anderen Ländern in der Arktis zusammenarbeiten, um die „nachhaltige wirtschaftliche und soziale Entwicklung sowie die Konnektivität der Arktis" voranzutreiben.

Die Arktis, also der Nordpol, ist kein Kontinent, sondern ein von Kontinenten umgebenes Eismeer. Beansprucht wird das Gebiet traditionell von den fünf Anrainerstaaten Russland, dem zu Dänemark gehörigen Grönland, Norwegen, Kanada und den USA. Dass China ein Konzept für seine Aktivitäten im Norden vorlegen würde, wurde schon länger erwartet. Da der Nordosten Chinas auf beinahe 50 Grad Nord liegt, bezeichnet sich China selbst als „arktisnaher Staat". 2013 trat das Reich der Mitte als „Beobachterland" dem Arktischen Rat bei, einem Bündnis der Anrainerstaaten, das Forschungsvorhaben und Entwicklungsprojekte in der Region kontrolliert. Die Beobachterländer, zu denen auch Deutschland gehört, können in Arbeitsgruppen Projekte und Strategien mitentwickeln und Arktis-Staaten finanziell unterstützen. Das hat China in den letzten Jahren umfassend getan, wie das Washingtoner Center for Naval Analysis letztes Jahr hochrechnete: Zwischen 2005 und Juni 2017 hat China in den Arktisstaaten mehr als 89 Milliarden US-Dollar in Infrastruktur, Energieförderung und Finanzkooperationen investiert. Man verstehe sich als „Anteilshaber" in der Arktis, heißt es im neuen Weißbuch. Zur Veröffentlichung des Papiers erklärte Chinas Vize-Außenminister Kong Xuanyou, dass man chinesische Unternehmen ermutigen wolle, in Infrastrukturprojekte in der Region zu investieren und sich an Erkundungsmissionen zur Entdeckung neuer Seehandelswege zu beteiligen.

Seine erste Arktis-Erkundungstour unternahm China vergleichsweise spät im Jahr 1984, fünf Jahre nach der Öffnung des Landes. In den vergangenen zehn Jahren setzte das Land dann aber immer intensiver zur großen Aufholjagd an. Derzeit entsteht am Rossmeer die fünfte arktische Forschungsstation Chinas, näher am Südpol und somit das ganze Jahr über nutzbar. Ein Polarcampus in Shanghai bildet wissenschaftliches Fachpersonal aus, um China international wettbewerbsfähig zu halten. Mit seinem „Xuelong", zu Deutsch „Schneedrache", verfügt China außerdem über ein 167 Meter langes, 21.000 Tonnen schweres Eisbrecherschiff, das im November 2017 von Shanghai aus zu seiner achten Arktisexpedition aufbrach. Ein weiteres, noch leistungsfähigeres und komplett in China gebautes Schiff soll 2019 vom Stapel laufen. Damit würde das Land über genau soviel Eisbrecher verfügen wie die USA – nämlich zwei.

Natürlich geht es bei Chinas Vorstoß ins Eis nicht nur um neue Handelswege. Wie alle anderen in der Arktis involvierten Staaten hat die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt großes Interesse an den Bodenschätzen der Region, die durch den Schwund des Eises immer zugänglicher werden. Aus dieser Tatsache macht auch das Weißbuch kein Geheimnis: China wolle die Entwicklung der Förderung von Öl, Gas und anderen nicht-fossilen Energien sowie der Fischerei und des Tourismus in der Region beobachten, heißt es da. Laut US-Geologen befinden sich bis zu 30 Prozent der bekannten Erdgasreserven und 13 Prozent des Öls unter dem arktischen Eis. Aktuelle Schätzungen veranschlagen den Wert auf über 30 Billionen Euro.

Bei der Ausbeutung der Bodenschätze gelobt Peking diplomatisch vorzugehen. Anders als etwa im südchinesischen Meer möchte man mit den Anrainern zusammenzuarbeiten und die „Traditionen und Kulturen der Bewohner der Arktis, einschließlich der indigenen Völker" respektieren und die „natürliche Umwelt erhalten".

„Manche Leute zweifeln an Chinas Teilnahme an arktischen Angelegenheiten und sorgen sich, dass wir Ressourcen plündern und die Umwelt schädigen. Ich denke, dass diese Sorge völlig unnötig ist", betonte Kong auf einer Pressekonferenz.

Einen neuen sprichwörtlich Kalten Krieg in der Arktis müsse man also nicht fürchten. China setzt auf Kooperation statt auf Konfrontation. Man werde versuchen nach den fünf Grundprinzipien „Respekt, Kooperation, Win-Win-Ergebnisse und Nachhaltigkeit" vorzugehen, heißt es im Strategiepapier. Peking sucht dabei vor allem den Schulterschluss mit Russland, dem eigentlich größten Konkurrenten in der Arktis. Moskau ist mit seinen 44 Eisbrechern bereits sehr aktiv dabei, die nördlichen Seewege zu erschließen. Peking glaubt, dass Russland in den nächsten Jahren maßgeblich an der Nutzbarmachung neuer Handelsrouten beteiligt sein wird. Chinas Regierung diskutiere bereits mit Moskau, erklärte Kong.

Auch Wladimir Putin hatte Mitte Dezember die Bedeutung der strategischen Partnerschaft betont. Moskau werde die Beteiligung der Volksrepublik an russischen Projekten unterstützen, so der russische Präsident. Schon 2013 blockierten beide Länder zusammen mit der Ukraine eine internationale Resolution zur Errichtung zweier Naturschutzgebiete im Südpolarmeer. Offiziell, weil man die daraus entstehenden Beschränkungen für die Fischerei nicht mittragen wolle.

China ist außerdem am russischen Jamal-Projekt auf der gleichnamigen arktischen Halbinsel beteiligt. Der staatliche chinesische Energiekonzern CNPC hält einen Anteil von 20 Prozent an dem Erdgas-Förderprojekt, der chinesische „Seidenstraßen-Fonds" einen Anteil von 9,9 Prozent. Laut dem Hauptanteilseigner Gazprom aus Russland lagern dort 26,5 Billionen Kubikmeter Erdgas und 300 Millionen Tonnen Erdöl. Peking möchte sich durch die Beteiligung eine voraussichtliche Versorgung mit vier Millionen Tonnen Flüssiggas pro Jahr sichern.

Aber nicht nur Russland profitiert vom Energiehunger und den Langzeitplänen Chinas. Besonders klamme Staaten wie das nach Autonomie von Dänemark strebende Grönland werden durch Pekings Investitionen zu strategischen Partnern geformt. Neben fossilen Brennstoffen ist Grönland reich an Uranvorkommen und seltenen Erden. Gleichzeitig können Chinas Unternehmen von den niedrigen Löhnen auf der dünn besiedelten Insel profitieren. Für Peking gilt also: Was in Pakistan, Kambodscha und Sri Lanka funktioniert, funktioniert auch im hohen Norden.

Unser Korrespondent der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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