menu
seacher

Helmut Schmidt: Das „China-Vermächtnis“ eines wahren Staatsmannes

2018-04-17 09:43:58 de.china-info24.com Dr. Michael Borchmann

In den kommenden Wochen jährt sich zum 10. Male die Rede „Die aufsteigende Weltmacht China“, die der 2015 verstorbene damalige Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt am 12. Juni 2008 vor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Kooperation mit der „Zeit-Stiftung“ gehalten hat. Und diese Rede, eine Art China-Vermächtnis dieses großen Staatsmannes, fiel mir dieser Tage wieder in die Hände. In diesen Tagen, in denen manche Fragezeichen zu der Haltung deutscher politischer Kräfte zu der Protektionismus-Offensive des US-Präsidenten auftauchen, in denen – offen gesagt – Verständnis und Einfühlungsvermögen in Deutschland für China immer noch zu wünschen übrig lassen.

Was Helmut damals zu sagen hatte, ist daher eben auch in diesen heutigen Tagen von bleibender Aktualität. Und Helmut Schmidt war nicht einfach irgendein deutscher Spitzenpolitiker. Das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ gab der anlässlich des Todes von Schmidt erschienenen Biographie einen sehr treffenden Titel: „Der letzte Staatsmann“. Und gerade als weitblickender „Weltpolitiker“ hat sich Helmut Schmidt in einem Maße mit China befasst, wie kein deutscher Politiker vor oder nach ihm. Das gilt in großen wie auch in kleinen Dingen. So lautet der Titel einer der letzten Publikationen vor seinem Tode „Ein letzter Besuch – Begegnungen mit der Weltmacht China“ – oder es sei an folgende, immerhin bezeichnende Randerscheinung erinnert: Es war Helmut Schmidt, der in den deutschen politischen Sprachgebrauch das Wort „Beijing“ anstelle von „Peking“ einführte.

Aber zur Rede selbst: Schmidt erinnerte daran, dass er bereits in den 1960er-Jahren das große Potenzial Chinas erkannt hatte und deshalb auch 1971 dem damaligen Bundeskanzler Brandt die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der VR China empfohlen hatte. Dies geschah dann auch 1972, lange bevor die USA diesen Schritt vollzogen.

Und Schmidt hob hervor, dass man China nur verstehen könne, wenn man auch die Grundzüge seiner mindestens 4000-jährigen, weitgehend kontinuierlich verlaufenen Geschichte und Kultur kenne. Man müsse sich vergegenwärtigen: Die chinesischen Schriftzeichen alleine seien weit älter als etwa Altes Testament und Bibel. Im Westen sei allerdings von all der beeindruckenden Entwicklung, die zwischen Konfuzius und Mao liege, fast nichts bekannt. Die Politiker des Westens seien allenfalls ein wenig mit der Entwicklung Chinas der jüngeren Jahrzehnte vertraut. Während über untergegangene Hochkulturen wie Ägypten, Mayas und Inkas, Griechen und Römer ein breites Basiswissen vorhanden sei, sei von der in ihrer Vitalität ungebrochenen chinesischen Hochkultur kaum etwas in westlichen Köpfen vorhanden. Schon deshalb verböten sich jegliche besserwisserische Negativurteile aus dem Westen.

Vor diesem Hintergrund skizzierte Schmidt einige markante Fakten der historischen Entwicklung Chinas. So habe es in China trotz nicht zu leugnender namentlich buddhistischer, dann auch einzelner christlicher und islamischer Einflüsse, niemals religiös aufgeladene Machtkämpfe gegeben. Wichtiger seien immer Philosophie und Ethik gewesen, so die Gedanken eines Laozi und namentlich des Konfuzius, die im Kern Staatsethik, Gesellschafts- und Familienethik gewesen seien. Und auch ein anderes Charakteristikum ziehe sich durch die Jahrhunderte: Kaum jemals habe ein chinesischer Kaiser mit Macht und Gewalt das Territorium ausgedehnt. Selbst die zeitweise bestehende große und allen europäischen Mächten überlegene Flotte sei nie zu aggressiven Zielen eingesetzt worden. Das „Reich der Mitte“ habe vielmehr in sich geruht, selbst Eroberer wie Mongolen oder Mandschus seien nach Eroberung des Kaiserthrons in die chinesische Lebensweise und Kultur eingeschmolzen worden. Schließlich sei China gegen Ende des Mittelalters allen westlichen Staaten wissenschaftlich und technologisch hoch überlegen gewesen, ohne diese Kenntnisse je militärisch zu verwenden. Und dann auch dies: Wer im Rang in China aufsteigen wollte, hatte viele Prüfungen zu bestehen. Schmidt hob hervor, dass auch das jetzige VR China an diese gute Tradition anknüpfe „mit der massenhaften Verbreiterung der Universitäten, der Hochschulen, der Fakultäten und nicht zuletzt der Ingenieurwissenschaften und der Jurisprudenz.“

Schmidt blickte aber auch auf die schwierigen Zeiten Chinas zurück: Den außenpolitischen Einflussverlust im 19. Jahrhundert, die China von Frankreich und England aufgezwungenen Opiumkriege, die Kolonisierung einzelner chinesischer Städte, die Annexion Taiwans durch Japan oder den Krieg gegen Japan mit Okkupationen bis hin zum Massaker von Nanjing. China habe zum Ende des 2. Weltkrieges buchstäblich am Boden gelegen, und auch nach Gründung der VR China habe es noch Fehlentwicklungen gegeben. Umso mehr erscheine im 21. Jahrhundert der kraftvolle Wiederaufstieg Chinas buchstäblich als ein Wunder.

Und der Westen, namentlich die USA? Hier habe man das dynamische Potenzial der von Deng Xiaoping eingeleiteten chinesischen Öffnungspolitik nicht erkannt. Man habe China als Absatzmarkt für westliche industrielle Erzeugnisse angesehen, aber nicht die Entwicklung eines Wettbewerbers auf Augenhöhe erwartet. Und gerade die USA unterstellten den Chinesen immer wieder expansive und imperialistische Tendenzen, sie betrieben einen militärischen Aufmarsch rund um China herum in Japan oder Südkorea, dazu kämen die Pazifikflotte und die Luftwaffenstützpunkte in Zentralasien. Es gebe immer wieder publizistische, diplomatische und politische Konfrontationen mit China, ebenso wie übrigens mit Russland.

Schmidt verkannte bereits 2008 nicht das in einem massiven Wohlstandsgefälle liegende Problem Chinas, anerkannte aber zugleich die schon damals begonnenen Initiativen der Regierung in Beijing, den wirtschaftlichen Aufschwung der Ostküste auch nach Zentralchina, in den Nordosten und den Westen auszudehnen. Und er ergänzte, dass bereits 2008 den Menschen in China besser gegangen sei als jemals zuvor. Und – so darf ich aus der Sicht von 2018 ergänzen – dieser Weg wird durch den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinpingnachhaltig weiter verfolgt, nämlich der entschlossenen Bekämpfung der Armut einzelner Bevölkerungsteile mit dem Ziel, bis zum Jahre 2021 umfassend eine „Gesellschaft von bescheidenem Wohlstand“ zu schaffen. Und Schmidt mahnte zugleich, das wirtschaftliche Erstarken Chinas nicht als Bedrohung für die eigene Wirtschaft anzusehen: Ähnliche Ängste seien auch beim wirtschaftlichen Erstarken Japans in Deutschland geschürt worden, und heute stehe man mit dem Land in einem fruchtbaren wirtschaftlichen Wettbewerb.

Und ein letztes. Helmut Schmidt schloss seine Ausführungen mit drei Kernempfehlungen an den Westen, die man nicht genügend unterstreichen kann:

1. Verzicht auf jegliche Überheblichkeit und politische Belehrung gegenüber China: „Stattdessen Respekt gegenüber der bei weitem ältesten heute lebenden Kulturnation der Welt. Und das gilt auch für Berlin. Respekt!“

2. Einbeziehung Chinas in das kooperative Management der Weltwirtschaft und Anerkennung als ein u.a. den USA und der EU gleichberechtigter Partner.

3. Zulassung der zu erwartenden Annäherung Taiwans an Festlandchina und schließlich der Wiedervereinigung ohne politische Obstruktion. Taiwan sei seit Jahrhunderten ein Teil Chinas gewesen und gehöre zu China.

NEWSLETTERS

Geben Sie hier ihre E-Mail Adresse ein, um unseren Newsletter zu abonnieren

Mehr zum Thema:

Kommentare

Sind Sie Mitglied?Sind Sie schon eingeloggt?