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Codename Viper

2018-04-27 10:33:22 de.china-info24.com Frank Sieren

Es ist ein ambitioniertes Ziel, das auf den ersten Blick erstaunt: Bis zum Jahr 2030 will China weltweit führend auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz (KI) sein. Es ist jenes Teilgebiet der Informatik, welches sich mit der Frage beschäftigt, wie man Maschinen beibringen kann, selbstständig zu lernen. Warum die Regierung in Peking gerade das zur obersten Priorität erkoren hat, begreift man erst, wenn man sich vor Augen führt, dass Daten im 21. Jahrhundert ähnlich wertvoll sein werden wie Öl im vorangegangenen. Doch geht es dann nicht nur darum, die Daten zu besitzen, sondern vor allem darum, sie am effektivsten auszuwerten. Und da kommt die künstliche Intelligenz ins Spiel. Sie ist das mächtigste Instrument, um alles aus der Informationsflut rauszuholen und sie in unterschiedliche Bahnen zu lenken. Durch KI werden digitale Assistenten verlässlicher, Roboter intelligenter, Sprachübersetzungsmaschinen akkurater, medizinische Diagnosen genauer und E-Commerce-Plattformen wirtschaftlicher. Auch die Überwachungs- und Militärtechnik bekommt durch KI einen neuen Schub. Von unzähligen Anwendungen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können, ganz abgesehen. Es wird klar: KI hat das Potential, die Machbalancen der Weltwirtschaft aber auch der internationalen Beziehungen zu verändern. Und das hat Peking besser als viele andere Regierungen der Welt verstanden.

Wöchentlich erreichen uns neue Nachrichten über Innovationen aus China, oder zumindest über Versuche, dort neues zu wagen. Jeden Tag werden in China 15.000 Firmen gegründet, vielen davon greift der Staat unter die Arme. Die Zahl der „Einhörner", meist im IT-Sektor tätige Unternehmen, die nicht älter als zehn Jahre und bereits über eine Milliarde US-Dollar wert sind, wächst hier stetig. Mittlerweile stammen knapp hundert Einhörner aus China, mehr als ein Drittel der weltweiten Exemplare.

Der große Hoffnungsträger im Bereich der KI heißt SenseTime. Das Startup mit Sitz in Hongkong forscht unter anderem auf den Gebieten Autonomes Fahren und Augmented-Reality. Das wichtigste Feld des Unternehmens ist jedoch Gesichts- und Bilderkennungssoftware.

In einer neuen Investitionsrunde hat die Firma 600 Millionen Dollar an Land gezogen. Der größte Teil des Geldes kam vom E-Commerce-Giganten Alibaba. Aber auch die staatliche Investment-Firma Temasek aus Singapur sowie der chinesische Elektro-Einzelhändler Suning, mit einem Jahresumsatz von 65,7 Milliarden Dollar Platz Zwei unter den 500 größten Privatunternehmen Chinas, steuerte große Summen bei. Mit dem US-Halbleiterproduzent Qualcomm, der in einer früheren Finanzierungsrunde ebenfalls Anteile an SenseTime erwarb, unterhält das Startup zudem eine strategische Partnerschaft zum Bau von KI-Computerchips. SenseTime hat seinen Wert damit innerhalb kurzer Zeit auf über 3 Milliarden Dollar verdoppelt. Damit ist das Unternehmen schon jetzt das wertvollste KI-Startup der Welt. Durch weitere Kapitalaufnahmen soll der Wert des Unternehmens in den kommenden Monaten noch weiter auf über 4,5 Milliarden Dollar steigen. Das Personal soll zudem bis Jahresende um 500 auf 2.000 Mitarbeiter vergrößert werden. Das erst 2014 an der Chinese University of Hongkong gegründete Startup hat erkannt, dass es seinen Vorsprung als großer Hoffnungsträger der Branche schnellstmöglich ausbauen muss.

Obwohl die Firma ihren Sitz in Hongkong hat, ist vor allem das chinesische Festland ein ideales Experimentierfeld für SenseTime, das mit seiner Technik aus vielfach gescannten Gesichtsmerkmalen biometrische Muster erzeugt, die bei jedem Menschen einzigartig sind. Nirgends sonst kann SenseTime so umfassend auf riesige Daten-Pools zurückgreifen wie hier. Derzeit sorgen um die 176 Millionen Kameras in China für eine engmaschige Überwachung im öffentlichen Raum, bis 2020 sollen 450 Millionen weitere hinzukommen. SenseTime gibt an, über Regierungsstellen bereits Zugang zu rund 500 Millionen Gesichtern aus staatlichen Datenbanken zu haben. Diese Daten benutzt das Unternehmen wiederum, um seine Fähigkeit zum „deep learning" zu perfektionieren. So nennt man die Königsdisziplin innerhalb der künstlichen Intelligenz, bei der Computerprogramme in möglichst großen Datenabgleichvorgängen ihren Algorithmen das autonome Lernen beibringen. In der Gesichtserkennung bedeutet das zum Beispiel, dass die Software mit der Zeit selbstständig Gesichter erkennt und dabei lernt wie man sie unterscheidet und welche Faktoren, etwa Licht oder Bildverzerrungen, für die eindeutige Identifikation berücksichtigt werden müssen. Dass SenseTime von der chinesischen Regierung mit Daten unterstützt wird, ist für das Unternehmen mindestens ebenso wichtig wie die Finanzspritzen der Investoren. Denn SenseTime wertet nicht nur die Kamerabilder aus, sondern verkauft die Technik in Form von Überwachungssoftware wieder an den Staat zurück, der damit Kriminelle fängt oder Vermisste identifiziert. Chinesische Lokalregierungen sind mit einem Anteil von 10 Prozent schon jetzt die Hauptkunden von SenseTime. Ein Win-Win-Geschäft, das bei den Chinesen weit weniger dystopische Assoziationen weckt, als bei uns im Westen. In China sieht man zuallererst die Vorteile. So kann die Technik von staatlicher Seite nicht nur zur Überwachung, sondern etwa auch für schnellere Sicherheitschecks an Flughäfen und Bahnhöfen verwendet werden, was besonders in den zu Stoßzeiten überfüllten Großstädten einiges an Druck raus nimmt.

Aber auch die User selbst nehmen die technische Neuerung gerne an. Auf mehr als 100 Millionen chinesischen Smartphones ist die Software von SenseTime bereits installiert. Die Chinesen benutzen die Technik des Startups zum Beispiel in Apps, die das eigene Gesicht an Bankautomaten oder beim bargeldlosen Bezahlen dem eigenen Konto zuordnen. Aber auch um Selfies zu schießen, ist die SenseTime-Software sehr beliebt, etwa in der weit verbreiteten Beauty-App Meitu. SenseTime profitiert von den Daten, egal wie sie reinkommen. Denn umso mehr das Unternehmen besitzt, umso größer wird sein technologischer Vorsprung.

Das stärkste Wachstum erhofft sich die Firma in den kommenden Jahren vor allem von einem Projekt, das auf den hollywoodreifen Codenamen „Viper" hört. Dabei sollen in mehreren chinesischen Städten Supercomputer installiert werden, die in der Lage sind, Livebilder aus bis zu 100.000 Kameraquellen gleichzeitig durchsuchen und auswerten zu können. Damit wäre die 100-prozentige Personenerkennung im öffentlichen Raum so gut wie erreicht.

Peking hat die Ressourcen. Und SenseTime hat die Technik und das Selbstvertrauen. So lautet der chinesische Name der Firma nicht von ungefähr Shang Tang, benannt nach der ersten chinesischen Dynastie, und deren erstem Kaiser Tang. Firmengründer und Universitätsprofessor Tang Xiaoou erklärte gegenüber dem Magazin MIT Technology Review die Namenswahl folgendermaßen: „China führte damals die Welt an. Und China wird das in Zukunft wieder tun - mit seinen technologischen Innovationen."

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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