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Hollywood-Träume aus Fernost

2018-05-03 12:21:23 de.china-info24.com Frank Sieren

Spätestens seit den Olympischen Spielen 2008 versucht China nicht nur in der Wirtschaft tonangebend zu sein, sondern auch mit Soft Power in Form von Kunst und Kultur die Herzen der Welt zu erobern.

Schon im Oktober 2014 bemerkte Xi Jinping in einer viel beachteten Rede (die nicht wenige mit Maos Ansprache über Kunst und Kultur in Yan’an im Jahr 1942 verglichen), dass China sich hier um mehr Offenheit bemühen müsse: „Die Geschichte und die Realität zeigen, dass das chinesische Volk über eine starke kulturelle Schaffenskraft verfügt", so Xi damals. „Wir leben heute in einer offenen Welt, wo die Künste auf einem länderübergreifenden Markt miteinander konkurrieren. Damit unsere sozialistische Kultur sich weiterentwickeln kann, müssen wir sorgfältig die besten ausländischen Werke studieren (…), aber nur übernehmen, was für das Volk nützlich ist, und sie darüber hinaus mit gesunden, fortschrittlichen Inhalten anreichern.“

Besonders in der Filmindustrie hat China in den letzten Jahren große Soft-Power-Sprünge nach vorne getan. Meilensteine waren etwa die Gründung von Oriental DreamWorks, einem Joint Venture aus dem gleichnamigen kalifornischen Animationsstudio und drei teils staatsgeförderten chinesischen Medienunternehmen, die zusammen unter anderem den Kassenschlager „Kung Fu Panda 3“ für den internationalen Markt produzierten. Oder der gleichermaßen für den westlichen wie für den chinesischen Markt optimierte, 140 Millionen Dollar teure Mega-Blockbuster „The Great Wall", gedreht von Chinas bekanntestem Regisseur Zhang Yimou, der 2008 auch die Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking choreographieren durfte.

Das bislang ambitionierteste Projekt um international nicht nur Anschluss zu finden, sondern die USA in ihrer Vormachtstellung als Filmsupermacht noch zu übertrumpfen, hat jetzt in Qingdao offiziell seine Pforten geöffnet. Auf einer Fläche von 500 Fußballfeldern hat der Milliardär Wang Jianlin vor den Toren der Stadt, die einst eine deutsche Kolonie war, seinen Traum eines chinesischen Hollywoods wahrgemacht.

50 Milliarden Yuan (6,5 Milliarden Euro) hat seine „Oriental Movie Metropolis" gekostet, ein gewaltiger Studiokomplex, der neben 30 Filmstudios auch ein Krankenhaus, Luxushotels und einen Yachtclub für die High Society der Filmwelt bereithält. Touristen werden mit Einkaufspassagen, Restaurants, einem Wachsfigurenkabinett, einem Freizeitpark und dem größten Kino Asiens angelockt. „Das ist die größte Investition, die die weltweite Film- und Fernsehindustrie je erlebt hat", verkündet ein Sprecher von Wangs Firma „Wanda" stolz. Niemand treibt Chinas Aufstieg zur Filmgroßmacht stärker voran als der 63-jährige Unternehmer aus Dalian, der für eine Weile Chinas reichster Geschäftsmann war, sich mit seinen Investitionen aber auch stellenweise so übernahm, dass Peking regulierend einschreiten musste.

Mittlerweile ist Wang aber wieder auf Erfolgskurs. Und sein Plan, das „mächtigste Unterhaltungsunternehmen der Welt" aufzubauen, ungebrochen. Im Januar 2016 kaufte er für 3,5 Milliarden Dollar „Legendary Entertainment“, eine der größten Filmproduktionsfirmen der USA, die unter anderem mit „Batman", „Jurassic Park" und „Hangover" internationale Hits landen konnte. Bereits 2012 hatte sich Wanda Nordamerikas größte Kinokette AMC einverleibt. Wanda-Unternehmenschef Wang wurde damit zum größten Kinobetreiber der Welt.

Seine Filmstadt in Qingdao ist tatsächlich schon seit Ende 2016 teilweise im Einsatz. „The Great Wall" entstand hier, gedreht an einer fast lebensgroßen Nachbildung eines Abschnitts der chinesischen Mauer. Auch der Blockbuster „Pacific Rim: Uprising“ entstand zu Teilen hier. In Zukunft sollen die modernen Studios in Qingdao amerikanischen Produktionsfirmen noch umfassender als Drehorte geöffnet werden. Dass diese das Angebot wahrnehmen werden, ist nicht unwahrscheinlich. Bereits zur Feier der Grundsteinlegung im September 2013 kamen Top-Schauspieler wie Leonardo DiCaprio, John Travolta und Nicole Kidman, um in Qingdao über den roten Teppich zu flanieren. Ihre Arbeitgeber wissen, dass man dem chinesischen Filmmarkt oberste Priorität einräumen muss. Anfang April dieses Jahres übertrafen die chinesischen Box-Office-Einnahmen erstmals die nordamerikanischen. Wang Jianlin glaubt, dass sie bis zum Jahr 2023 zweimal so hoch sein werden.

Die US-Filmindustrie ist auf ausländische Märkte angewiesen, um ihre immensen Produktionskosten reinzuholen und darüber hinaus noch Gewinn zu machen. Rund 70 Prozent ihrer Einnahmen werden mittlerweile Übersee eingespielt. Insbesondere Chinas wachsender Filmmarkt spielt für Hollywood eine immer wichtigere Rolle, und das obwohl die Kulturbehörden in Peking jährlich nur 34 ausländische Filme in China zulassen. 2017 wuchs der Umsatz mit Kinofilmen in China gegenüber 2016 um 20 Prozent. In den USA war er zum Vorjahr dagegen um 2,3 Prozent rückläufig.

Kein Hollywood-Film kann heute ein internationaler Kassenschlager werden, ohne auch in China erfolgreich zu sein. Aus diesem Grund arbeiten die beiden größten Traumschmieden der Welt immer enger zusammen. Seit einigen Jahren tauchen immer mehr chinesische Schauspieler in amerikanischen Großproduktionen auf, um das Identifikationspotential für chinesische Zuschauer zu erhöhen. Oder man dreht gleich ganz vor chinesischer Kulisse, so geschehen zum Beispiel in „Skyfall" aus der James-Bond-Reihe, deren Handlung teilweise nach Macau und Shanghai verlegt wurde. Es kommt aber auch vor, dass ganze Szenen für das chinesische Kino neu gedreht werden, die in der amerikanischen Version fehlen. Von versteckter Werbung, die auf chinesische Zuschauer zugeschnitten ist, ganz zu schweigen. So telefoniert der von Robert Downey gespielte „Iron Man" in „Captain America 3" zum Beispiel mit einem Handy der außerhalb Chinas wenig bekannten Marke Vivo. In „Independence Day 2" taucht das chinesische Chatprogramm „QQ" innerhalb der Handlung auf und in „Transformers: Age of Extinction" schlürft der amerikanische Schauspieler Stanley Tucci verträumt an einem Milchkarton der chinesischen Marke „Yili Shuhua”.

Dass durchkalkulierte Kooperationen, schier bodenlose finanzielle Ressourcen und ein Staraufgebot alleine nicht reichen, zeigte jedoch „The Great Wall", der bislang teuerste sino-amerikanische Versuch, einen Blockbuster auf beiden Märkten gleichzeitig zu landen. Trotz einer länderübergreifenden Besetzung mit Megastars wie Matt Damon oder Teenie-Idol Luhan blieb das effektreiche, in der Song-Dynastie angesiedelte Fantasy-Spektakel in China mit Einnahmen von 170,9 Millionen Dollar hinter den Erwartungen zurück. In den USA und Kanada floppte der Film sogar mit nur 45,5 Millionen Dollar Box-Office-Revenue. Am Ende fuhr das Studio Verluste in Höhe von 75 Millionen Dollar ein.

Das hatte mehrere Gründe: Für viele Chinesen, die gleichermaßen mit amerikanischem und chinesischem Kino aufgewachsen sind, stellte der Film einen verwässerten Kompromiss dar, noch dazu mit einem westlichen Schauspieler, der vor chinesischem Hintergrund die Rolle des heldenhaften Retters übernehmen durfte. Für den durchschnittlichen westlichen Mainstream-Kinogänger ist China dagegen noch immer so weit weg wie der Mond und die chinesische Kultur kaum mehr als eine exotische Kulisse, voll verwirrender Namen und einer Bedeutungsebene, die sich ihnen ohne Geschichtsunterricht mit asiatischem Fokus nicht erschließt. Dass ein chinesischer Film im Westen zudem eine besonders hohe ideologische Schwelle nehmen muss, zeigte zuletzt „Wolf Warrior 2", mit einem Umsatz von 750 Millionen US-Dollar der bis dato erfolgreichste chinesische Blockbuster, der es sogar als erster nicht-amerikanischer Film in die Liste der 100 kommerziell erfolgreichsten Filme aller Zeiten schaffte. Während der Film über einen Ex-Elitesoldaten, der im afrikanischen Bürgerkriegschaos seine Landsleute rettet, in China als lupenreiner Actionfilm Kasse machen konnte, wurde er im Westen vor allem als Propaganda-Film wahrgenommen, der Chinas Außenpolitik und seine Ambitionen als neue Weltmacht bloßstellt. Dass er dabei in einem Atemzug mit „Rambo" genannt wurde, zeigt einmal mehr das ungleiche Maß, mit dem chinesische Filme im Westen nach wie vor gemessen werden. Denn wie kein anderer Film aus Hollywood verkörperte „Rambo" in den 80er-Jahren ebenfalls ein neu erwachtes politisches Selbstbewusstsein unter Ronald Reagans „Politik der Stärke". Seinem internationalen Erfolg tat das natürlich keinen Abbruch.

Ein nicht zu unterschätzender Unterschied ist auch, dass „gesunde Inhalte" in den beiden Kino-Welten zu unterschiedlich interpretiert werden. So hat die staatliche Zensur in China in der Regel ein Auge darauf, dass mit Blut und vor allem Sex sparsamer umgegangen wird als in Hollywood. Das ist löblich, langweilt aber auch das leider oft recht abgestumpfte Publikum im Westen. Statt in Brutalität kippt der Patriotismus in chinesischen Filmen dagegen gerne ins Sentimentale, wie man etwa in „The Founding Of A Party“ sehen konnte, einem Blockbuster über die Geschichte der kommunistischen Partei, der trotz Action- und Romantikszenen außerhalb Chinas natürlich unverkäuflich bleibt. Subtil sind dabei weder das amerikanische noch das chinesische Kino für den Massenmarkt. Dass sich die beiden einmal auf eine gemeinsame Ebene verständigen können, erscheint momentan trotzdem noch unwahrscheinlich. Aber ein Ort wie Wang Jianlins „Oriental Movie Metropolis“ könnte zumindest der fruchtbare Boden sein, auf dem beide sich noch mehr einander annähern können.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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