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Breit aufgestellt

2018-05-10 11:37:48 de.china-info24.com Frank Sieren

Der Aufstieg des chinesischen Tech-Herstellers Xiaomi geht weiter. Nach der Eröffnung eines Flagship-Stores in Spanien, expandiert das Unternehmen nun auch nach Italien, Frankreich und Österreich. Auch ein gigantischer Börsengang ist geplant. Dass sich der Konzern dabei nicht überhebt, liegt an einer weitsichtigen Strategie, meint Frank Sieren

Elektroroller, Lautsprecher, WiFi-Router, Luftreiniger, Fritteusen, Reiskocher und Staubsauger-Roboter: Das Angebot von Xiaomi ist vielfältig. Sein Hauptgeschäft macht das in Peking ansässige Unternehmen allerdings mit Smartphones. Und das überaus erfolgreich: 2017 konnte der Tech-Konzern seinen Umsatz um 67 Prozent auf 114,6 Milliarden Yuan (15 Milliarden Euro) steigern, wobei Smartphones mit gut 80 Milliarden Yuan rund 70 Prozent der Erlöse ausmachten.

Im ersten Quartal 2018 zogen die Verkäufe des Konzerns sogar noch einmal rasant um 129 Prozent auf 29,3 Millionen Geräte an. Nach Angaben der Marktforschungsfirma IDC ist das 2010 gegründete Unternehmen mit einem Marktanteil von 8,4 Prozent damit nun der viertgrößte Smartphone-Anbieter der Welt. In China ist Xiaomi gerade dabei den einstigen Platzhirsch Apple vom vierten Platz im Handy-Verkaufsranking zu verdrängen. Im ersten Quartal hatte Xiaomi hier einen Marktanteil von 13,1 Prozent, Apple lag mit 14,2 Prozent nur noch knapp davor. Die ersten drei Plätze halten die chinesischen Marken Huawei, Oppo und Vivo.

In China kennt Xiaomi jeder. Mit 72 Prozent entfällt der größte Teil der Umsatzerlöse des Unternehmens momentan auf seinen Heimatmarkt. Aber das soll nicht so bleiben. Xiaomi geht in Südostasien und in Europa auf Expansionskurs. In Indien sind die Xiaomi-Smartphones mit einem Marktanteil von 27 Prozent bereits die bestverkauften überhaupt. In Madrid eröffnete Xiaomi im Herbst 2017 sein erstes europäisches Geschäft. Am 17. Mai soll in Vösendorf bei Wien der erste Flagship-Store im deutschsprachigen Raum eröffnen. In England und Österreich nimmt der Mobilfunkbetreiber Hutchinson's Three Mitte Mai erstmals Geräte von Xiaomi in sein Programm auf. Und Ende des Monats wird die chinesische Firma dann "den französischen und italienischen Markt betreten", wie Senior-Vice-Präsident Wang Xiang auf Twitter mitteile. „Ein weiterer Meilenstein auf unserer globalen Reise“. "Schleichender Einstieg" trifft es wohl besser: Auf den deutschen Markt ausgerichtete Xiaomi-Shops findet man bereits im Internet. Wie die Geräte in den für Europa vorgesehenen Versionen zu den deutschen Großhändlern gelangen, ist derzeit jedoch noch offen. Die Mundpropaganda ist jedoch schon jetzt enorm, wie man an zahlreichen Tech-Blogs sehen kann, die sich den günstigen High-End-Smartphones aus China widmen. Im Gespräch für eine strategische Partnerschaft ist unter anderem Media Markt. Angeblich befindet sich Xiaomi derzeit sogar in Gesprächen, um den amerikanischen Actioncam-Hersteller GoPro zu kaufen. Für die Chinesen könnte sich das als Eintrittskarte in den für chinesische Anbieter äußerst schwierigen US-Markt erweisen. So ermitteln US-Behörden derzeit etwa gegen den chinesischen Xiaomi-Konkurrenten Huawei, dessen Telekommunikationstechnik ein "nationales Sicherheitsrisiko" darstelle.

Um auf diesem Niveau zu expandieren und weiterzuwachsen braucht das Unternehmen, das derzeit mit rund 50 Milliarden Dollar bewertet ist, jedoch Kapital. Deshalb hat Xiaomi nun den Börsengang in Hongkong beantragt. Wenn alles klappt, könnte es das größte Listing seit Alibabas 25-Milliarden-Dollar-Debüt in New York im Jahr 2014 werden. Und Firmengründer und CEO Lei Jun wäre dann mit 49 Jahren der reichste Chinese, noch vor Tencent-Gründer Pony Ma und dem Alibaba-Gründer Jack Ma.

Der studierte Informatiker hat in nur sieben Jahren aus dem Nichts ein Unternehmen mit 15.000 Mitarbeitern aufgebaut. Bereits 2014 kürte ihn das Wirtschaftsmagazin Forbes zum „Businessman of the Year“. Sein Geschäftsmodell für Xiaomi lautete von Anfang an Diversifizierung, breit aufgestellte eigene Services und niedrige Preise. Zum Vergleich: Apple verdient rund 150 Dollar pro Smartphone, Xiaomi nur ungefähr zwei. Das geht, weil die Firma stets mitverdient, wenn die Xiaomi-Handybesitzer auf dem eigenen Browser suchen, dort Videos streamen und die dazugehörigen Onlinedienste nutzen. Mit Miui hat Xiaomi etwa auch eine eigene Version des mobilen Android-Betriebssystems von Google herausgebracht, die bereits mehr als 190 Millionen monatlich aktive Nutzer aufweist. Natürlich macht die geringe Gewinnmarge dieser preisgünstigen „Innovation für alle"-Strategie den Konzern auch vergleichsweise anfällig, falls es zu Umsatzrückgängen bei Smartphones oder zu Kostensteigerungen kommt.

Deshalb investiert Xiaomi weiter in sein sogenanntes „Mi Ecosystem“, ein Netz von Partnerunternehmen, die Produkte konzipieren, herstellen und weiterentwickeln, die die Xiaomi-Produktpalette noch erweitern. Diese Geräte sollen immer weiter miteinander vernetzt werden, wobei im Zentrum das Xiaomi-Smartphone steht. Stichwort ist das sogenannte „Internet der Dinge“. Man stelle sich etwa einen Luftreiniger vor, der durch Smartphone-Ortung erkennt, wann der Besitzer nach Hause kommt, und sich schon vorher selbstständig einschaltet. Oder einen Kühlschrank, der registriert, wann die Milch alle ist, und dies per Smartphone übermittelt oder gleich selbst neue bestellt. Kaum ein Technologie-Unternehmen nimmt das Internet der Dinge so ernst wie Xiaomi. So stellte das Unternehmen zum Beispiel bereits Glühbirnen, Webcams, Luftreiniger, Zeitschaltuhren und Sensoren vor, die das "intelligente Haus" als vernetztes System Wirklichkeit machen sollen, in dem alle Abläufe des Alltags optimiert sind. „Xiaomi bietet der Welt einen Blick in die Zukunft, da wir die Grenzen technologischer Innovation erforschen, um unseren Nutzern noch erstaunlichere Funktionen zu bieten“, erläuterte es Top-Manager Hugo Barra, bis letztes Jahr Vize-Präsident von Xiaomi und nun Virtual-Reality-Experte bei Facebook. Hier hat Xiaomi seinen größten internationalen Konkurrenten bereits abgehängt. Apple, das Xiaomi erst im Dezember gerichtlich die Markenbezeichnung "Mi Pad" untersagte, hat schon lange keine ähnlich weitsichtige Strategie mehr vorgelegt, die noch dazu bereits so weit im Alltag Fuß gefasst hat.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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