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Der Erfolg liegt in den Genen

2018-05-31 08:11:44 de.china-info24.com Frank Sieren

Bei ihrer China-Reise besuchte Angela Merkel auch iCarbonX, ein chinesisches Startup im Gesundheitswesen. Das Unternehmen will mithilfe von Digitalanalysen eine detaillierte Karte des Körpers erstellen. Ein Alptraum für Datenschützer, aber auch eine revolutionäre Vorsorgetechnik, die uns hilft gesünder zu leben, meint Frank Sieren.

Ausgerechnet am Tag an dem in Deutschland und Europa die neue Datenschutz-Grundverordnung in Kraft trat, besuchte Angela Merkel bei ihrer Chinareise letzte Woche ein Startup, dessen Technik Datenschützern weltweit Schauer über den Rücken jagt. iCarbonX heißt das Unternehmen, das seinen Hauptsitz in der südchinesischen Tech-Metropole Shenzhen hat. Bereits an der Architektur seiner Hochhaus-Zentrale, die von der ineinanderfließenden Doppel-Helixstruktur der DNA inspiriert ist, sieht man, worum es der Firma geht: Darum, tief in das Innere des Menschen vorzudringen.

Das 2015 gegründete Bio-Tech-Unternehmen sammelt große Mengen Daten und wertet sie aus, um Krankheiten so früh wie möglich zu erkennen. iCarbonX erstellt für jeden seiner Kunden ein ausdifferenziertes Gesundheitsprofil, das detailliert über den aktuellen Gesundheitszustand Bericht erstatten kann und bei drohenden Krankheiten möglichst früh Alarm schlägt.

Der 41-jährige Gründer von iCarbonX heißt Wang Jun. Er ist Biologe und Computerfachmann. Vorher arbeitete Wang für das Beijing Genomics Institute (BGI) an der Entschlüsselung von Erbgut, war jedoch frustriert davon, dass die Informationen, die man aus der DNA ableiten kann, begrenzter sind, als lange vermutet wurde. Nach seiner Kündigung bei BGI nahm Wang gleich ein paar Genom-Spezialisten wie den Wissenschaftler Yi Ringui mit zu iCarbonX. Seine neue Firma nennt Wang seine "Kristallkugel". In den nächsten fünf Jahren will er die Gesundheitsdaten von bis zu einer Millionen Chinesen zusammentragen und Werte wie den Herzschlag, Schlafmuster, Blutwerte und die entschlüsselte Erbsubstanz auswerten. Umweltmessungen wie die der Luftqualität und Faktoren wie Bewegung und Ernährung ergänzen das Gesamtbild. Um die notwendigen Daten zu sammeln, betreibt iCarbonX "Sammelstellen" in vier chinesischen Großstädten. Dazu kooperiert das Unternehmen zusätzlich mit Fitnessclubs und Kliniken. Langfristig plant iCarbonX jedoch, noch tiefer in die Privatsphäre seiner Nutzer einzutauchen. Sensoren sollen am und im Körper sämtliche Körperfunktionen tracken und die Entwicklung der Zellen überwachen. Wie das genau aussehen soll, zeigt ein Imagefilm, den auch Merkel bei ihrem Besuch zu sehen bekam. Er zeigt euphorisch lächelnde Strichmännchen, die im Alltag von smarten Geräten umgeben sind. Die Toilette analysiert den Urin, die Zahnbürste den Speichel und der Spiegel im Bad scannt mithilfe einer 3D-Kamera den Zustand der Haut. All das wird in Grafiken und Kurven übersetzt und dem User aufs Smartphone gesendet. Die dazugehörige App heißt "Meum", was auf Latein so viel wie "mein" heißt. Ziel von "Meum" ist laut Wang ständig eine "exakte 3D-Version" des eigenen Körpers einsehen zu können. Auch zu Prognosen soll die App fähig sein, etwa ob ein User mit seinem jetzigen Lebenswandel einmal an Diabetes erkranken wird. "One Apple a day, keeps the doctor away" wird bei Wang zu der Erkenntnis: "Für den einen können Äpfel gut sein, für den anderen schlecht."

Dabei bleibt jedoch ein bitterer Geschmack zurück. Denn nicht nur die chinesische Regierung kann bei Bedarf auf die Nutzerdaten zurückgreifen, iCarbonX denkt auch über Partnerschaften mit Versicherern nach. Werbeeinblendungen für bestimmte Gesundheitsprodukte und Geo-Tag-Empfehlungen für Ärzte und Apotheken sind ebenfalls denkbar. Der gläserne Mensch könnte so bis in seine kleinsten Bestandteile ausgeschlachtet werden.

In China, wo die Datenschutzdebatte kaum ausgeprägt ist, werden große Hoffnungen in iCarbonX gesetzt. Zuletzt sammelte das Unternehmen in einer Finanzierungsrunde 600 Millionen US-Dollar von Investoren ein, darunter vom Datengigant Tencent zu dem auch die allgegenwärtige Universalapp WeChat gehört. Im April wurde iCarbonX zum "Einhorn". Eine seltene Spezies im chinesischen Gesundheitswesen. Nur noch zwei weitere Startups erreichten die dafür benötigte Bewertung von über einer Milliarde US-Dollar: das Pharmaunternehmen United Imaging Healthcare und der digitale Medizindienstleister Guahao. Aber kein anderes Unternehmen hat den Einhornstatus so schnell erreicht wie ICarbonX. Um noch schneller zu wachsen investiert das Unternehmen mittlerweile auch im Ausland. Die Firma hält einen 161-Millionen-Dollar-Anteil an SomaLogic aus Colorado, einer Firma, die einen Chip entwickelt, der Proteine im Blut messen kann. 2017 wurde außerdem eine Partnerschaft mit ParentsLikeMe geschlossen, dem größten Patientendatennetzwerk der Welt, das seinen Sitz in Cambridge, Massachusetts hat. Das Unternehmen stellt mehr als 500.000 chronisch Kranken eine Online-Plattform zur Verfügung, auf der sie auch ihre Gesundheitsdaten austauschen können. In Israel unterhält iCarbonX außerdem ein Tochterunternehmen, das Software zur Interpretation von CT-Aufnahmen und anderen medizinischen Bildern entwickelt.

Obwohl die DNA-Sequenzierung immer billiger wird und es inzwischen möglich ist, viele Tausend biologische Stoffe und Prozesse im Körper zu erfassen, ist solche eine App für den Massenmarkt in Deutschland momentan noch undenkbar. Die Datenschutzbedenken sind einfach zu groß. Das weiß auch Merkel. Bei einer Rede Anfang Mai sagte sie, die Deutschen müssten ihr "Verhältnis zu Daten gesellschaftlich fortentwickeln". Denn Daten, so wiederholte die Kanzlerin bereits an mehrerer Stelle, seien "der Rohstoff des 21. Jahrhunderts". Mit der neuen Datenschutzverordnung genießen wir Europäer nun den weltweit besten Schutz unserer digitalen Privatsphäre. Das sollte jedoch nicht dazu führen, dass China, ein Land, dem unsere Datensouveränität egal ist, uns bei der Entwicklung neuer Technologien mit großen Schritten abhängt. Denn eine effiziente Vorsorgetechnik wie iCarbonX sie anbietet, würde natürlich auch in Deutschland auf eine große Nachfrage treffen. Vorausgesetzt, die Daten sind sicher. Merkel, die in einem Überwachsungsstaat aufwuchs und sich gleichzeitig der rasanten Entwicklung in China bewusst ist, wäre die ideale Kandidatin um einen Mittelweg aus dem europäischen Daten-Dilemma zu finden. Doch sie muss sich beeilen. Denn auch China hat Datenschutzgesetze. Nur beschneiden die nicht die Kontrolle des Staates und der von ihm geförderten Unternehmen, sondern verstärken sie noch.

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