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Die Wüste lebt

2018-06-08 09:30:04 de.china-info24.com Frank Sieren

Seine Wasserknappheit, seine sandigen, salzigen Böden und das trockene, heiße Klima machen Dubai nicht gerade zur ersten Wahl, um große landwirtschaftliche Träume zu schmieden. Das Emirat liegt am Persischen Golf und besteht zum größten Teil aus Wüste. Im Winter regnet es durchschnittlich einen Tag pro Monat, im Sommer ist Regen hier so gut wie ausgeschlossen.

Und dennoch sollen hier in absehbarer Zeit riesige Felder mit Reis entstehen, einer der bewässerungsintensivsten Nutzpflanzen der Welt. Möglich machen soll das eine neue Reissorte, die im Gegensatz zu herkömmlichen Sorten auch auf salz- und alkalihaltigen Böden gedeihen kann und vor allem salzhaltiges Meerwasser gut verträgt . Entwickelt hat sie ein Team unter der Leitung des bekannten chinesischen Wissenschaftlers Yuan Longping. In seiner Heimat ist der 87-Jährige auch als „Vater des Hybridreis“ bekannt, manche nennen ihn in Anlehnung an den Hollywood-Film der „Pferdeflüsterer“ sogar den „Reisflüsterer“.

Yuan forscht seit mehr als 50 Jahren an Möglichkeiten, den weltweiten Bedarf an Grundnahrungsmitteln mit neuen Reissorten zu decken. Der von ihm entwickelte „Superreis“, eine Kreuzung aus Wildreis und herkömmlichem Langkornreis, erwies sich als wissenschaftlicher Durchbruch. Hua Guofeng, zuerst Vizepremier und später kurz der Parteichef Chinas, ordnete Mitte der 70er-Jahre an, Yuans Hybridreis in 13 südchinesischen Provinzen anzubauen. Durch die ertragreichere Sorte konnte Chinas Reisernte verdreifacht werden. Die Regierung fördert Yuan seitdem fast ununterbrochen. Unter ihm wurde die Reisforschung zu einem der wichtigsten Forschungsfelder Chinas. Anfang der 80er-Jahre übernahmen sogar die USA Yuans Hybridreis - das erste Patent, das die USA von China kauften. 2004 erhielt Yuan für sein Lebenswerk den „Welternährungspreis“ für herausragende Leistungen zur Sicherung der Welternährung. Eine bahnbrechende Studie konnte im Jahr 2012 belegen, dass der Reis als Kulturpflanze zuerst im Perlflussdelta im Süden Chinas angebaut wurde. Von dort aus hat er sich über Südostasien und Indien in die Welt ausgebreitet.

Heute stammen in China fast 60 Prozent der angebauten Reissorten aus den Entwicklungslabors von Yuan. Ans Aufhören denkt er jedoch nicht. Die größten Hoffnungen für die Zukunft setzt er in salz- und alkalitolerante Hochertragsreissorten. An ihnen forscht der 1930 geborene Agrarwissenschaftler bereits seit 40 Jahren. Versuche gab es viele. Ein weltweiter Durchbruch blieb bislang aus.

Eine im Januar unter der Förderung von Scheich Saeed Ahmed bin Al Maktoum gepflanzte Testernte mit Yuans neuester Kreation in Dubai hat sich nun jedoch nicht nur als vielversprechend erwiesen, sondern die Erwartungen sogar noch übertroffen. Bis zu 7,5 Tonnen Reis pro Hektar konnten geerntet werden. Der globale Durchschnitt liegt pro Hektar bei drei Tonnen.

Als nächstes soll mit Geldern der Seidenstraße-Initiative und lokalen Banken nun eine 100 Hektar große Versuchsfarm in Küstennähe entstehen, die bis im Jahr 2020 mit dem kommerziellen Anbau beginnen soll. Im Gespräch ist sogar, bis zu zehn Prozent der Wüstenflächen der Vereinten Arabischen Emirate mit Reisanbaugebieten zu bedecken. Ein hochambitioniertes Projekt, das sich erst noch als machbar erweisen muss. Denn die neue Reissorte kann zwar in Salzwasser aus dem Meer gedeihen, dieses muss aber bisher noch mit Süßwasser verdünnt werden. Genauer gesagt hat das Wasser erst 10 Prozent des Salzgehaltes von Meerwasser. Aber die Meerwasserentsalzung ist teuer und energieaufwendig. Die Reisbauern müssen politisch um jeden Tropfen kämpfen.

Sollten die Forscher es dennoch hinkriegen, wäre es eine kleine Revolution. Millionen Hektar ungenutzter karger Küsten- und Mündungsböden könnten so urbar gemacht werden. Das ist nicht nur für den Mittleren Osten interessant, sondern auch für China, dass eine Million Quadratkilometer Brachflächen hat, auf denen wegen des hohen Salzgehaltes oder der Alkalinität kaum Pflanzen gedeihen. Traditioneller Reisanbau mit gefluteten Feldern ist dort nicht möglich. Mit salzresistenten Reissorten könnte man aber zumindest ein Zehntel davon bebauen und Chinas Reisproduktion um fast 20 Prozent steigern. Yuan Longping geht davon aus, dass so 50 Millionen Tonnen Nahrung mehr produziert würden - genug, um 200 Millionen Chinesen zu ernähren. Und der Nährwert des Salzwasserreises ist sogar höher, da in alkalischem Wasser größere Mengen an Kalzium und Spurenelementen vorkommen.

In verschiedenen Regionen Chinas mit unterschiedlichen Böden werden die Reissorten nun ebenfalls getestet: In Kashgar im westchinesischen Autonomen Gebiet Xinjiang, in Daqing in der nordostchinesischen Provinz Helongjiang, in Dongying und in Qingdao in der ostchinesischen Provinz Shandong, in Wenzhou in der südöstlichen Provinz Zhejiang sowie in Yan'an in der nordwestchinesischen Provinz Shaanxi. „Das neue Projekt soll den Anbauzustand, die Ernte, den Geschmack und die Kosten des salzwassertoleranten Reises in verschiedenen salzig-alkalischen Bodenbeschaffenheiten erproben“, sagt Zhang Guodong, der stellvertretende Direktor des verantwortlichen Zentrums für Forschung und Entwicklung in Qingdao, das 2016 von Yuan Longping gegründet wurde.

In China sieht man mit dem neuen Reis nicht nur Exportchancen im Nahen Osten, sondern auch in Vietnam, Sri Lanka, Indien oder Nordafrika. In Chinas asiatischen Nachbarländern kam es in den letzten Jahren wiederholt zu Überschwemmungen und Dürren. Und natürlich kommt es auch in China selbst immer wieder zu Naturkatastrophen, deren Folgen früher nicht selten in Volksaufständen gipfelten. Nach seinem Amtsantritt im Jahr 2013 sagte Staatschef Xi Jinping, dass es naiv sei, zu glauben, dass China alle Herausforderungen gemeistert hätte, um das Volk dauerhaft zu ernähren. Engpässe könnten das Land in kürzester Zeit vor riesige Probleme stellen.

Für Yuan jedenfalls ist klar, wo die Reise hingehen muss. Bereits vor vier Jahren sagte er, dass genetisch modifizierte Reissorten die Zukunft sind und dass er selbst an einer Kombination aus Reis mit Maisgenen arbeite. Ziel ist, die photosynthetische Effizienz und damit auch die Erträge weiter zu steigern. Dabei sollen laut den Entwicklern auch Erkenntnisse aus den Bereichen Big Data und künstliche Intelligenz mit einfließen. Wie das genau geschehen soll, wurde zwar nicht bekannt, bei den derzeitigen Bemühungen Chinas, zur internationalen Tech-Macht aufzusteigen, ist jedoch davon auszugehen, dass dieses elementare menschliche Bedürfnis nicht übergangen wird: Das Essen. Wenn uns eines Tages tatsächlich so viel Reis wie Sand am Meer zur Verfügung stehen würde, wäre das ein großer Fortschritt in der schon 8.200 Jahre alten Geschichte des Reises.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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