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Über den Wolken

2018-06-29 10:51:12 de.china-info24.com Frank Sieren

Tauben sind nicht gerade als die Herren der Lüfte bekannt. In manchen Städten gelten sie als Plage. Sie sind überall, aber dadurch auch so unauffällig, dass die mausgrauen Vögel an den meisten Orten dieser Welt vor allem so gut es geht ignoriert werden. Das hat sich nun eine Forschungsgruppe der Northwestern Polytechnical University im chinesischen Xi‘an zunutze gemacht. Das Team hat eine Überwachungsdrohne entwickelt die im Aussehen und Flugverhalten einer echten Taube nachempfunden wurde und die – zumindest von weitem – von einer echten nicht zu unterscheiden sein soll. Ihre Bewegungen seien so lebensecht, dass sie oftmals von echten Vögeln am Himmel begleitet werden, verkünden die Entwickler stolz. Mit einem Gewicht von 200 Gramm ist die Taube sogar ein kleines bisschen leichter als ein echtes Exemplar, an Ausdauer kann sie trotzdem noch nicht mithalten: Ausgestattet mit stromfressender HD-Kamera, GPS und Satelliten-Antenne kann sie momentan nur maximal 30 Minuten in der Luft bleiben. Das reicht für gezielte, punktuelle Überwachungen, für mehr aber auch nicht. Immerhin kommt die falsche Taube auf eine Geschwindigkeit von 40 km/h und kann sich im Fall einer Enttarnung zumindest schnell wieder aus dem Staub machen.

Mehr als 30 chinesische Behörden in fünf Provinzen testen die "Spionagevögel" bereits. Besonders interessant ist die Technik jedoch für das Militär. Denn kleine Flugobjekte mit natürlichen Flugbewegungen können nur schwer von herkömmlichen Radarsystemen erfasst werden.

Wie jedes andere Land sucht auch Chinas Militär nach innovativen technischen Lösungen, um anderen einen Schritt voraus zu sein. Drohnen spielen dabei eine wichtige Rolle. Seit zwei Jahren testet die Chinesische Akademie für Luftfahrt-Aerodynamik (CAAA) eine solarbetriebene Drohne, die in Zukunft zur militärischen Aufklärung genutzt werden kann. Große Kampfdrohnen hat China bereits anzubieten, allerdings in erster Linie für den weltweiten Export. Wichtigstes Modell ist die Caihong 5 (CH-5), zu deutsch "Regenbogen". Laut einem Bericht des "Stern" steht die Drohne kurz vor der Serienproduktion und soll der bekannten US-Drohne Reaper und dem israelischen Modell Heron TP schon bald ernsthafte Konkurrenz machen.

Wirft man einen Blick auf die technischen Details, kann sie erstmal nicht mithalten: Die chinesische Drohne ist nicht so leistungsstark wie die Vertreter aus den USA und Israel. Die Nutzlast einer CH-5 beträgt 500 beziehungsweise 1500 kg weniger als bei der Reaper und Heron TP, ebenso liegt die Geschwindigkeit mit etwa 220 km/h weit unter den Konkurrenz-Modellen, die beide 400 km/h erreichen können. Auch bei der maximal erreichten Gipfelhöhe kommen die Chinesen mit 7000 Metern nicht einmal halb so hoch wie die Reaper-Modelle. Immerhin kann die CH-5 mit bis zu 60 Stunden aber doppelt so lange in der Luft bleiben, was natürlich auch eine größere Reichweite bedeutet. Der wichtigste Vorteil der chinesischen Drohne ist jedoch: Sie ist um einiges billiger. Der Preis einer neuen CH-5 beläuft sich auf schätzungsweise acht Millionen US-Dollar, die Reaper kostet gut das Doppelte. Für die älteren CH-4-Modelle verlangen die Chinesen mittlerweile nur noch zwischen ein und zwei Millionen Dollar – ein echtes Schnäppchen im Segment leistungsstarker Kampfdrohnen. All die scheinbaren Nachteile gegenüber der Konkurrenz sind dabei mit Bedacht einkalkuliert: Die Drohne soll China keinen militärischen Heimvorteil verschaffen, sondern sich auf dem internationalen Exportmarkt bewähren. Und da zählen hohe Verfügbarkeit, robuste Konstruktion, leichte Bedienung und einfache Wartung. Und das zahlt sich aus: Die irakische Armee kaufte 2014 nicht etwa beim Verbündeten USA, sondern schickte CH-4-Modelle aus China in die Luft, die über 260 Luftangriffen auf den IS flogen. Die Erfolgsquote soll dabei bei fast 100 Prozent gelegen haben.

Während die Drohnentechnik im Westen bisher hauptsächlich vom Militär weiterentwickelt wurde, sind es in China vor allem die Privatunternehmen, die den Fortschritt vorantreiben. Mit dem Unternehmen DJI Technology hat China binnen weniger Jahre einen der erfolgreichsten Drohnenhersteller der Welt hervorgebracht. Die 2006 gegründete Firma aus der Tech-Metropole Shenzhen dominiert heute mit einem Anteil von 75% den globalen kommerziellen Markt für Drohnen. 2017 konnte sie ihren Umsatz um weitere 80% steigern. Die Aussichten für DJI bleiben dabei weiterhin gut: Der Markt für Drohnen wird aller Voraussicht noch weltweit weiter wachsen. Und in China können sie aufgrund der großen Produktionsstückzahlen vergleichsweise billig hergestellt werden. Ein großer Vorteil ist auch, dass Drohnen in China bereits in den unterschiedlichsten Feldern getestet oder schon voll eingesetzt werden. Sie fliegen über Felder um Schädlingsbekämpfungsmittel zu versprühen, sie unterstützen Bergungseinsätze zur See und beliefern entlegene Dörfer mit Medikamenten. Mancher Einsatz wirkt auch schon mal völlig improvisiert. Anfang 2017 wurden etwa in der zentralchinesischen Provinz Hubei Drohnen mit Flammenwerfern ausgestattet. Die feuerspuckenden Octocopter, die auf den ersten Blick wie eine Invasion aus dem All anmuteten, sollten Plastikmüll, der sich durch den Wind auf Hochspannungskabeln verfangen hatte, schlicht und einfach wegbrennen. Eine brachiale, aber wirksame Methode. Durch sie müssen Arbeiter nicht mehr in luftiger Höhe an Hochspannungsmasten ihr Leben riskieren. Umweltfreundlich ist das natürlich nicht. Nachhaltiger sind da schon die Drohneneinsätze in der südchinesischen Stadt Dongguan, wo mit Sensoren ausgestattete Drohnen die circa 300.000 Fabriken im Umland überwachen und anhand von Messgeräten Umweltsünder identifizieren. Die Luftqualität der unweit von Hongkong gelegenen Stadt habe sich durch die Maßnahme bereits deutlich verbessert, versichern die Lokalbehörden. Sogar Aufnahmeprüfungen für die Universität wurden in China bereits mittels Drohnen überwacht: Im mittelchinesischen Luoyang schickten die Schulbehörden Sechs-Propeller-Drohnen über die weitläufigen Bankreihen, um die Schüler vom spicken abzuhalten.

Natürlich wird auch in China eifrig getestet, was Drohnen auf dem Gebiet der Warenlieferung leisten können. Das chinesische Logistik-Unternehmen SF Express erhielt Ende 2017 als erstes Unternehmen überhaupt von der chinesischen Luftfahrtbehörde die Lizenz, künftig Pakete mit Drohnen auszuliefern. Der E-Commerce-Gigant JD.com plant im gebirgigen Südwesten Chinas 185 Flughäfen für Drohnen zu errichten, um die Lieferkosten zu halbieren. Die ersten Lebensmittellieferungen per Drohne startete Jack Mas Alibaba im Mai im Jinshan Industrial Gewerbegebiet von Shanghai. Dort bekam der Alibaba Food-Delivery-Service Ele.me die Genehmigung, auf einer Fläche von 58 km² die Lebensmittellieferung mit Drohnen zu testen. Die Drohnen bewegen sich dabei auf 17 verschiedenen Routen und werden an Andockstationen von Lieferanten be- und entladen, die das Essen dann zur Haustüre bringen. Die Kosten und Lieferzeiten würden sich dadurch erheblich verringern, erklärt das Unternehmen.

Doch nicht immer steht der Kosten-Nutzen-Faktor beim Drohneneinsatz im Vordergrund. Zum chinesischen Neujahrsfest im Februar schickte der Pekinger Hersteller Ehang zum Abschluss der Festlichkeiten 1000 Drohnen in den Nachthimmel der Millionenstadt Guangzhou. Dort veranstalteten die bunt leuchtenden, intelligent aufeinander reagierenden Flugkörper eine spektakuläre Licht-Show. Eine echte Alternative zu Feuerwerken, die auch in China jedes Jahr für Lärm, schlechte Luft und Brandgefahr sorgen.

Ehang testet momentan auch eine weitere Anwendung, die verändern könnte, wie wir i Zukunft den Himmel betrachten. Ebenfalls im Februar ließ die Firma erstmals eine bemannte Passagierdrohne über Guangzhou kreisen. Der Zweisitzer Ehang 184 erreicht bis zu 300 Metern Flughöhe und eine Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern. Eines Tages soll die Drohne als autonomes Flugtaxi den Verkehr in dicht besiedelten urbanen Zentren revolutionieren. Firmengründer Hu Huazhi prophezeit, dass die Passagiere dann nur noch ihr Ziel eingeben und einen "Take Off"-Button drücken müssen. Momentan ist die Akku-Laufzeit der Drohne mit maximal 23 Minuten jedoch noch viel zu kurz. Chinesische Ingenieure an der Pekinger Beihang-Universität für Luft- und Raumfahrt tüfteln derweil bereits an der bislang größten zivilen Transport-Drohne, die 11,90 Meter lang und 3,6 Tonnen schwer sein soll. Geplant ist, dass sie bis zu neun Passagiere und eine Tonne Frachtgut tragen kann. Bereits im Jahr 2020 sollen die ersten Testflüge beginnen. Bis 2025 könne ein Vertriebsnetzwerk entstehen, skizziert der leitende Ingenieur des Unternehmens, Zhang Shuo.

Bis dahin müssen aber noch viele technische, aber auch bürokratische Probleme gelöst werden, von innerstädtischen Fluglizenzen bis hin zur Errichtung von Kontrollzentren, die die Drohnen bei Gefahr wieder sicher zurück auf den Boden holen. Zukunftsmusik also. Aber wer weiß: Vielleicht fliegen wir eines Tages wirklich mit der Drohne zur Arbeit. Und Brieftauben bringen uns die Post ins Büro, die statt zu gurren leise vor sich hin surren.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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