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Kampf der Alleskönner

2018-07-04 13:43:58 de.china-info24.com Frank Sieren

Schon wieder steht ein milliardenschwerer chinesischer Börsegang in Hongkong an: Nach dem Listing des Smartphonebauers Xiaomi will nun auch der chinesische Online-Allrounder Meituan Insidern zufolge im Oktober auf dem Hongkonger Parkett 4 Milliarden Dollar einnehmen. Damit käme das Unternehmen auf einen Marktwert von 60 Milliarden Dollar. Meituan, zu Deutsch etwa „Schönes in der Gruppe“, rangiert dann unter den Top 4 der wertvollsten Startups der Welt. Die Firma mit Hauptsitz in Peking beschäftigt bereits jetzt rund fünf Millionen Händler in 2800 Städten. Dabei kommt das Netzwerk auf über 310 Millionen Kunden, das sind fast so viele Menschen, wie in den USA leben. Dabei kennt das Unternehmen dort, ebenso wie in Europa, bislang noch so gut wie keiner.

Gegründet wurde Meituan 2010 von dem Jungunternehmer Wang Xing, der die Plattform als Online-Rabatt-Forum im Stil von „Groupon" aufbaute. In seiner heutigen Form existiert Meituan seit 2015. Damals fusionierte das Unternehmen mit der Restaurantbewertungsplattform dianping.com, einer Art chinesischem „Yelp". Seitdem hat sich Meituan-Duanping beachtlich entwickelt. Bei einem Verlust von 19 Milliarden Yuan (umgerechnet 2,5 Milliarden Euro), konnte das Unternehmen im vergangenen Jahr seinen Umsatz um fast 100 Prozent auf 33,9 Milliarden Yuan (rund 4,5 Milliarden Euro) steigern. Seit 2015 hat der Umsatz damit um 700 Prozent zugelegt, der Verlust sich etwa halbiert. Investoren wie Sequoia, die Booking.com-Mutter Booking Holdings, Tiger Global und der singapurische Staatsfonds Temasek haben bei Meituan investiert. Doch für seine ambitionierten Ziele braucht Meituan Kapital, dass durch den Börsengang, den manche Kritiker für verfrüht halten, hereingespült werden soll.

In China ist Meituan vor allem für sein Liefergeschäft bekannt, mit dem es 2017 70 Prozent seiner Umsätze erzielte. Tausende Meituan-Boten bahnen sich täglich auf Elektrorollern den Weg durch Chinas Großstädte, um Essen oder auch Supermarkteinkäufe auszuliefern. Die Funktionsweise ist einfach: Die Nutzer tragen in der Meituan-App ihre Lieferadresse und die Gerichte ihrer Wahl ein, die Kuriere des Unternehmens bringen sie dann vorbei. Dabei beschränkt sich das Unternehmen mit dem flitzenden Känguru-Logo jedoch längst nicht mehr nur auf Lebensmittel. Von der Hotelzimmerbuchung über Friseurtermine bis hin zum Verleih von Handyaufladegeräten stößt Meituan in unterschiedlichste Bereiche der Serviceindustrie vor. Und das gilt stellenweise auch außerhalb Chinas. Chinesische Touristen können mit der App in Berlin zum Beispiel bereits Bustouren mieten, Restaurantbewertungen lesen oder Preise vergleichen. Umgekehrt gedacht wäre das, als ob ein deutscher Tourist in Peking eine Allround-App aus Google Maps, Booking.com, Trip Advisor, Zalando, Groupon, Yelp, Deliveroo, und Mytaxi in seiner Tasche hätte.

Der letzte große Coup von Meituan war im April der umgerechnet 3,1 Milliarden Euro schwere Kauf des boomenden Mietradanbieters Mobike, der auch in Deutschland hunderte Fahrräder in Berlin verteilt hat. Doch Meituan expandiert nicht nur in das Geschäft mit Leihrädern, sondern macht seit März auch Didi Chuxing, der chinesischen Version von Uber mit einem eigenen Mitfahrdienst Konkurrenz. Ähnlich wie einst Didi den US-Konkurrenten Uber aus dem chinesischen Markt drängte, setzt Meituan dabei auf Preisdumping und ein Bonussystem für eifrige Kunden und besonders leistungsstarke Fahrer.

Meituan ist also dabei, sich neben seinem Kerngeschäft weitere wichtige Wachstumssäulen aufzubauen. Ähnlich wie der Konkurrent WeChat aus dem Hause des Tech-Giganten Tencent bündelt Meituan in seiner App Offline- und Online-Welt zu einem Ökosystem verschiedenster Dienstleistungen. McKinsey nennt solche Unternehmen „World of Sectors without Borders“. Je mehr persönliche Daten der User diesen Plattformen dabei zur Verfügung stellt, desto besser können die Dienste auf seine Bedürfnisse eingestellt und optimiert werden. Das Ziel: Die Wünsche des Users schon im Voraus zu erfassen, bestenfalls sogar schon bevor er sich ihrer selbst bewusst ist.

Kunden und ihre Daten sind der Rohstoff, dem alle großen Online-Unternehmen hinterher jagen. In China scheint es nun so, als ob die Platzhirsche Tencent, Didi, Baidu und Alibaba mit Meituan einen echten Konkurrenten auf dem Markt der Online-Allrounder bekommen haben. Wie sie alle stellt auch Meituan das Smartphone als Instrument ins Zentrum, um die verschiedensten Lebensbereiche seiner Kunden zu organisieren. Dabei versuchen die Unternehmen vehement in den Marktbereich des anderen vorzudringen. Den etablierten chinesischen Onlinereiseriesen Ctrip, der im Reisegeschäft lange führend war, überrundete Meituan bereits bei der Zahl der Hotelbuchungen. Bei den Fahrrädern konkurriert Meituan nach dem Mobike-Kauf nun vor allem mit Ofo, das von Alibaba mitfinanziert wird. Didi Chuxing, das von Meituan bei den Taxi-Diensten herausgefordert wurde, stieg wiederum in das Geschäft mit Essenlieferungen ein. Dort hat Alibaba im Frühjahr dieses Jahres ebenfalls eine Kampfansage gemacht, in dem der Tech-Konzern Meituans größten Essensliefer-Konkurrenten Ele.me aufkaufte. Es gilt: Wer dem anderen in seinem Hauptsegment am meisten Wasser abgräbt, gewinnt. Dabei sind die Konkurrenzverhältnisse jedoch nicht immer klar abgegrenzt. Zu den Investoren von Meituan gehört beispielsweise auch Tencent, was erklärt, warum man sich bei Meituan nun auch mit seinem WeChat-Konto anmelden kann um Mobike-Fahrräder zu mieten.

Auch wenn Meituan-Chef Wang erklärt, dass er in Zukunft nicht anstrebt, Monopolist zu werden, ist er offenbar entschlossen, den Kampf mit den etablierteren Tech-Giganten aufzunehmen. Sein Unternehmen ist berüchtigt für seine schroffe Unternehmenskultur, die Mitarbeiter werden streng nach Umsatzzielen bewertet und notfalls auch kurzerhand entlassen, wenn sie diese nicht erreichen. Wie seine Konkurrenten fährt Meituan dabei mittlerweile auch ambitionierte Expansionsstrategien, um im Falle einer Übersättigung des Heimatmarktes einen Plan B zu haben. So beteiligte sich Meituan im Februar beispielsweise an einer Finanzierungsrunde des indischen Essenslieferanten Swiggy. Laut einer Studie der indischen Cosulting-Firma RedSeer wird der Markt für Essenslieferungen in Indien bis 2020 ein 90-prozentiges Wachstum verzeichnen. Alibaba wiederum pumpte im gleichen Monat 200 Millionen Dollar in Zomato, den stärksten Konkurrenten von Swiggy, der mit 100.000 Bestellungen pro Tag nur knapp hinter den 140.000 Bestellungen von Swiggy liegt. Das Kopf-and-Kopf-Rennen der Online-Alleskönner bleibt spannend.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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