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Der Griff nach dem Mond

2018-09-07 12:17:47 de.china-info24.com Frank Sieren

Bislang hat sich Chinas Weltraumprogramm damit begnügt, gegenüber den USA Boden gutzumachen. So gut wie alles, was die Chinesen heute im All erreichen, haben die Amerikaner schon vor einem halben Jahrhundert geschafft.

Das soll Ende des Jahres endgültig vorbei sein. Als erste Weltraumnation will China auf der Rückseite des Mondes landen. Im ruhigen, weniger erforschten Mondumfeld, wo die Störungen durch irdische Radiowellen sehr gering sind, können Astronomen tiefer in die Stille des Alls lauschen und Signale auffangen, die Erkenntnisse über die Entstehung der Sterne und das Wesen des Universums liefern. Bereits Ende des Jahres soll die neue Ära der chinesischen Raumfahrt anbrechen. Dann will China das nach der chinesischen Mondgöttin benannte Landemodul Chang'e-4 mit einem Roboterfahrzeug im Aitken-Krater nahe dem Südpol des Mondes aufsetzen. Chinesische Medien veröffentlichten am vergangenen Donnerstag erste Bilder des Landeroboters, der die unbemannte Mission zum Erfolg führen soll.

Das Fahrzeug sei extrem leicht, „das leichteste seiner Art auf der Welt“, erklärt Wu Weiren, der Chefingenieur des chinesischen Mondprogramms. „Es wiegt nur 140 Kilogramm.“ Das sechsrädrige Gefährt verfügt über Solarmodule, Kameras und einen Radar, mit dem der erste geologische Querschnitt der „dunklen“ Seite des Mondes erstellt werden soll. Bereits Ende 2013 hatte China mit der Raumsonde Chang'e-3 einen Rover auf der Mondoberfläche platziert.

Bei der Mission gab es jedoch technische Probleme, die dazu führten, dass der Kontakt zwischenzeitlich abriss. Trotzdem war der Rover zweieinhalb Jahre im Einsatz und schickte hunderte Fotos zur Erde. Der letzte wichtige Schritt für die ambitioniertere Mission zur erdabgewandten Seite des Mondes wurde im Mai erreicht, als China den rund 400 Kilogramm schweren „Queqiao“-Satelliten in Stellung brachte. Er soll die größte Hürde der Mission lösen: Auf der Mondrückseite ist ohne Hilfsmittel kein Funk- oder Datenverkehr mit einem Landemodul möglich. Hier kommt der Satellit ins Spiel: Er soll als Relais-Station Bilder und Messergebnisse auffangen und zur Bodenstation weiterleiten sowie Kommandos von der Erde empfangen. Jetzt fehlt eigentlich nur noch eines: Ein Name. Die chinesische Raumfahrtbehörde China National Space Administration (CNSA) hat dazu aufgefordert, Ideen einzureichen, wie der neu vorgestellte Rover heißen soll. Peking möchte die Bevölkerung mit dem Mond-Fieber anstecken. „Den riesigen Kosmos zu erforschen und die Raumfahrtindustrie zu entwickeln ist ein Traum,

den wir unablässig verfolgen“, erklärte die Regierung in einem Anfang 2017 vorgelegten Fünfjahresplan. Während die amerikanische Raumfahrt in den vergangenen Jahren immer mehr von Privatunternehmen wie Elon

Musks SpaceX betrieben wird, will China mit staatlichen Großinvestitionen ins All vorstoßen. Seit 2003 ist China die dritte Nation nach Russland und den USA, die einen Menschen in den Weltraum geschickt hat. Eine Mission zum Mond ist da der logische nächste Schritt, nicht zuletzt wegen der symbolträchtigen Rolle des Erdtrabanten in der Raumfahrtgeschichte. In den nächsten Jahren plant China sowohl den Bau einer eigenen Raumstation als auch weitere Erkundungstouren auf dem Mond. Und 2030 soll dann erstmals ein chinesischer Astronaut frische Spuren auf dem Mond hinterlassen, der als Sehnsuchtsort in der chinesischen Literatur seit je her eine große Rolle spielt.

Chinas neue Mond-Ambitionen dürften dazu beigetragen haben, dass die US-Raumfahrtbehörde NASA mit einem noch ambitionierteren Zeitplan auf den Mond zurückkehren möchte. „Wir träumen groß“, erklärte Trump im vergangenen Dezember bei der Unterzeichnung einer Direktive, die der lange stiefmütterlich behandelten US-Raumfahrt wieder Auftrieb geben soll. Der letzte US-Astronaut war 1972 auf dem Mond gelandet. Trumps Vorgänger Barack Obama hatte eine Wiederaufnahme von Astronautenflügen zum Mond aus finanziellen Gründen gestrichen. Trump schlägt nun andere Töne an: Man werde die Stellung der USA als Spitzenreiter in der Weltraumforschung „um ein Vielfaches ausbauen“, insbesondere auf dem Mond: „Dieses Mal werden wir nicht nur Flaggen aufstellen und unsere Fußabdrücke hinterlassen“, erklärte Trump. Die Mondmission solle vielmehr dazu beitragen, ein Fundament für eine baldige Mars-Mission zu legen – „und, vielleicht, für viele weitere Welten.“

Ende August hat die NASA einen Fahrplan für ihre Pläne veröffentlicht. Demnach könnten US-Astronauten erstmals 2024 zu einer Raumstation fliegen, die im Orbit des Mondes gebaut wird. Eine Mission zur Mondoberfläche könnte dann schon ab 2026 durchgeführt werden. Das ist zum einen vier Jahre früher als China erster bemannter Trip und zum anderen könnten die Astronauten die Station dann noch vor Ende von Trumps zweiter Amtsperiode erreichen. Ein Triumph für Trump – vorausgesetzt er wird zuvor wiedergewählt.

Bei den Mondmissionen geht es jedoch nicht nur um Prestige und Eitelkeit sondern um nichts Geringeres als potentielle Energie- und Rohstoffquellen der Zukunft. Auf dem Mond werden neben Titan und Aluminium große Vorkommen von Helium-3 vermutet.

Das farb- und geruchlose Gas kann zum Beispiel in Brennstoff für Kernfusionskraftwerke umgewandelt werden. Auf der Erde gibt es nach Schätzungen nur 15 Tonnen davon. Chinesische Wissenschaftler rechnen dagegen mit einem lunaren Vorkommen von mehr als einer Million Tonnen. Ebenfalls für Aufsehen sorgten in diesem Zusammenhang die endgültigen Nachweise von gefrorenem Eis auf dem Mond durch Wissenschaftler der NASA, der Brown University und der Universität von Hawaii, die im vergangenen Monat veröffentlicht wurden. Der Großteil des Eises befinde sich demnach in den Kraterschatten an den Polen, den dunkelsten und kältesten Orten auf dem Mond, wo die Temperaturen im Schnitt bei -250 Grad liegen. Diese Eisreservoirs sind für zukünftige Langzeitflüge, etwa zum Mars und zurück, besonders interessant. Aus dem Wassereis ließe sich per Hydrolyse Wasserstoff als Treibstoff für Raketen gewinnen, sowie Sauerstoff für die Astronauten. Die Bedingungen, um den Mond zum Boxenstopp für weitere Weltraumexpeditionen zu machen, seien gut. Jan Wörner, der Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation ESA hatte bereits vor mehr als einem Jahr für ein Monddorf als Nachfolgeprojekt für die Internationale Raumstation ISS geworben. Dort könnten Lager für Raumschiffteile sowie Navigations- und Kommunikationsstationen eingerichtet werden. Der Mond und die Erde haben sehr ähnliche geologische Voraussetzungen. Die gesamte Mondoberfläche ist mit einer Staubschicht bedeckt - aus diesem mal feinen und mal groben Mondstaub könnte man Ziegel herstellen, indem man ihn zermahlt, brennt und komprimiert und dann zu dauerhaften Behausungen verbaut. Laut den ESA-Forschern besteht der Mondstaub auch etwa zu 40 Prozent aus Sauerstoff. Wenn es den Wissenschaftlern gelänge, diesen Sauerstoff „aufzuknacken“ wären längere Aufenthalte auf dem Mond gesichert. Wie das genau aussehen könnte, wird derzeit auf dem Campus der Beihang-Universität in Peking durchexerziert. In einer 160 Quadratmeter großen Anlage namens Yuegong-1 (Mondpalast) üben Studenten und Gruppen von Freiwilligen in einer mondähnlichen Umgebung langfristige Raumfahrtmission ohne Kontakt zur Außenwelt. Dazu gehört etwa auch das Fermentieren menschlicher Exkremente um damit auf engstem Raum Gemüse und Getreide bio-regenerativ anzubauen.

Berührungsängste mit den Ungewissheiten des Alls hat China keine. Spätestens seit dem Kalten Krieg und seinem „Wettlauf ins All“ weiß man, dass Fortschritte in der Raumfahrttechnik auch für zivile Bereiche von großer Bedeutung sind, etwa für die Nachrichtentechnik, für TV-Satelliten und Navigationssysteme, Mikroelektronik und die weltweite Computervernetzung. Auch Beobachtungen über die Treibhausgasentwicklungen in der Atmosphäre oder die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gletscher sind ohne den Blick von oben nicht möglich. Bei Weltraumgroßprojekten wie Mondstationen oder bemannten Marsflügen machen Alleingänge jedoch keinen Sinn mehr. Solche Dimensionen lassen sich nur in internationaler Kooperation nachhaltig bewältigen. Die chinesische und die russische Raumfahrtbehörde haben bereits ein Abkommen unterzeichnet, bei der Erforschung des Mondes enger zusammenzuarbeiten. ESA-Chef Jan Wörner bringt es auf den Punkt: „Gerade in Zeiten internationaler Spannungen, ist es wichtig, dass man auch Themen hat, mit denen man Krisen überbrücken kann. Wissenschaft, speziell die Raumfahrt, kann das perfekt.“

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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