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Strategische Verbrüderung

2018-09-14 09:36:59 de.china-info24.com Frank Sieren

Das macht was her: Rund 300.000 russische Soldaten, fast ein Drittel der gesamten russischen Streitkräfte - und fast doppelt so viele wie die Bundeswehr überhaupt in ihren Reihen hat - üben sechs Tage lang in Sibirien und Russlands fernem Osten den Kampf in Großverbänden. Mit im Einsatz sind 36.000 Militärfahrzeuge, mehr als 1.000 Flugzeuge und Hubschrauber sowie rund 80 Schiffe der Pazifik- und Nordmeerflotte. Auch zahlreiche Drohnen schicken die Russen 5.000 Kilometer östlich der Hauptstadt Moskau ins Testgefecht. Das fünftägige Truppenmanöver, das noch bis zum 17. September andauert, nennt sich „Wostok“, zu Deutsch „Osten“. Es ist das größte Militärmanöver der postsowjetischen Geschichte, genauer gesagt das größte seit 1981, einer Zeit also, als sich der sowjetische Osten und der kapitalistische Westen noch bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstanden. Ronald Reagan war damals gerade US-Präsident geworden und die rhetorische Schärfe des Kalten Krieges hatte eine neue Stufe erreicht.

37 Jahre später ist die Weltlage unübersichtlicher, aber viel weniger bedrohlich – trotz der 300.000 übenden Soldaten. Die Bipolarität mit klaren Fronten zwischen der Sowjetunion und dem Westen ist Geschichte. Der Warschauer Pakt erst recht. Die Russen üben nun mit den Chinesen. Ein Novum. Doch die Russen haben den Chinesen nichts zu befehlen. Aber auch die Chinesen nicht den Russen. Dass sie Verbündete sind ist fast schon zu viel gesagt. Besser: Sie sind Partner. Immerhin haben die Chinesen für Wostok 3.200 Soldaten, 900 Kampffahrzeuge und 30 Flugzeuge nach Russland geschickt, um gemeinsam mit den Russen die „Verteidigung im Falle eines Großangriffs“ zu üben. Angesichts einer Truppenstärke von 2,3 Millionen Soldaten ist das für die chinesische Volksbefreiungsarmee aber wenig.

Es ist ein symbolischer Akt, ein Signal nach Washington, es nicht zu doll zu treiben. Russland und China, so die Botschaft, sind gemeinsam in der Lage den USA, der stärksten Militärmacht in der Pazifikregion, etwas entgegenzusetzen. In der Trump'schen Welt gelten China und Russland mittlerweile wieder als „revisionistische Mächte“, die „die Macht, den Einfluss und die Interessen Amerikas herausfordern und versuchen, die Sicherheit und das Wohlergehen der USA zu untergraben“.

Künftig wollen Russland und China regelmäßig gemeinsame Militärmanöver abhalten, teilte der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu am Mittwoch mit. Das betont Moskau jedoch mehr als Peking.

Seit der Krim-Annexion und den folgenden Sanktionen des Westens blieb Putin nichts anderes übrig, als sich in Richtung Osten zu orientieren und Peking hat ihn - taktisch klug - nicht zurückgewiesen. Wenn es nach Putin geht, sollen Investitionen und Technologien verstärkt aus dem nach wie vor boomenden China statt aus dem auf hohem Niveau stagnierenden Westen kommen. Zuletzt hat etwa der chinesische Tech-Riese Alibaba mit dem russischen Telekommunikationsunternehmen MegaFon und der Mail.ru Group ein Joint-Venture gegründet, das den Marktanteil der Chinesen auf dem russischen Markt für E-Commerce weiter stärkt. Durch die westlichen Sanktionen wurde China in den letzten vier Jahren auch als Lieferant von Maschinen und anderen Produkten für Russland immer wichtiger. Der beiderseitige Handel stieg im ersten Halbjahr 2018 um 25,8 Prozent auf mehr als 58 Milliarden US-Dollar und soll bis Ende des Jahres erstmals 100 Milliarden Dollar erreichen.

China exportiert aus Russland vor allem Rohstoffe wie Öl, Gas und Kohle. Bereits im Mai 2014, also knapp zwei Monate nach der Krim-Annexion, hatten die beiden Länder einen für China lukrativen Vertrag über Gaslieferungen im Wert von 400 Milliarden US-Dollar abgeschlossen. Von großem Interesse ist auch russisches Holz, das in den sibirischen Wäldern in großem Stil von chinesischen Firmen abgeholzt und über die Grenze nach China geschafft wird.

Xi sucht den Konsens mit Russland. Gleichzeitig jedoch drängt er mit der „One Belt, One Road“- Initiative den Einfluss Russlands in Zentralasien zurück. Die Russen schlucken diese Kröte. Was sollen sie auch anderes tun. Peking und Moskau versuchen das Beste aus den geopolitischen Verschiebungen zu machen und suchen nach gemeinsamen Anknüpfungspunkten. Auch für gemeinsame Weltraumprogramme haben Peking und Moskau bereits Allianzen geschmiedet, ebenso für den Bau einer „polaren Seidenstrasse“, die infolge der globalen Erwärmung die arktischen Schifffahrtsrouten für den internationalen Handel nutzbar machen und den Gütertransport zwischen Asien und Europa deutlich verkürzen soll.

Am Tag des Manöverbeginns trafen sich Wladimir Putin und Xi Jinping in Wladiwostok zum Eastern Economic Forum (EEF), das der Kreml seit 2015 jährlich abhält, um ausländische Investitionen nach Russland zu holen. Pressefotos zeigen die beiden in blauen Schürzen beim Backen von Blinis - russischen Pfannkuchen - und dem gemeinsamen Verzehr von Wodka und Kaviar. Nur das Militärmanöver persönlich besichtigen wollte Xi dann doch nicht. Das wäre doch zu viel des Guten gewesen. Zwischen den beiden Staatschefs ist es bereits das 27. Treffen und bereits das die dritte in diesem Jahr. Das ist durchaus auch auf Xis persönliche Initiative zurückzuführen. Nachdem er 2013 vom Nationalen Volkskongress zum Staatspräsidenten gewählt wurde, hatte er gleich seine erste Auslandsreise nach Russland unternommen.

Beim Gipfeltreffen in Wladiwostok rief Xi Moskau dazu auf, ein „gemeinsames Zeichen gegen Protektionismus“ zu setzen – eine Aussage, die zweifellos an US-Präsident Donald Trump gerichtet war. Dass zwischen China und Russland ein freundschaftliches Klima herrscht, hat natürlich auch mit Trump zu tun. Die Verschärfung von Trumps anti-chinesischer Rhetorik, aber natürlich auch der Handelskrieg mit den USA, haben Peking klar gemacht, dass China international jede politische und vor allem wirtschaftliche Rückendeckung braucht. Denn der Außenhandel Chinas mit den USA ist immer noch fünfmal so hoch wie der mit Russland. Peking muss also Einbrüche, die durch den Handelsstreit entstehen, anderweitig ausgleichen.

Beste Freunde sind Russland und China deswegen natürlich noch lange nicht. Hinter den Kulissen belauern sich die beiden Großmächte stetig, deren bruderstaatliche Einheit spätestens mit dem ideologischen Zerwürfnis zwischen Mao und KP-Chef Chruschtschow in den 60er-Jahren Geschichte war. Dass sich das Verhältnis zwischen „kleinem und großem Bruder“ dabei längst umgekehrt hat, wurmt viele Russen, da können sich Putin und Xi noch so freundlich vor der Kamera mit Wodka zuprosten. China hat Russland wirtschaftlich abgehängt und lässt es den Kreml – etwa bei Preisverhandlungen für Erdgas –deutlich spüren. Auch sonst macht Peking nicht, was Moskau will. Der russischen Annexion der Krim, dem Krieg in der Ostukraine und den Bombardements für Assad in Syrien steht Chinas Führung kritisch gegenüber. Kiew bekam von Peking bereits 2014 3 Milliarden US-Dollar geliehen, um seine Landwirtschaft zu modernisieren. Die Summe soll über 15 Jahre hinweg mit Getreidelieferungen zurückgezahlt werden. Ausgerechnet die krisengebeutelte Ukraine ist inzwischen der weltgrößte Getreidelieferant Chinas geworden.

Gleichzeitig befürchten immer mehr Russen, die Chinesen könnten im rohstoffreichen Osten ihres Landes verbrannte Erde hinterlassen. Momentan macht eine Petition die Runde, die den „barbarischen Raubbau“ an den russischen Wäldern durch chinesische Unternehmen anprangert. Die chinesischen Agrarinvestoren in Sibirien würden sich nicht einmal an die laxen russischen Umweltstandards halten, heißt es.

„Ich sehe nicht viel davon, was Russland und China auf lange Sicht vereinigt“, erklärte dann auch der US-Verteidigungsminister James Mattis am Dienstag auf das Manöver angesprochen. Dennoch muss Washington wachsam bleiben. Denn eins ist klar: Unter dem Druck Trumps werden die beiden Großmächte ihre gemeinsamen Interessen in Zukunft immer weiter ausloten. Dass sie sich dabei auch politisch aufeinander zubewegen, ist nur natürlich.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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