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Ende des Winterschlafs

2018-09-21 09:41:09 de.china-info24.com Frank Sieren

Grönland mag die größte Insel des Erdballs sein, der Nabel der Welt ist es nicht. Auf einer Fläche, dreimal so groß wie Frankreich leben gerade einmal 56.000 Einwohner - nicht mehr als in einer deutschen Kleinstadt. 80 Prozent des 2,16 Millionen Quadratkilometer großen Inselstaates zwischen dem Nordatlantik und dem Nordpolarmeer sind von einer Eiskappe bedeckt. Es exisitieren praktisch keine Straßen zwischen den 17 Städten und Siedlungen. Ihr Geld verdienen die Grönländer vor allem in der Fischindustrie. Ein einziger kommerzieller Flughafen im Westen verbindet das Land mit dem Rest der Welt.

Dennoch haben die großen Industrienationen den arktischen Staat auf dem Schirm. Unter der kargen Oberfläche Grönlands sollen riesige Rohstoffvorkommen schlummern. Geologen vermuten, dass sich bis zu 30 Prozent der bekannten Erdgasreserven und 13 Prozent der Ölvorkommen unter dem arktischen Eis verbergen. Aktuelle Schätzungen veranschlagen deren Wert auf mehr als 30 Billionen Euro. Aber auch seltene Erden könnten dort abgebaut werden, die unter anderem für die Herstellung von Smartphones oder für die Permanentmagnete in Windkraftanlagen unverzichtbar sind. Dabei werden die Ressourcen in den nächsten Jahren immer zugänglicher. Infolge des Klimawandels schmelzen die Eiskappen. Seit 1995 hat der Eisschild Grönlands vier Billionen Tonnen Eis eingebüßt, 1,5 Promille seiner Gesamtmasse. Das gefährdet die Existenz vieler Jäger, macht wie im Süden der Insel aber auch bereits Landwirtschaft möglich.

China ist ebenfalls sehr daran interessiert, in der Arktis Land gutzumachen. Zum einen mit einer „polaren Seidenstraße", die potentielle, bislang zugefrorene Schifffahrtswege erschließt, zum anderen mit Projektinvestitionen in Infrastruktur, Energieförderung und Finanzkooperationen in den arktischen Anrainerstaaten. Das Washingtoner Center for Naval Analysis (CNA) beziffert den Wert chinesischer Arktis-Investitionen von 2005 bis Juni 2017 auf mehr als 89 Milliarden Dollar. Besonders in Kleinstaaten wie Grönland oder Island ist China mittlerweile zum größten Investor aufgestiegen. Und das ist erst der Anfang. In seinem Weißbuch zur „polaren Seidenstraße“ rät die kommunistische Regierung in Peking chinesischen Konzernen, das grönländische Abenteuer zu wagen. Das verunsichert nicht nur die Anrainer, sondern auch große Player wie Russland und die Vereinigten Staaten. Mit China ist ein mächtiger Konkurrent auf das Spielfeld getreten, mit dem kaum ein anderes Land finanziell mithalten kann. Während die Gelder der anderen für Forschung und Exploration eher knapp sind, stockt Peking die Budgets immer weiter auf.

In Grönland wird China jedoch mit offenen Armen empfangen. Denn Chinas Investitionen versprechen etwas, das sich viele Grönländer seit langem wünschen: Unabhängigkeit.

88 Prozent der grönländischen Bevölkerung sind Inuit. Rechtlich gesehen sind sie jedoch dänische Staatsbürger, die sich seit 1979 autonom verwalten. Grönland ist als Kolonie Teil des dänischen Königreichs, in der Außen- und Verteidigungspolitik haben die Dänen nach wie vor das Sagen. Die Mehrheit der Grönländer ist jedoch überzeugt, dass Grönland unabhängig werden muss. Deshalb haben alle wichtigen Parteien die Forderung auf ihrer Agenda. Die Frage ist jedoch, wann und für welchen Preis. Rund 500 Millionen Euro schießt Dänemark jedes Jahr zum grönländischen Haushalt zu - gut die Hälfte. Um auf eigenen Beinen zu stehen und aus der „Opferrolle" herauszukommen, wie es ein grönländischer Parlamentarier formuliert, braucht Grönland eine stärkere Wirtschaft. Dafür muss investiert werden. Das kostet Geld. Und dieses Geld haben die Chinesen. Grönlands Regierungschef Kim Kielsen war im vergangenen Jahr bereits selbst in China, um Investoren zu umwerben. Baufirmen aus der Volksrepublik sollen ihm dabei helfen, die Infrastruktur seines Landes auszubauen. Das käme auch dem bislang eher spärlichen Tourismus zugute. Jährlich besuchen etwa 70.000 Touristen die Insel. Die Regierung in der Hauptstadt Nuuk will jedoch auf eine ähnliche Zahl wie Island kommen. 2017 waren es dort 1,8 Millionen. Eine verlässliche Einkommensquelle.

Für den Ausbau neuer Flughäfen bot sich China ebenfalls an. Grönlands Selbstverwaltung will kommerzielle Start- und Landebahnen für Nuuk und für die Küstenstadt Ilulissat, wo Touristen gerne den Fjord und die Eisberge besichtigen. Qaqortoq in Südgrönland soll einen Regionalflughafen mit 1500-Meter-Startbahn bekommen. Bisher kann man dort nur mit dem Helikopter landen. Die staatliche grönländische Flughafengesellschaft Kalaallit Airports A/S hat das Vorhaben ausgeschrieben, von elf Anbietern sind sechs ausgewählt worden, die ein Angebot abgeben durften. Die China Communications Construction Company Ltd. (CCCC) war eine davon, die anderen stammen aus den Niederlanden, Kanada, Island und Dänemark. Die günstigste Finanzierung kommt jedoch wie so oft aus China.

Im Mutterland Dänemark sieht man die chinesischen Angebote mit Skepsis. Die Regierung in Kopenhagen macht sich Sorgen, dass das Verhältnis zum engsten Verbündeten, den USA, darunter leiden könnte. Für Washington ist Grönland nicht nur durch seine Nähe zu Russland strategisch wichtig. Die Thule Air Base der US Air Force befindet sich auf der Westseite Grönlands. Früher hatte die US-Armee hier Atomwaffen stationiert, heute einen Teil ihres Raketenfrühwarnsystems. Der Stützpunkt beherbergt eine rund 3000 Meter lange Landebahn, die für jede militärische Operation, die über die Arktis führt, von großer Bedeutung ist. Eine stärkere chinesische Präsenz in Grönland würde die Position der USA auf der Insel schwächen.

Idealerweise möchte Grönland die ausländischen Investitionen breit streuen. Man will schließlich nicht von einer Abhängigkeit in die nächste schlittern. China soll nur eines von vielen Ländern sein, die auf der Insel präsent sind. Doch beim Flughafen gehen die Grönländer auf Nummer sicher.

Vergangene Woche erklärte Grönlands Verwaltungsregierung, dass Dänemark als Partner für die geplante Modernisierung der Flughäfen ausgewählt wurde.

Soren Espersen, Sprecher für Außen- und Sicherheits-Politik der Volkspartei in Dänemark forderte sogar: „Kopenhagen muss die chinesischen Investitionen stoppen. Wenn Dänemark dies nicht tun würde, wird Amerika das machen." In Peking spürt man den Gegenwind. Aber das Spiel ist noch nicht zu Ende.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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