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Himmlischer Kompromiss

2018-09-28 11:04:51 de.china-info24.com Frank Sieren

Die Päpste hatten es noch nie leicht in China. So sehr sie es auch versuchten, das Mandat des Himmels konnten sie dem Kaiser nie streitig machen. Ihn oder gar weite Teile Chinas zu bekehren, ist bis heute ein unerfüllter Traum christlicher Missionare. Wer in China offiziell Katholik sein will, muss sich von Rom und dem Papsttum lossagen, lautet die Doktrin der Kommunistischen Partei seit 1949. 10 bis 15 Millionen Katholiken leben heute im Reich der Mitte. Tendenz stark steigend. Was immer der Vatikan seinen chinesischen Gläubigen auf den Weg gibt gilt bis heute jedoch als unrechtmäßige Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Staates. Nicht ganz zu Unrecht steht der Vatikan unter dem Generalverdacht, mit Religion Politik zu machen – auch in China.

Fast 70 Jahre lang sind die Christen in China nun schon in zwei kirchliche Lager gespalten, eine staatlich anerkannte, die unter dem Namen „Katholische Patriotische Vereinigung“ firmiert, und eine, die weiterhin dem Vatikan die Treue schwört und ihre Gottesdienste im Privaten abhält. Mehr als die Hälfe der Gläubigen bekennen sich zum Papst, obwohl die letzten Vertreter des Vatikans das Land bereits 1951 verlassen mussten. Seitdem ernennt die chinesische Bischofskonferenz ihre eigenen Bischöfe. Die papstreuen wurden dagegen zur Untergrundkirche mit heimlichen Messen, obwohl in China eigentlich Religionsfreiheit herrscht. Sie beten in einer gesetzlichen Grauzone. Je nach politischer Wetterlage, werden sie mal mehr und mal weniger geduldet. Katholische sowie protestantische Gemeinden, die nicht offiziell registriert sind, können von den Behörden jederzeit aufgelöst werden.

Nun gibt es in dem Streit einen historischen Durchbruch. Zum ersten Mal in ihrer wechselvollen Geschichte haben der Heilige Stuhl und Peking eine Vereinbarung getroffen: Von nun an werde man Bischöfe ernennen, die „sowohl in Einheit mit der Gesamtkirche stehen, als auch von den Autoritäten des Landes anerkannt werden“. Konkret heißt das aller Voraussicht: China wird eine Liste von Kandidaten präsentieren, die dann durch den Vatikan abgesegnet wird. Wie heikel das Unterfangen ist zeigt sich daran, dass der genaue Wortlaut der unterzeichneten Vereinbarung bislang nicht veröffentlicht wurde. Inwieweit die bisher ernannten „illegitimen“ Bischöfe auf beiden Seiten anerkannt werden, ist noch ebenso unklar wie die Frage, ob jede Seite ein Veto-Recht hat. Das chinesische Außenministerium nennt das Abkommen dann auch nur „provisorisch“.

Der Vatikan erklärte, die Übereinkunft schaffe die Voraussetzungen für eine breitere Zusammenarbeit auf bilateraler Ebene. Im Klartext: Es ist nun wahrscheinlicher denn je, dass Rom die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan kappt und stattdessen eine Vertretung in Peking eröffnet. Pragmatisch wäre das allemal. Die allermeisten Länder weltweit machen das so.

Doch erst einmal muss zumindest die Auswahl der Bischöfe stabil geklärt sein. Derzeit predigen in China etwa hundert Bischöfe. Von den etwa 65 regierungstreuen waren bislang sieben nicht vom Papst anerkannt, drei von ihnen wurden ausdrücklich exkommuniziert.

Für Papst Franziskus, den Pragmatiker unter den Päpsten, ist dieser Weg nicht ohne Risiko. Bei seiner Basis ist der neue Deal durchaus umstritten. Die Fundis fürchten, dass der von den Realos erzielte Kompromiss ein Ende der Hauskirchen-Gemeinden bedeuten könnte. Zum Beispiel Kardinal Zen, der emeritierte Bischof von Hongkong und langjähriger Gegner einer Annäherung, der dem Vatikan „Naivität“ und einen „Kniefall vor Peking“ unterstellt. Angesichts von Chinas Menschenrechtsbilanz und dem autoritärem Vorgehen in Religionsangelegenheiten dürfe man sich nicht zu sehr auf Kompromisse einlassen. Andere wie der chinesische Untergrundbischof Giuseppe Wei Jingyi aus Qiqihar im Nordosten des Landes bewerten das vorläufige Abkommen als Schritt nach vorne. Die Uneinigkeit in der Kirche des Landes könne so endlich überwunden werden, sagte der 60-Jährige in einem Interview. Allerdings müsse nun die chinesische Regierung auch umgekehrt die Untergrundbischöfe anerkennen, andernfalls würde sich die Untergrundkirche vom Papst entfremden.

Der heilige Stuhl betont derweil, dass die „Überwindung der kirchlichen Spaltung mehr Freiheit und Sicherheit für die chinesischen Katholiken bedeutet“. Sprich: Es soll einfacher werden, Christ zu sein. Oder noch knapper: Der Vatikan bekommt einen besseren Marktzugang. Da geht es Franziskus nicht anders als den Top-Managern westlicher Unternehmen. Weil der Markt im Westen gesättigt ist, kann man auf den chinesischen Markt nicht verzichten. In Europa sinkt die Zahl der Gläubigen sogar.

Ein Papstbesuch in China wäre auf diesem Weg der nächste große Schritt. Den will Franziskus sich nicht verbauen. Dabei muss er jedoch ein Stück weit nach den dortigen Regeln spielen: Die meisten Bischöfe der offiziellen chinesischen „Staatskirche“ hat der Papst ohnehin schon anerkannt. Wandel durch Annäherung eben. Zeitgleich mit dem Abkommen legalisierte Franziskus nun außerdem den Status von sieben Bischöfen, die ohne päpstliche Zustimmung geweiht worden waren, unter ihnen auch die drei exkommunizierten. Nun muss Peking den nächsten Schritt wagen.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren, gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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