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Auf dem Weg nach oben

2018-12-24 07:42:49 de.china-info24.com Frank Sieren

Boeing hat erstmals ein in China fertig gebautes Flugzeug einem Kunden übergeben. Für die globalen Verkehrsflugzeughersteller bringt der rasant wachsende chinesische Markt große Chancen. Peking arbeitet jedoch gleichzeitig daran, die Vorherrschaft von Airbus und Boeing in China langfristig zu brechen, meint Frank Sieren.

Der chinesische Markt spielt für den internationalen Flugverkehr und somit auch für die Verkehrsflugzeughersteller eine immer bedeutendere Rolle. Das machen die Zahlen und vor allem die Geschwindigkeit der jüngsten Entwicklungen deutlich: Wurden die ersten 1.000 Flugzeuge nach China noch in einem Zeitraum von 40 Jahren geliefert, folgten die nächsten 1000 innerhalb der letzten fünf Jahre. So viel ist klar: China wird als Abnehmer von Verkehrsflugzeugen in absehbarer Zukunft die Vereinigten Staaten überholen.

Die beiden großen Hersteller Airbus und Boeing haben das längst erkannt. Boeing hat Ende November sein 2000. Flugzeug nach China geliefert, eine Boeing 737 MAX 8 für die Fluggesellschaft Xiamen Air. „Wir freuen uns, ein Teil dieses historischen Auslieferung-Meilensteins von Boeing und von China zu sein“, erklärte Che Shanglun, der Vorsitzende von Xiamen Airlines zuversichtlich.

Xiamen Airlines ist nur einer von mehr als 30 kommerziellen Kunden des amerikanischen Flugzeugbauers. Insgesamt machen Jets von Boeing in China heute mehr als die Hälfte der 3.000 im Land fliegenden Airliner aus. Seit etwas mehr als zwei Jahren produziert Boeing auch vor Ort. In Zhoushan, südwestlich von Shanghai, hat Boeing sein erstes Endmontagewerk außerhalb der USA errichtet. Vergangene Woche hat das Unternehmen nun erstmals eine Boeing 737 Max an einen Kunden übergeben, die in China fertiggestellt wurde. Vom Rumpf ab gebaut werden die Flieger allerdings weiterhin im Boeing-Werk in Renton, Washington. Erst dann gelangen sie ohne Innenausrüstung und Endlackierung in das chinesische Werk, wo sie lackiert und mit der Kabine ausgestattet, getestet und dann an die Kunden ausgeliefert werden.

Boeing geht davon aus, dass sich die chinesische Verkehrsflugzeugflotte innerhalb der nächsten 20 Jahre verdoppeln wird. In einer aktuellen Marktprognose rechnet das Unternehmen damit, dass das Land bis 2038 ungefähr 7.690 neue Verkehrsflugzeuge im Wert von 1,2 Billionen US-Dollar benötigt. Boeings Zukunft hängt also zu einem nicht geringen Teil am chinesischen Markt. Schon heute geht jedes vierte Boeing-Verkehrsflugzeug an einen chinesischen Betreiber, entweder durch Direktkauf oder durch Leasing.

Europas Flugzeugbauer Airbus produziert bereits seit 2008 in China. In Tianjin im Norden des Landes montiert das Unternehmen durchschnittlich viereinhalb A320-Flugzeuge pro Monat. Ab 2019 sollen es monatlich fünf und ab Anfang 2020 dann sechs Maschinen pro Monat sein, teilte der europäische Luftfahrt- und Rüstungskonzern in Toulouse mit. Die A320-Reihe und die modernisierte Version A320neo sind derzeit die absatzstärkste Modellfamile des Unternehmens.

Zusammen sind Boeing und Airbus die größten Player am Markt. Der ist hart umkämpft. Die chinesische Regierung teilt die Bestellung in der Regel zwischen den beiden Unternehmen auf, um der kontinuierlich wachsenden Nachfrage nach Flugzeugen im Land nachzukommen. Die Chancen stehen gut, dass China um das Jahr 2024 die USA als das Land mit dem weltweit höchsten Passagieraufkommen ablösen wird. Deshalb hat Peking natürlich auch starkes Interesse daran, der bislang übermächtigen amerikanischen und europäischen Konkurrenz Marktanteile abzunehmen und die Abhängigkeit von ausländischen Herstellern langfristig zu verringern. Für die Regierung ist der Flugzeugbau ein Prestigeprojekt. In der staatlichen Initiative „Made in China 2025“ ist er als Schlüsselindustrie aufgeführt, in der das Land zu einem global führenden Anbieter aufsteigen soll. Größter Hoffnungsträger ist dabei der staatliche chinesische Flugzeugbauer Comac, Kurzform für Commercial Aircraft Corporation of China Ltd., der auch an der Endfertigungsanlage von Boeing in Zhoushan zu 40 Prozent beteiligt ist.

Die Firma mit Hauptsitz in Schanghai plant mit einem Mittelstrecken-Jet das absatzstärkste Flugzeugsegment anzugreifen, wo bisher der Airbus A320 und die Boeing 737 einsam an der Spitze stehen. Das Comac-Modell C919 mit bis zu 168 Plätzen und einer Reichweite von 4075 Kilometern absolvierte im Mai 2017 seinen Jungfernflug. Der Flieger hat Heimvorteile: Bestellungen von staatlichen chinesischen Fluggesellschaften sind Comac garantiert. Dank massiver staatlicher Hilfe wird das Unternehmen seine Flieger voraussichtlich auch etwas günstiger anbieten können als die Konkurrenz. Die kommerzielle Zulassung ist für das Jahr 2021 anvisiert. Ursprünglich sollte die C919 bereits im vergangenen Jahr auf den Markt kommen, der Erstflug hatte sich aber immer wieder verzögert, auch weil ein Passagierflugzeug dieser Größe mindestens 4.200 Flugstunden absolviert haben muss, bevor es als einsatztauglich für den Tagesbetrieb gilt. Die C919 wird seit April 2016 im Forschungszentrum der Aviation Industry Corporation of China (AVIC) in Schanghai Tests unterzogen. 48 statische Prüfungen hat die Maschine bereits absolviert, den wichtigsten "Ultimate Load"-Belastungstest für die Zulassung bestand sie diesen Sommer. Dabei gaben Ingenieure das 1,5-fache der maximal im Betrieb erwartbaren Last auf eine der Tragflächen. Bei der drei Sekunden lang gehaltenen Überlastung von rund 100 Tonnen hätten sich die Flügelenden um beinahe drei Meter gebogen. Die Verformung, so ein Sprecher von Comac, habe sich mit den Erwartungen gedeckt, das Flugzeug habe den Traglastanforderungen entsprochen. Weitere Tests sollen folgen.

Bis China auf Augenhöhe und weitgehend unabhängig vom Ausland mit den Wettbewerbern fliegen kann, ist es aber noch ein weiter Weg. Wichtige Komponenten des Prestigeobjekts müssen nach wie vor importiert werden. So werden die Triebwerke von CFM International geliefert, einem Gemeinschaftsunternehmen der Luftfahrtabteilung von General Electric aus den USA und dem französischen Triebwerkshersteller Safran. Ähnlich wie bei Autos stößt der chinesische Vorstoß im Ausland ebenfalls nicht auf offene Arme. Von den 815 Bestellungen für die Comac C919 kommen bisher nur 34 aus dem Ausland. Dass eine wichtige Sparte wie die Flugzeugindustrie mit ihren wenigen Platzhirschen zudem leicht zwischen die Fronten geraten kann, zeigt der Handelsstreit zwischen Washington und Peking. Schon im Frühjahr dieses Jahres hatte China als Reaktion auf Trumps 25-prozentige Strafzölle angekündigt, Flugzeugimporte aus den USA wiederum mit Strafzöllen von 25 Prozent zu belegen, wobei vor allem der Boeing-Exportschlagers 737 betroffen wäre. Airbus fühlte sich als lachender Dritter, Peking nutzte das als Hebel, um Druck auf die USA auzuüben. Die erwarteten Großaufträge für Airbus – im Gespräch war ein Volumen von rund 15,3 Milliarden Euro – blieben bislang jedoch aus. Natürlich kann es sich Peking noch nicht leisten, Boeing ernsthaft zu bedrängen. Dafür ist der ständig wachsende Luftverkehrsmarkt des Landes für die Regierung zu wichtig.

So muss auch Comac bis auf weiteres auf Kooperationen mit den westlichen Herstellern setzen. In den kommenden Jahrzehnten würden chinesische Flieger sicher zu einer "starken Alternative" werden. Kurzfristig sei es jedoch "unrealistisch", dass die Vorherrschaft von Airbus und Boeing gebrochen wird, schrieb sogar die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Dass die Vorherrschaft eines Tages gebrochen wird, ist trotzdem sehr wahrscheinlich, zumal Russland mit der MC-21 ebenfalls an einer Alternative zu den westlichen Exportschlagern arbeitet. Das russische Luftfahrtkonsortium United Aircraft Corporation (OAK) und die Chinesen von Comac planen zudem ein gemeinsames Großraumflugzeug mit dem Modellnamen CRAIC CR929, das als direkter Konkurrent zur Boeing 787 und zum Airbus 350 in Stellung gebracht wird. Es soll 280 Passagiere transportieren und eine Reichweite von bis zu 12.000 Kilometer errechen können. Sowohl China als auch Russland besitzen einen Anteil von 50% an dem Gemeinschaftsunternehmen. Sitz ist in Schanghai, und damit nah am wichtigsten Wachstumsmarkt und auch nah am Fertigungszentrum von Boeing. Insgesamt sollen mindestens 20 Milliarden US-Dollar in Entwicklung und Vermarktung investiert werden. China will hoch hinaus. Darauf müssen wir uns gefasst machen.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit fast 25 Jahren in Peking.

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