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In der Arena mit den Besten

2019-01-11 09:46:39 de.china-info24.com Frank Sieren

Lee Kaifu nennt Tech-Startups, die es auf Chinas hart umkämpftem Markt zu etwas gebracht haben, „Gladiatoren“. Der 57-Jährige Taiwaner kennt sich aus. Lee war früher Google-Chef in China, arbeitete für Apple und Microsoft, bevor er sich mit der Investmentfirma Sinovation Ventures und dem Sinovation Ventures Artificial Intelligence Institute in Peking selbstständig machte. Sein vergangenes Jahr veröffentlichtes Buch „AI Superpowers: China, Silicon Valley, and the New World Order“ gilt in der internationalen KI-Szene als Must-Read. Dort beschreibt Lee, wie in Chinas staatlich befeuerter KI-Industrie nicht die Firma mit der stärksten Idee siegreich aus der Arena geht, sondern jene, die sie am schnellsten und oftmals auch rücksichtslosesten als Geschäftsmodell etabliert. Derzeit gibt es 14 private chinesische KI-Firmen, die mit 1 Milliarde US-Dollar und mehr bewertet sind. Zusammen sind sie mehr als 40,5 Miiliarden Dollar wert. Doch: Ihr Platz an der Sonne kann schnell verlorengehen, die Konkurrenz schläft nicht. Wer heute oben ist, kann morgen schon wieder verschwunden sein. Der chinesische KI-Markt ist ein überaus dynamisches Feld, in dem Geschäftsfelder ständig erweitert werden und jeder versucht, sich möglichst breit im Spezialgebiet des anderen aufzustellen. Eine Übersicht, wer momentan in den unterschiedlichen KI-Feldern das Zepter in der Hand hält, lohnt sich:

SenseTime – Gesichtserkennung

In nur vier Jahren hat sich das 2014 an der Chinese University of Hongkong gegründete Unternehmen zum wertvollsten KI-Startup der Welt entwickelt. Es hat eine Bewertung von 4,5 Milliarden US-Dollar. SenseTime forscht unter anderem auf den Gebieten Autonomes Fahren und Augmented-Reality, bei der On-und Offline-Welt sich durch Virtual-Reality-Anwendungen ineinander vermischen. Das wichtigste Feld des Unternehmens ist jedoch seine Gesichts- und Bilderkennungssoftware. SenseTime gibt an, über Regierungsstellen bereits Zugang zu rund 500 Millionen Gesichtern aus staatlichen Datenbanken zu haben. Diese Daten benutzt das Unternehmen wiederum, um seine Fähigkeit zum „deep learning" zu perfektionieren. So nennt man die Königsdisziplin innerhalb der künstlichen Intelligenz, bei der Computerprogramme in möglichst großen Datenabgleichvorgängen ihren Algorithmen das autonome Lernen beibringen.

Chinesische Lokalregierungen sind mit einem Anteil von 10 Prozent die Hauptkunden von SenseTime. Eine Partnerschaft, die den Chinesen erstaunlicherweise sehr viel weniger Kopfschmerzen bereitet als uns im Westen. In China sieht man zuallererst die Vorteile. Die Technik kann von staatlicher Seite einerseits zur Überwachung von Menschen benutzt werden, macht aber auch Sicherheitschecks an Flughäfen und Bahnhöfen viel angenehmer. Das Ziel: Die Passagiere können einfach durchlaufen, ohne einen Pass oder ein Ticket zeigen zu müssen. Das bringt mehr Komfort, aber gleichzeitig auch mehr Überwachung.

Auf mehr als 100 Millionen chinesischen Smartphones ist die Software von SenseTime bereits installiert.

Die Chinesen benutzen die Technik des Startups zum Beispiel in Apps, die das eigene Gesicht an Bankautomaten oder beim bargeldlosen Bezahlen dem eigenen Konto zuordnen. Aber auch um Selfies zu schießen, ist die SenseTime-Software sehr beliebt, etwa in der weit verbreiteten Beauty-App Meitu. Für 2019 ist eine weitere große Finanzierungsrunde geplant.

iFlytek – Sprachassistent und Übersetzer

iFlytek aus Hefei hat sich vorgenommen, Sprachbarrieren zu überwinden. Seine Signature-App „iFlytek Input“ wird in China bereits von mehr als 500 Millionen Menschen genutzt. Die Software wandelt über Mikrophoneingabe chinesische Sätze in englischen Text um. Die Ergebnisse können dem Gesprächspartner vorgespielt oder als Sprachnachricht versendet werden. Computergenerierte Simultanübersetzungen, um Konversationen unterschiedlicher Muttersprachler ohne gegenseitige Sprachkenntnisse möglich zu machen, sind im Feld der KI-Spracherkennung die Königsdisziplin. iFlytek will mithilfe von selbstlernenden Algorithmen die Spracherkennung, Sprachverarbeitung und maschinelle Übersetzung mehr und mehr perfektionieren. Mit seiner kostenlosen App sammelt das Unternehmen seit der Einführung im Jahr 2010 Sprachdaten und macht mit diesen seine Anwendungen immer intelligenter. Noch scheitert die Software bislang an Dialekten, Sprachstilen und der großen Menge an Worten. Fehler sind noch unvermeidbar, werden aber zunehmend weniger und fallen im Alltagsgebrauch auch oftmals nicht weiter ins Gewicht. Gerichte transkribieren mit der iFlytek-Technologie schon jetzt Verhandlungen, Callcenter generieren automatisierte Antworten und der Taxidienst Didi übermittelt Aufträge an seine Fahrer.

Seit 2008 ist die bereits 1999 gegründete Firma an der Shenzhen Stock Exchange notiert. Leider ist die Aktie vor allem im vergangenen Jahr wie die meisten chinesischen Aktien eingebrochen. Wer die Aktie im April 2015 in eine starke Aufwärtsbewegung hineingekauft hat, hat inzwischen alle Gewinne wieder verloren. iFlytek hat derzeit dennoch einen Börsenwert von 9 Milliarden Dollar. Eine Tochtergesellschaft in den USA soll helfen, in andere Sprachen zu expandieren. Aber auch chinesische Dialekte sollen verstärkt mit eingebunden werden.

Innerhalb der boomenden chinesischen Spracherkennungsbranche hält iFlytek mehr als 70 Prozent der Marktanteile, knapp ein Drittel seiner Geschäfte macht die Firma heute direkt mit dem chinesischen Staat. Dabei stößt iFlytek auch in Bereiche vor wie Bildung, Mobilfunk, Fahrzeugtechnik und smarte Haushaltsgeräte. Branchen, in denen sich staatliche Firmen tummeln. Zum Beispiel arbeiten sie eng mit der China Telecom zusammen. Aber Huawei, das international erfolgreichste chinesische Privatunternehmen, profitiert von den Entwicklungen von iFlytek.

Auch im Gesundheitswesen ist iFlytek aktiv. Im November 2017 erregte das Unternehmen Aufsehen, als „Xiaoyi“, ein KI-gesteuerter Roboter, die nationale medizinische Qualifikationsprüfung für Ärzte in China mit 456 Punkten - 96 Punkten über der Bestehenspunktzahl - erfolgreich absolvierte. In über 50 Krankenhäusern in der Heimatprovinz Anhui unterstützt iFlytek-Technologie bereits Ärzte bei der Diagnose und Behandlung sowie bei der Interpretation von medizinischen Bildern wie CT-Aufnahmen. Doch es gibt auch Kritik: Im Herbst letzten Jahres wurde iFlytek von einem Übersetzer bezichtigt, eines seiner Transkripte bei einer Präsentation in Shanghai als Leistung einer live übersetzenden künstlichen Intelligenz ausgegeben zu haben. „Eine ausgemachte Lüge“, so der Übersetzer. „Der Tag wird kommen, an dem KI Sprachen natürlich verstehen können und wir unsere Jobs los sind. Aber dieser Tag ist definitiv noch nicht gekommen.“

DJI - Drohnenbauer

Das 2006 gegründete Unternehmen aus Shenzhen ist mit einem Anteil von über 70 Prozent momentan Weltmarktführer bei kommerziellen Drohnen. Das dynamische einstige Startup – das Durchschnittsalter seiner 12.000 Mitarbeiter liegt bei 27 Jahren – hat bereits den einstigen großen US-Konkurrenten GoPro mit seinen Produkten an den Rand gedrängt.

Um seine Flugobjekte weiter zu optimieren kommt bei DJI nun immer mehr künstliche Intelligenz ins Spiel. Modelle wie die Phantom-4-Drohne nutzen bereits Bilderkennung, um Hindernissen auszuweichen. In Zukunft sollen die Drohnen selbstständig die Verfolgung von Personen aufnehmen können – DJI propagiert diese Funktion in seinen Werbevideos natürlich vor allem für zivile und künstlerische Zwecke –aber die Polizei interessiert sich sehr für diese Produkte. Aber eben auch zivile Einsätze sind verlockend und können sogar lebensrettend sein. Drohnen können Sportler – Bergsteiger, Paraglider oder Skifahrer – aus der Luft verfolgen und spektakulär filmen. Regisseuren soll die Technik außergewöhnliche Kamerafahrten und Perspektiven ermöglichen. Auch sekundenschnell an den Himmel gemalte Himmelsgraffitis stellt DJI in einem Werbevideo in Aussicht. Aber die Drohnen sind auch sinnvoll, um verunglückte Menschen in übersichtlichem Gelände schnell zu finden.

In Zukunft will DJI zunehmend für Unternehmen und die Landwirtschaft produzieren. Im Mai vergangenen Jahres gab das Unternehmen eine Kooperation mit Microsoft bekannt, um Kameras in Kombination mit KI für industrielle Anwendungen einsatzbereit zu machen. Gemeinsam wolle man etwa die Echtzeitdaten der Microsoft-Cloud dazu nutzen, um aus Flugbildern und -videos blitzschnell Schlüsse zu ziehen und sie für den Kunden auszuwerten. Als Beispiel nennt DJI zum Beispiel Wärmebilder, die in der Landwirtschaft helfen sollen zu erkennen, ob der Boden reif für das Aussähen ist. Aber auch Waldbrände können so schneller erkannt werden.

Die Drohnen können auch auf eine Tätigkeit hin punktuell intelligent programmiert werden. Bei einer Präsentation in Seattle führte das Unternehmen eine Drohne vor, die selbstständig Schäden an Oberleitungen erkennen und untersuchen kann. Aber auch für die Versicherungs- und Immobilienbranche werden intelligente DJI-Drohnen immer interessanter, zum einen um das Gebäude-Portfolio mit spektakulären Luftaufnahmen aufzupeppen, zum anderen um Schäden an Dächern und Fassaden festzuhalten und je nach Schwere einzuordnen.

In den USA sieht man die chinesischen Drohnen jedoch vor allem als Bedrohung. Im Sommer vergangenen Jahres hat die US-Armee ihre Einheiten dazu angewiesen, alle DJI-Drohnen und Geräte des chinesischen Herstellers zu deaktivieren. Das Militär fürchtet die Chinesen könnten die Bewegungsdaten einzelner Drohnen genau verfolgen und womöglich auch auf Videos und Bilder zugreifen, die für die USA von sicherheitspolitischem Interesse sind.

Nächste Woche stelle ich das Unternehmen iCarbonX vor, das Unternehmen für medizinische Gesundheitsvorsorge, sowie den Chipdesigner Horizont Robotics und den Roboterbauer Ubtech Robotics.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit fast 25 Jahren in Peking.

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