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In der Arena mit den Besten Teil 2

2019-01-18 07:22:16 de.china-info24.com Frank Sieren

Wer auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz vorne mitspielt, wird die Spielregeln der neuen technologischen Weltordnung mitbestimmen. Chinesische Unternehmen werden dabei immer innovativer, meint Frank Sieren.

Gerade mal drei Jahre ist es her, dass man in China mit voller Wucht begriff, dass die Zukunft der Menschheit in den Schaltkreisen intelligenter Maschinen entschieden wird. 60 Millionen Zuschauer verfolgten im März 2016 wie der südkoreanische Weltmeister Lee Sedol in vier von fünf nervenaufreibenden Partien gegen ein von Google DeepMind entwickeltes Computerprogramm im Strategiespiel GO unterlag. Dass davon bei uns kaum Notiz genommen wurde, wundert nicht. Das Brettspiel GO mit den schwarzen und weißen Steinchen ist im Westen kaum bekannt. In China dagegen ist es Jahrtausende altes Kulturgut. GO ist weit komplexer als Schach. Potentiell sind mehr Züge möglich als es Atome im Universum gibt. Und es basiert zu einem guten Teil auf Intuition. Eine Maschine Standardroutinen auswendig lernen zu lassen, wie bei Schachcomputern üblich, würde sich sprichwörtlich nicht rechnen. Das artifizielle Google-Superhirn mit dem Namen "Alpha Go" setzte stattdessen auf eine Kombination aus neuronalen Netzen und Deep Learning. Dabei wird die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns simuliert, die Ergebnisse und Querverbindungen übersteigen den menschlichen Verstand jedoch bei weitem. "Ich war sehr überrascht, ich hatte nicht erwartet zu verlieren", erklärte der 33–jährige GO-Champ Lee schon nach der ersten Partie. Den Chinesen, allen voran der chinesischen Regierung, öffnete die historische Niederlage die Augen. Wenig später präsentierte das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie in Peking einen ambitionierten Aktionsplan, der die Weichen für den Aufstieg zur Weltmacht neu justieren sollte. Demnach will die einstige "Werkbank der Welt" bis zum 100. Jubiläum der Staatsgründung im Jahr 2049 die innovativste Industriemacht der Welt sein. KI spielt dabei eine Schlüsselrolle. Bis 2020 will die Volksrepublik den bisherigen Marktführer USA eingeholt und bis 2025 mit Branchenumsätzen von 60 Milliarden Dollar überholt haben. Bis 2030, so der Plan, soll China dann als führende KI-Weltmacht alleine an der Spitze stehen.

KI-Innovation-Hubs gibt es mittlerweile im ganzen Land. In den wichtigsten KI-Bereichen haben sich chinesische Unternehmen bereits weit vorne positioniert. Dazu gehören etwa iCarbonX, das bei der Gesundheitsvorsorge tief in den menschlichen Körper eintaucht, der Chipdesigner Horizont Robotics, der China bei den Halbleitern vom Ausland unabhängig machen will und der Roboterspezialist Ubtech Robotics, für den Roboter eines Tages ganz selbstverständlich zur Familie gehören sollen. Es lohnt sich, diese Unternehmen genauer unter die Lupe zu nehmen:

iCarbonX – Medizinische Gesundheitsvorsorge

Dank Angelika Merkel, die dem Startup bei ihrer letzten China-Reise einen Besuch abstatte, hat iCarbonX im Gegensatz zu vielen anderen chinesischen KI-Pionieren auch bei uns ein wenig Aufmerksamkeit abbekommen. Die 2015 von dem Genetiker Jun Wang ins Leben gerufene Biotech-Firma gibt uns schon heute ein Bild davon wie Gesundheitsvorsorge im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz aussehen könnte. Über Körperfunktionsmessungen, Speichel-, Blut- und Urinproben will das Unternehmen aus Shenzhen eine individuelle Gesundheitskarte der Körper ihrer Kunden erstellen – und das rund um die Uhr. Wo es diese Daten hernimmt? Smarte Haushaltsgeräte und sanitäre Anlagen speichern und werten sie aus, von der intelligenten Zahnbürste über die smarte Kloschüssel bis hin zum Badezimmerspiegel, der die Haut genau unter die Lupe nimmt. Kombiniert mit äußeren Faktoren wie der Luftqualität oder Klimaveränderungen sollen so Krankheiten früher als je zuvor diagnostiziert werden und rechtzeitig Vorsorge betrieben werden können. Laut dem Unternehmen schafft es die KI, schneller und genauer als jeder Arzt Verbindungen zwischen verschiedenen Faktoren herzustellen und sie mit anderen Fällen abzugleichen. Aber auch auf Beauty und Sport spezialisierte Unternehmen werden mit dem Wissen über die Motorik, Pheromone, Enzyme und Proteine ihrer Kunden in Zukunft punktgenauer beraten können.

Kein anderes KI-Startup entwickelte sich so schnell zum Einhorn – in gerade mal sechs Monaten lag die Bewertung von iCarbonX bei über einer Milliarde US-Dollar. Weltweit zählt die Firma bereits mehr als 1.000 Mitarbeiter. Tencent gehört zu den wichtigsten Geldgebern. Feldversuche und Kooperation mit Fitnessclubs und Kliniken existieren bereits. Für Versicherungskonzerne und Behörden wäre die Körperkartei von iCarbonX ebenfalls ein Schatz. Als Überwachungsinstrument, das den Menschen bis zur DNA durchleuchtet, empfindet Gründer Wang sein Unternehmen aber nicht: "iCarbonX ist wie ein GPS. Wenn du unbedingt eine andere Route fahren möchtest, dann können wir dich nicht daran hindern."

Horizon Robotics – Chip-Hersteller

KI-Chips sind das derzeit wichtigste Instrument um Deep Learning möglich zu machen. Auch deshalb sie sind eine der Top-Prioritäten der chinesischen Regierung. Denn noch ist China bei KI-Chips von ausländischen Herstellern wie Qualcomm und Nvidia abhängig. Eine Schwachstelle, die auch US-Präsident Trump sehr bewusst ist. Letzten Oktober verhängte er ein Embargo gegen den staatlich kontrollierten Chiphersteller Fujian Jinhua. Das bremst die Wirtschaft. Und erhöht den Druck auf die chinesische Forschung.

Das Ziel der chinesischen Regierung ist deshalb, Firmen aufzubauen, die dabei helfen, mit selbst entwickelten AI-Prozessoren ausländische Chip-Importe zu reduzieren. Diese belaufen sich momentan noch jährlich auf rund 275 Milliarden Dollar. Zusammen mit dem ebenfalls in Peking ansässigen Unternehmen Cambricon spielt das im Pekinger Tech-Distrikt Zhongguancun angesiedelte Startup Horizon Robotics dabei eine Schlüsselrolle. Die Firma will so etwas wie das chinesische Intel für das neue Jahrtausend werden. Gegründet vor vier Jahren, entwickelt Horizon Robotics spezielle KI-Chips, die neuronale Netze simulieren. Ihre Algorithmen können in großen Datenmengen Muster und Situationen erkennen und auf dieser Basis Entscheidungen treffen.

Obwohl China in der KI-Forschung insgesamt noch hinter den USA zurückliegt, ist die Expertise bei Horizon Robotics auf höchstem Niveau: Firmengründer Yu Kai hat zuvor das Institut für Neuronale Netze des chinesischen IT-Giganten Baidu geleitet. Zu seinen Mitgründern zählen Chang Huang, der Baidus A.I. Business-Sparte aus der Taufe hob und Ming Yang, der Gründer von Facebooks A.I. Research Team.

Audi kooperiert bereits mit der Pekinger Firma, um seine Ambitionen vom selbst fahrenden Auto zu verwirklichen. Yu will mit seinen Chips jedoch nicht nur China unabhängiger machen sondern globale Standards setzen. Intel-Chips seien sehr limitiert, sagt er, da sie jede Aufgabe nur Schritt für Schritt nacheinander erledigen können. Eine neue Generation von Prozessoren müsse deshalb vor allem auf KI-Anwendungen zugeschnitten sein, die vielschichtiger arbeiten können. In der letzten Finanzierungsrunde sammelte Horizon Robotics eine Milliarde US-Dollar ein, wodurch die Firma nun zwischen drei und vier Milliarden Dollar wert ist.

Ubtech Robotics – Roboterbauer

Während die Roboter von Firmen wie KUKA vor allem aussehen wie das was sie sind, nämlich Maschinen, orientiert sich Ubtech bei seinen Modellen am Menschen. Das 2012 gegründete Unternehmen ist heute ein globaler Marktführer für KI und humanoide Robotik. Der menschliche Alltag der Zukunft, so glauben die Macher von Ubtech, ist bevölkert von freundlichen, intelligenten Robotern. Die Firma hat sich vorgenommen "einen Roboter in jedes Zuhause" zu bringen. Im Portfolio der in Shenzhen ansässigen Firma findet sich etwa "Walker", ein 1,45 Meter großer und 77 Kilo schwerer Haushalts- und Serviceroboter, der mit 36 Gelenken ausgestattet ist und über Arme, Beine und Finger verfügt.

KI kommt bei Walker zum Einsatz, wenn er seine Umgebung erkennt und ausmisst, Türen öffnet, vorwärts und rückwärts läuft, Treppen steigt, Getränke einschenkt, mit steifen Fingern Piano spielt und die Gesichter seiner "Familie" erkennt. Walker ist jedoch nur eines von vielen Modellen. So hält Ubtechs Alpha 1S den Weltrekord für den größten "Roboter-Simultantanz". Ein geländegängiger All-Terrain-Ubtech-Roboter namens ATRIS patrouilliert derzeit durch den Pekinger Shougang-KI-Industrial-Park. Sogar ein Roboter-Baukit für Kinder hat das Unternehmen im Angebot. Ubtech wurde nach seiner bisher größten Finanzierungsrunde 2018 mit fünf Milliaden US-Dollar bewertet. Alleine Internet-Gigant Tencent steuerte 120 Millionen Dollar bei.

All diese Unternehmen zeigen: China ist auf dem Weg zur Innovationsweltmacht, die es vor Jahrhunderten schon einmal war. Für den deutschen Mittelstand wird es immer schwieriger, bei der Entwicklung noch irgendwie hinterherzukommen. Das liegt nicht zuletzt an unserem strengen Datenschutz. Dieser ist zwar löblich, beim jetzigen Stand der Entwicklung aber auch hinderlich. Die Chinesen entwickeln zuerst, dann regulieren sie. Wir machen es umgekehrt. iFlytek-Geschäftsführer Hu Yu bringt das Problem dieser Taktik auf den Punkt: "Die Menschen müssen ein Gleichgewicht zwischen dem notwendigen Zugang zu Daten und ihren Ängsten finden. Die Angst, Daten herzugeben, lähmt die Entwicklung der Unternehmen."

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit fast 25 Jahren in Peking.

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