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Wer zögert, verliert

2019-01-25 10:04:34 de.china-info24.com

VW kündigt an, dass seine E-Autos erheblich teuer sein werden als die Benziner. Chinas E-Autobauern wie Nio spielt das in die Hände. Die werden nicht nur immer erschwinglicher sondern auch immer innovativer als die Konkurrenz aus dem Westen, meint Frank Sieren.

Lange haben deutsche Autobauer wie VW das Thema Elektromobilität vor sich hergeschoben. Erst langsam kommt Bewegung in die Sache: Bis 2030 wollen die Wolfsburger etwa 40 Prozent ihrer Neuwagen als Elektroautos auf den Markt bringen. Ab 2040 will VW sogar gar keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr anbieten. Ein neu gegründetes Ökostrom-Tochterunternehmen namens Elli soll künftig die Ladeinfrastruktur bereitstellen, unter anderem mit mehr als 5000 neuen Ladestationen bis 2020. Der Wille ist da. Das Problem ist nur: Volkswagens elektrische Kleinwagen sollen deutlich teurer sein als die konventionellen Modelle. Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch erklärte, dass ein günstiges Preisniveau für Käufer mit geringerem Einkommen angesichts der strengen CO2-Grenzwerte in Deutschland nicht umsetzbar sei.

Das bringt die Kurzsichtigkeit der deutschen Autobauer, aber auch die verfahrene Gesamtsituation auf den Punkt. Herbert Diess, der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen, fand dafür vor kurzem klare Worte: „Die Zukunft von Volkswagen wird in China entschieden.“ Er will es trotz der Skepsis versuchen: Sein Ziel: Ein E-Volkswagen muss unter 25.000 Euro kosten. Das geht auch nicht anders. Denn die Chinesen schaffen das auch. Und dort spielt eben die Musik. In China verkauft der Konzern mit seinen Tochterfirmen Audi, Porsche und Seat vier von zehn Autos. Bei der Kernmarke VW kommt sogar jeder zweite Käufer aus China. Der dortige Automarkt erlebte 2018 einen Einschnitt. Zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert stagniert dort die Zahl der verkauften Neuwagen nicht nur, sie ist sogar zurückgegangen. 2,76 Prozent weniger als im vergangenen Jahr wurde im größten Automarkt der Welt verkauft.

Doch: Das Minus bezieht sich nur auf die alte Garde von Autos mit Verbrennungsmotor. Das Segment der E-Autos wuchs in China 2018 deutlicher als je zuvor. Über 60 Prozent mehr E-Autos wurden im vergangenen Jahr verkauft, wenn auch von einem niedrigen Niveau. Immerhin sind das jedoch 1,26 Millionen Fahrzeuge. Der Marktanteil von E-Autos ist damit von 2.4 Prozent auf 4,5 Prozent gestiegen. Die gesamte übrige Welt legte nur um 840.000 E-Fahrzeuge zu. In Deutschland lag der Anteil von E-Autos und Plugin-Hybriden an den Neuzulassungen zusammen nur bei 1,9 Prozent. Das bedeutet in China ist der Marktanteil bereits heute doppelt so hoch wie in Deutschland.

Schon jetzt zeigt sich: Der Wettbewerb im chinesischen Markt wird bei den E-Autos entschieden. Und: Die Chinesen haben in dem Segment schon jetzt mit großem Abstand die Nase vorn. Dass sie ihren Anteil gegenüber den ausländischen Herstellern noch ausbauen werden ist abzusehen. Die Gründe liegen auf der Hand: Die Regierung in Peking betreibt den Umstieg auf E-Mobilität weit konsequenter als in Deutschland, wo, würde jetzt gewählt, die Grünen auf gut 20 Prozent der Stimmen kämen. Peking subventioniert den Markt und verpflichtet die Hersteller mit einem Quotensystem, einen immer größer werdenden Anteil der in China hergestellten Autos elektrisch auszurichten. Eine Neuzulassung für einen Benziner zu bekommen ist für den Durchschnittskunden in Chinas Großstädten schon jetzt so gut wie unmöglich. Ein weiterer Standortvorteil ergibt sich durch die Nähe zu heimischen Tech-Giganten wie Baidu und Tencent. Das Bewußtsein, dass Autobauer sich in Zukunft zu Mobilitätsplattformen wandeln müssen, ist in China bereits weit stärker entwickelt als bei uns.

Ein gutes Beispiel ist Nio mit Sitz in Schanghai. Der größte chinesische Internetkonzern Tencent ist einer der wichtigsten Geldgeber des Autobauers. Hightech-Firmen wie Xiaomi oder Baidu steuern ebenfalls Software und Ausrüstung bei. In Zusammenarbeit mit den Tech-Firmen hat Nio etwa ein eingebautes Sprach-Assistenzsystem namens "Nomi" entwickelt, das man während der Fahrt nach dem Wetter oder den besten Routen fragen kann. Das Autoradio lässt sich damit ebenso steuern wie eine im Sitz eingebaute Massagefunktion. Und da hört es mit den Gimmicks nicht auf: In Nio-Autos soll es ein optionales intelligentes Duftsystem geben, das automatisch Fahrerprofile und Stimmungen erkennen und mit vier verschiedenen Düften entsprechend auf das Fahrerlebnis einwirken kann.

Ingenieurskunst, wie die Deutschen sie verstehen, ist das nicht. Man kann darüber sprichwörtlich die Nase rümpfen. Ignorieren sollte man es nicht. Denn Unternehmen wie Nio suchen auch woanders die Innovation. Gerade hat das Unternehmen eine großflächige Wiedereinführung von Wechselakkus für E-Autos angekündigt. Schon vor fast zehn Jahren tüftelte die israelische Firma "Better Place" an einer ähnlichen Technik, scheiterte jedoch. Nio glaubt, dass die Zeit nun reif dafür ist.

Der E-Autohersteller plant in den kommenden zwei Jahren über 1000 Batterie-Tausch-Stationen einzuführen, 130 werden bereits getestet. Die Stationen sind etwa so groß wie eine Doppel-Garage und strategisch in 21 Städten und in der Nähe von Autobahnen und Schellstraßen positioniert. In den Hightech-Containern befindet sich eine automatische Hebebühne. Von unten nähert sich auf einer Schiene ein Roboter, der die Schrauben des hunderte Kilo schweren Akkus löst und ihn entfernt. Denn setzt die Maschine eine frische Zelle ein und das Auto senkt sich wieder. Innerhalb einer Stunde lädt die Station den leeren Akku auf und setzt ihn später einem anderen Fahrzeug ein. Der Batteriewechsel selbst dauert nicht länger als drei Minuten, geht also schneller als tanken und ohne den Geruch nach Benzin. Das Manko mangelnder Reichweite heutiger E-Automodelle soll so über weite Strecken minimiert werden.

An dem Vorstoß sieht man, dass China nicht nur der weltweit größte Absatzmarkt für Autos ist, sondern sich mittlerweile auch zum Versuchslabor der Industrie entwickelt. Nio ist dabei nur einer von vielen Innovationstreibern.

Das an der New Yorker Börse gelistete Unternehmen hat mit dem ES8 im Sommer sein erstes Serienfahrzeug auf den Markt gebracht, ein schwerer, fünf Meter langer Elektro-SUV mit sieben Sitzen. Rund 10.000 Exemplare konnten seitdem ausgeliefert werden. Das E-Mobil hat mehr als 600 PS, kommt in 4,4 Sekunden von null auf hundert und erreicht 350 Kilometer Reichweite mit einer Akkuladung. Dank staatlicher Subventionen gibt es das Basismodell schon für umgerechnet knapp 50.000 Euro. Das Model X von Tesla, gegen das Nio seinen ES8 in China positioniert, kostet in China fast doppelt soviel.

Das vor vier Jahren in Schanghai gegründete Unternehmen, das neben China unter anderem auch in München und im Silicon Valley Büros unterhält, stellte Ende Dezember bereits sein nächstes Modell vor. Der NIO ES6, Kostenpunkt 45.800 Euro, ist kompakter als sein großer Bruder, kommt aber dank größerer Akkus auf eine Reichweite von 500 Kilometer.

Ab Mitte 2019 will Nio mit der Auslieferung beginnen, um sein Portfolio auch am unteren Ende auszubauen. Europa hat das Unternehmen ebenfalls im Blick. Das sollte deutschen Autobauern wie VW zu denken geben. Li Bin, Gründer und Chef von Nio, erklärt: "Die großen Konzerne sind zu groß. Sie haben zwar das Geld und die richtigen Leute, aber in Zeiten wie diesen – wenn sich alles so schnell wandelt – sind sie ganz einfach nicht so schnell wie wir, wenn es um die richtigen Entscheidungen geht."

Ein batteriebetriebenes Auto herzustellen sollte künftig nicht teurer sein als eines mit Verbrennungsmotor. In China werden E-Fahrzeuge immer billiger. Das liegt noch an den Maßnahmen der Regierung. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass der wachsende, wettbewerbsorientierte Markt spätestens ab Mitte des nächsten Jahrzehnts die Preisspanne allein nach unten und oben regelt. Volkswagen muss deshalb schon jetzt Milliarden investieren, um nicht den Anschluss zu verlieren. Alle deutschen Autohersteller werden in Zukunft neue Technologien und Modelle noch mehr direkt in China entwickeln müssen. Denn das war immer so: Im größten Markt wird bestimmt, wie die Autos auszusehen haben.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit fast 25 Jahren in Peking.

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