menu
seacher

Persönliche Schlagzeilen

2019-02-07 08:54:59 de.china-info24.com Frank Sieren

Die Zahl der Einhörner steigt in China weiter an. Zu den größten Durchstartern gehört die Nachrichten-App Jinri Toutiao. Die lässt KI den Job von Journalisten übernehmen in dem sie die News nach dem persönlichen Geschmack der Leser aufbereitet. Ganz ohne menschliche Eingriffe kommt aber auch sie nicht aus, weiß Frank Sieren

Trotz Handelskrieg und schwächelnder Wirtschaft erblickten in China im letzten Jahr 97 neue "Einhörner" das Licht der Welt: Startup-Unternehmen, die nicht älter als zehn Jahre und bereits über eine Milliarde US-Dollar wert sind. Insgesamt sind es 186, die rund 736 Milliarden US-Dollar wert sind, laut dem jüngsten Hurun Report. 23 stammen aus dem Online-Dienstleistungssektor, also aus Bereichen in denen die On- und Offlinewelt fließend ineinander übergehen, etwa Mitfahr- oder Lieferdienste. Eine besondere Dichte weisen sie in Peking (79), Schanghai (42) und Hangzhou (18) auf.

Das wertvollste chinesische Einhorn ist "Ant Financial", der Finanzarm der Alibaba Group, bewertet mit 148,4 Milliarden US-Dollar. Die Mobilitätsplattform "Didi chuxing" kommt auf einen Wert von 44,5 Milliarden US-Dollar, noch geschlagen vom Nachrichtenaggregator "Jinri Toutiao", der nun 74,2 Milliarden US-Dollar wert ist.

Unter den Top Drei haben wir im Westen vor allem von Jinri Toutiao noch wenig gehört. Dabei ist die vor sieben Jahren von dem damals 29-jährigen Zhang Yiming gegründete Mutterfirma Bytedance eben eines der wertvollsten Startups der Welt. Zu den Investoren gehören die amerikanischen Wagniskapitalgesellschaften Sequoia Capital, KKR und General Atlantic sowie die japanische Großbank SoftBank. Im Oktober steckte der japanische Vision Fund, der mit Abstand größte Tech-Fonds der Welt, drei Milliarden Dollar in das Unternehmen. Jinri Toutiao, zu deutsch "Schlagzeilen von heute", ist eine Nachrichtenplattform, die fast ohne Journalisten im klassischen Sinne auskommt. Mit KI-basierten Algorithmen werden dem Nutzer auf einem personalisierten Startbildschirm eigens für ihn ausgewählte Nachrichten präsentiert. Dabei fließen so unterschiedliche Faktoren wie die Browser History, das Klickverhalten, der Standort und sogar das benutzte Smartphone-Modell mit ein. Registrieren kann man sich direkt über die App oder über Social-Media-Dienste wie QQ, WeChat, und Weibo.

Rund 600 Millionen Chinesen haben die App heute auf dem Smartphone, täglich greifen im Schnitt 120 Menschen darauf zu. Die Nutzungszeit liegt bei durchschnittlich 73 Minuten, das ist mehr als doppelt so viel wie die Online-Präsenz der BBC weltweit pro Tag erreicht, 23 Minuten mehr als Facebook und fast zehn Minuten mehr als die Universalapp WeChat, die den Alltag der meisten Chinesen längst durchdrungen hat.

Die Beiträge sind im Normalfall kurz gehalten und leicht zu lesen. Als Vergleich wird gerne das US-amerikanische Portal Buzzfeed herangezogen, mit seinem lernfähigen Algorithmus ähnelt Toutiao jedoch eher Facebook, das Inhalte in der Nutzer-Timeline ebenfalls mit künstlicher Intelligenz optimiert. Werbeinhalte gehören wie bei Facebook ebenfalls dazu. Über die Funktion "Toutiao Hao" können Unternehmen eigene Inhalte posten. Den Großteil der Einnahmen erzielt Jinri Toutiao durch Werbung. 2016 setzte das Unternehmen bereits 869 Millionen Dollar mit In-App-Advertisement um. Bis 2020 will CEO Zhang Yiming auf 10 Milliarden Dollar kommen. Neben Unternehmen und Privatpersonen sind auch Regierungsstellen und große chinesische Medienhäuser wie CCTV mit eigenen Kanälen präsent. Das Bildungsniveau der Nutzer ist dabei überdurchschnittlich hoch. 41 Prozent haben einen Bachelor oder einen noch höheren Abschluss.

Toutiao setzt besonders auf Video-Content, der in unterschiedlichen Subkategorien zusammengefasst wird, etwa virale Kurzvideos oder Live-Streaming-Kanäle, die von Chinas Influencern rege genutzt werden. Die ziehen wiederum noch mehr Nutzer auf die Plattform. Ein großer Vorteil: Bytedance gehören die bekannten Kurzvideoplattformen Flipagram und TikTok (in China bekannt als Douyin), das im ersten Quartal 2018 weltweit häufiger als jedes Konkurrenzprodukt heruntergeladen wurde. Mit den Apps können User kurze Clips ansehen, aufnehmen und mit Spezialeffekten und Filtern bearbeiten. Im August vergangenen Jahres verschmolz Bytedance TikTok mit der bei Jugendlichen ebenfalls äußerst beliebten Karaoke-Plattform Musical.ly, die das Unternehmen bereits 2017 für einen Preis zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Dollar eingekauft hatte, um den internationalen Markt noch stärker in Angriff zu nehmen. Drei Büros unterhält Bytedance bereits in den USA. Singapur und Japan sollen folgen.

Dass der Empfehlungsalgorithmus von Toutiao nicht ohne Eingriffe von außen agiert, zeigte sich im Frühjahr letzten Jahres. Nachdem die staatliche chinesische Medienaufsichtsbehörde (SAPPRFT) die Plattform geprüft hatte, kam sie zu dem Schluss, dass Jinri Toutiao seiner Pflicht zur Lenkung der öffentlichen Meinung nicht genügend nachgekommen sei. Kurz gesagt: In den personalisierten Filterblase vieler Nutzer kamen politische Inhalte zu kurz. CEO Zhang entschuldigte sich öffentlich. "Wir haben dem Wachstum unserer Plattform Vorrang gegeben und haben dabei nicht rechtzeitig in die Stärkung der Qualität investiert", schrieb er in einer Stellungnahme im April 2018. Seitdem wurde die "Kooperation mit offiziellen Parteimedien“ intensiviert. Die Zahl der amtlichen Kanäle von chinesischen Regierungsstellen stieg innerhalb von zwölf Monaten von 4000 auf 35.000. Im November startete die Seite außerdem einen "Anti-Gerüchte-Kanal", der Artikel mit 3000 Yuan (rund 390 Euro) prämiert, die fake news entlarven.

Ein kleines Problem hat das Unternehmen außerdem noch: Es verdient kein Geld. Dieses Jahr hat CEO Zhang den Mitarbeitern sogar den Neujahrsbonus gekürzt, vergleichbar mit unserem Weihnachtsgeld. Als Gründe nennt er wirtschaftliche Einflüsse von außen, aber auch eine stärkere Konkurrenz und "Fehler" im Management. Die Herausforderungen für 2019 seien groß, heißt es weiter in einer Nachricht an die Mitarbeiter. Tatsächlich bereitet Bytedance für dieses Jahr den Börsengang in Hongkong vor. Auch davon wird abhängen, ob sich das Unternehmen in Zukunft mit großen Konkurrenten wie Facebook messen kann.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit fast 25 Jahren in Peking.

NEWSLETTERS

Geben Sie hier ihre E-Mail Adresse ein, um unseren Newsletter zu abonnieren

Kommentare

Sind Sie Mitglied?Sind Sie schon eingeloggt?