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Für Kenner

2019-02-22 10:01:53 de.china-info24.com Frank Sieren

Bei der Berlinale räumte ein chinesischer Film ab, zwei andere wurden in letzter Sekunde zurückgezogen. Für den heimischen Filmmarkt Chinas spielt beides keine Rolle. Dort bestimmen ganz andere nicht nur die Kasse, sondern auch die Debatten, meint Bei der Berlinale räumte ein chinesischer Film ab, zwei andere wurden in letzter Sekunde zurückgezogen. Für den heimischen Filmmarkt Chinas spielt beides keine Rolle. Dort bestimmen ganz andere nicht nur die Kasse, sondern auch die Debatten, meint Frank Sieren

Bei der Berlinale - neben Cannes und Venedig immerhin eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt - war China dieses Jahr in aller Munde. Zuerst wurden zwei chinesische Filme, Zhang Yimous "One Second" und "Better Days" von Derek Kwok-cheung Tsang kurzfristig aus dem Wettbewerb zurückgezogen, angeblich wegen technischer Probleme, möglicherweise aber wohl eher, weil chinesische Behörden sie nicht freigeben wollten. Ein anderer chinesischer Film, "So Long, My Son" von Wang Xiaoshuai, wurde gezeigt, obwohl er durchaus heiße Eisen anfasst, etwa die Folgen der Ein-Kind-Politik oder Proteste in einer Metallfabrik in der Provinz Fujian. Jury, Kritik und Publikum feierten den Film einhellig. Zwei Schauspieler,

Yong Mei und Jingchun Wang, wurden mit den Silbernen Bären als beste Darsteller ausgezeichnet. Regisseur Wang hatte bereits zuvor zweimal in Berlin gewonnen, einen Jurypreis für „Beijing Bicycle“ (2001) und einen Silbernen Bären für das Drehbuch zu „Zuo You“ (2008).

In China wurde zwar am Rande über die Berlinale und die chinesischen Gewinner berichtet. Einen großen Einfluss auf die chinesische Filmwelt hat die Verleihung jedoch nicht. "So Long, My Son" wird ab März in einigen ausgewählten chinesischen Kinos zu sehen sein, aber nicht allzu lange und voraussichtlich auch mit Umsätzen, die zu vernachlässigen sind. Das ist bei uns ja nicht anders: Die Mehrheit interessiert sich nicht für schicksalsschweren dreistündigen Realismus. Die Kasse lassen andere klingeln. Die Debatten finden woanders statt. So beschäftigt China derzeit ein anderer Film, auf den man zuhause stolzer ist als auf jeden chinesischen Berlinale-Gewinner der vergangenen 40 Jahre.

"The Wandering Earth" von Regisseur Guo Fan

ist Chinas erster Science-Fiction-Super-Blockbuster. Er basiert auf einer Kurzgeschichte von Cixin Liu, der 2015 mit dem ersten Teil seiner "Trisolaris"-Trilogie den Hugo Award gewann, den weltweit wichtigsten Preis für Science-Fiction-Literatur.

Der heute 56-Jährige, der vor wenigen Jahren noch als Ingenieur in einem abgelegenen Wasserkraftwerk arbeitete, ist nicht nur in China mittlerweile berühmter als Literaturnobelpreisträger Mo Yan. Lius Bücher stehen regelmäßig auf der Bestsellerliste der "New York Times", was bisher kaum einem chinesischen Autor gelang. Obama, Clinton, Mark Zuckerberg und Bill Gates lobten Lius Werke. Bei "Wandering Earth" war der Schriftsteller auch als ausführender Produzent beteiligt. Der Film erzählt die Geschichte der Menschheit am Rande der Apokalypse. Durch das Erlöschen der Sonne kühlt sich die Erde immer weiter ab und droht sich in eine Eiswelt zu verwandeln. Mit gigantischen Motoren soll der Planet aus dem Sonnensystem gewuchtet werden, um in den Weiten des Alls nach einer neuen Sonne zu suchen. Fragen nach Heimat und gemeinsamen Werten in einer Zeit ständiger Veränderung werden aufgeworfen, Dinge, die die Bürger der aufsteigenden Weltmacht natürlich beschäftigen. Wu Jing einer der gefragtesten Action-Superstars Chinas übernimmt als mutiger Astronaut Liu Peiqiang eine der Hauptrollen. Schon im Action-Blockbuster "Wolf Warrior 2" hatte er Chinas neues Selbstbewusstsein mit großen Gesten verkörpert.

Alleine in der ersten Woche hat der Sci-Fi-Blockbuster, der Spektakeln wie Michael Bays "Armageddon" oder Roland Emmerichs "2012" effekt-technisch das Wasser reichen kann, umgerechnet über 350 Millionen US-Dollar eingespielt. Laut Forbes ist er damit der bisher weltweit erfolgreichste Film des Jahres. Auch den Rekord für die kommerziell erfolgreichste erste Woche in der Geschichte des chinesischen Kinomarktes hat "Wandering Earth" geknackt.

Dass der Film so einschlug, hat natürlich auch mit Chinas Weltraum-Programm und seiner neuen Rolle in der Welt zu tun. Autor Liu erklärte, die Science-Fiction-Industrie sei ein Barometer für die nationale Stärke. Denn Science-Fiction-Filme bräuchten, ebenso wie Weltraumprogramme, eine starke Wirtschaft, um aus Fiktion Realität werden zu lassen. China ist auf dem Weg dahin: Nachdem die Volksrepublik Anfang des Jahres auf der "erdabgewandten" Seite des Mondes gelandet ist, will sie bereits 2020 eine Sonde auf den Mars schicken. Und das soll erst der Anfang eines umfassenden Weltraumprogramms sein, bei dem die Chinesen auch eigene Raumstationen und nach Science-Fiction klingende Mondbasen bauen wollen.

Bei der Uraufführung von "Wandering Earth" in Peking am ersten Tag des chinesischen Neujahrsfests saßen dann auch viele echte Weltraumwissenschaftler und Ingenieure im Publikum. Selbst verdiente Astronauten waren unter den geladenen Gästen, etwa Chen Dong, der 2016 mit dem Raumschiff Shenzhou-11 auf eine 33-tägige Weltraummission aufgebrochen war oder Wang Yaping, die 2013 an Bord des Raumschiffs Shenzhou-10 mit zwei männlichen Crew-Mitgliedern 15 Tage im Weltall verbrachte. "Der Astronaut in dem Film spielt eine wichtige Rolle bei der Rettung der Menschheit. Sein Opfer hat mein Herz berührt. Wäre ich mit einer ähnlichen Situation konfrontiert, würde ich definitiv dieselbe Entscheidung treffen. Astronauten sind Pioniere bei der Erforschung des Weltalls, und ich freue mich auf weitere Filme, die unsere Weltraum-Missionen inspirieren können", erklärte Astronaut Chen druckreif.

Shen Yi, Professor der "School of International Relations and Public Affairs" an der Schanghaier Fudan University, erklärt der Film sei ein Echo der politischen Gegenwart Chinas. "Obwohl die Erde nicht wirklich von einer sterbenden Sonne bedroht wird, haben Veränderungen in den internationalen Beziehungen doch für großen Druck gesorgt. Wie in "Wandering Earth" braucht es jemanden, der Verantwortung übernimmt, Opfer bringt und handelt. Das alles sind Herausforderungen, vor denen China heute steht". Große Worte. Eins ist schon mal klar: Zumindest auf der Leinwand haben die Chinesen noch nie so effektvoll die Welt gerettet wie in "Wandering Earth".

Für Chinas Filmindustrie ist der Blockbuster ein großer Schritt nach vorne. Gedreht wurde er in insgesamt acht verschiedenen Studios innerhalb der "Oriental Movie Metropolis", einem Filmstudio-Komplex in der Hafenstadt Qingdao, der mit Freiluft- und Unterwasserstudio, Filmmuseum und Themenparks Hollywood in den Schatten stellen will.

Die Drehorte des Films umfassten eine Gesamtfläche von 100.000 Quadratmeter. Mehr als 10.000 Filmsets, Requisiten und Kostüme wurde aufgefahren. Allein der Bau der Raumstation dauerte fast zwei Monate. Eins ist sicher: Der Erfolg von "Wandering Earth" wird noch mehr Geld und neue Aufträge in den Studiokomplex spülen und die chinesische Filmindustrie zu noch ambitionierteren Projekten antreiben. Inzwischen haben sich bereits mehr als 200 Film- und Fernsehunternehmen an der Lingshan-Bucht in Qingdao niedergelassen.

In den Kinos der Vereinigten Staaten, Australien und Neuseeland ist "Wandering Earth" ebenfalls vor einer Woche angelaufen. Über einen kleinen Achtungserfolg ging es jedoch nicht hinaus. Das ist schon ironisch: Im Westen bekommt einer der größten chinesischen Blockbuster in etwa so viel Aufmerksamkeit wie die chinesischen Berlinale-Gewinner zuhause.

Ob "Wandering Earth" überhaupt in den Programmkinos Deutschlands startet, ist indes noch ungewiss. Er bleibt wohl etwas für Kenner und China-Fans, die sich den Film wohl auch auf DVD bestellen werden. Immerhin: Der WDR hat bereits Cixin Lius Bücher "Die drei Sonnen" und "Der dunkle Wald" als Hörspiele vertont und Amazon hat unlängst angekündigt, die "Trisolaris"-Reihe als TV-Serie zu adaptieren. Ob mit oder ohne chinesische Beteiligung ist noch unklar. Auf unser Geld und unsere Meinung ist Chinas Filmwelt aber eh nicht angewiesen, das haben "Wandering Earth" und auch die Berlinale wieder einmal gezeigt.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit fast 25 Jahren in Peking.

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