menu
seacher

Asiatisch gefaltet

2019-03-08 10:01:07 de.china-info24.com Frank Sieren

Faltbare Smartphones könnten endlich den langen erwarteten Innovationsschub auf dem übersättigten Handy-Markt liefern. Dieser Innnovationsschub kommt aus Asien und nicht mehr aus den USA. Huawei und Samsung haben bereits vielversprechende Modelle vorgestellt. Apple ist noch nicht dabei. Das ist risant, meint Frank Sieren

Die fetten Smartphone-Jahre scheinen vorbei: 2018 sackten die weltweiten Verkaufszahlen nach Angaben des US-Marktforschungsunternehmen IDC um 4,1 Prozent auf insgesamt 1,4 Milliarden Geräte ab. Die Marktforscher der International Data Corporation (IDC) rechnen, dass alle Hersteller zusammen im vergangenen Jahr gut vier Prozent weniger Geräte verkauft haben als noch im Vorjahr. Das hat vor allem auch mit einem Rückgang in China zu tun, dem mit Abstand größten Einzelmarkt. 15 Prozent Einbruch im vergangenen Jahr. Die schwächelnde Wirtschaft und der Handelsstreit machen die Konsumenten sparsamer. Aber es lohnt sich auch kaum noch ein neue Smartphone zu kaufen, die Innovationschübe sind nur noch mikroskopisch oder nicht unbedingt nötig, wie der Übergang von Daumenabdruck zu Gesichtserkennung. Denn anfassen muss man das Handy ja immer noch. Bahnbrechende Innovationen hat es schon lange nicht gegeben. Doch nun kommt Bewegung in die Entwicklung: Smartphones mit faltbaren Bildschirm, Sie bieten ein größeres Display, das aber trotzdem noch problemlos in die Hosentasche passt. Mehrere Arbeitsflächen können dabei simultan genutzt werden. Word-Dokumente und Ähnliches könnte man etwa bearbeiten, in dem man das zweite Display zur Tastatur umwandelt. Völlig neue Apps müssten für das Doppel-Display konzipiert werden. Das faltbare Smartphone könnte so zur Ausgangsbasis einer ganzen Reihe von Innovationen werden. Google arbeitet daran, sein Mobil-Betriebssystem Android für den Einsatz in der neuen Falt-Technik fit zu machen.

Dass ein unbekanntes Startup mit dem ersten marktreifen Exemplar um die Ecke kam, überraschte, zeigte aber auch einmal mehr, dass mit jeder neuen Technologie die Karten potentiell neu gemischt werden.

Im Herbst 2018 stellte das 2012 von chinesischen Ingenieuren aus Stanford gegründete, aber mittlerweile in Shenzhen und Hongkong beheimatete Startup Royole in Peking das erste faltbare Smartphone-Modell der Welt vor.

Das "FlexPai" ist ausgeklappt ein Tablet in iPad-Größe mit einem 7,8-Zoll-Display. Gefaltet hat es ungefähr Smartphone-Größe, wirkt durch den runden Knick jedoch optisch wie eine volle Geldbörse. Der Einstiegspreis liegt bei 1.100 Euro. Es wird vorerst nur auf dem asiatischen Markt erhältlich sein. Der ist mittlerweile der wichtigste für die Branche.

Keine Frage, dass die Smartphone-Giganten bald nachziehen mussten. Im Februar stellten die Südkoreaner von Samsung, die im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit 2014 weniger als 300 Millionen Smartphones verkauft haben, unter dem Slogan "Die Zukunft entfaltet sich" ihr Galaxy Fold vor. Das Gerät hat zwei Displays, außen ein 4,6 Zoll großes und innen eines mit 7,3 Zoll. Aufgeklappt gehen sie ineinander über, zusammengefaltet wirkt es, als habe man einfach zwei normale Handys an den Seiten zusammengeklebt. Das Gerät hat zwei Akkus, der Arbeitsspeicher umfasst zwölf Gigabyte und der eingebaute Speicher ist 512 Gigabyte groß. Nach Angaben von Samsung hält das Telefon mehrere Hunderttausend Ausklapp-Vorgänge aus. Kostenpunkt: 2000 Euro. Ein stolzer Preis, zumal die Kritiken bislang gemischt ausfielen. Richard Yu, Consumer-Business-Chef von Huawei, erklärte, man habe Anfangs an einer ähnlichen Lösung wie Samsung gearbeitet, die Versuche allerdings bald wieder eingestellt. Das Konzept sei "nicht gut" gewesen, so Yu. Seine Firma, die sich vorgenommen hat, Samsung in diesem Jahr als weltgrößten Smartphone-Hersteller abzulösen, stellte ebenfalls im Februar das Huawei Mate X vor, ein futuristischer aussehendes Fold-Modell, das mit seinem 5G Standard zehn Mal so schnell ist wie die LTE Modelle.

Ebenso wie das Flexipai hat Huaweis Mate X den größten Bildschirm auf der Außenseite, ein chinesischer Standard zeichnet sich hier offenbar bereits ab. Das Mate X ist zusammengefaltet 11 mm dick - immer noch dicker als herkömmliche Smartphones, aber deutlich dünner als das Flexpai und das Samsung

Wird das Gerät aufgeklappt, entsteht ein fast viereckiges 8-Inch Display, ganz ohne Einkerbung oder Spalt. Huawei muss - anders als Samsung - keine qualitativ schlechtere Frontkamera verbauen, da das Smartphone einfach umgedreht werden kann. Nachteil: Beim auf der Außenseite liegenden, nicht flexiblen Display besteht die Gefahr des Zerkratzens. Da bei Samsungs Smartphone der faltbare Bildschirm innen verbaut ist, sind die Südkoreaner hier im Vorteil.

Das Mate X von Huawei soll im Juni für rund 2300 Euro erhältlich sein. Damit ist es fast 300 Euro teurer als Samsungs Galaxy Fold, das ab Mai erhältlich sein soll.

Erstaunlich ist, dass Apple bei diesem Thema nicht mitzieht. Apple arbeitet ebenfalls an faltbaren Handys, das erste Modell ist gerüchteweise aber für 2020 geplant. Das kann ein Vorteil sein, weil die Standards auf dem Markt dann bereits gesetzt sein dürften und Apple mit einer perfektionierten, eigenen Version noch einen draufsetzen kann. Es ist aber auch riskant, denn neue Konkurrenten stehen bereits in den Startlöchern, allen voran aus China. Der chinesische Hersteller Oppo hat ebenfalls ein faltbares Smartphone angekündigt, das dem Huawei Mate X verblüffend ähnlich sein soll. Der aus Shenzhen stammende Hersteller ZTE hat Bilder seines Axon M veröffentlicht, bei dem der Bildschirm einfach in zwei kleinere Displays zusammengeklappt werden kann. Optisch erinnert das an die klassischen RAZR-Modelle von Motorola. Eine elegante, wenn auch nicht besonders aufsehenerregende Lösung, die aber auch Apple und Samsung nach wie vor in Betracht ziehen, wenn man die Patentanmeldungen als Indikator hernimmt. Auch Motorola selbst, ebenso wie LG und der Blackberry-Hersteller TCL wollen bald mit eigenen Falt-Phone-Modellen an den Start gehen. Die Firma Xiaomi aus Peking, die 2013 kurzzeitig Marktführer in China ist ähnlich wie Apple noch nicht im Rennen. "In Bezug auf eine bestimmte Startphase sollten wir meiner Meinung nach warten, bis sie reifer ist, bevor wir sie ankündigen. Aber seien Sie versichert, dass wir eine Vielzahl verschiedener faltbarer Konzepte testen," erklärt der Unternehmenssprecher Donovan Sung.

Noch hat sich kein einheitliches Design durchgesetzt. Es bleibt spannend, zumal die Platzhirsche Samsung und Huawei momentan zwei sehr unterschiedliche Ansätze verfolgen. In den nächsten zwei Jahren wird sich zeigen, ob und wie die Nutzer die Geräte einsetzen, und was sich als Vor-und Nachteil erweist.

Für den Massenmarkt ist die Technologie noch zu kostspielig. Dass die Falt-Smartphones bald billiger und auch deutlich schlanker werden ist aber wahrscheinlich. Vielleicht werden sie in nicht allzu langer Zeit nicht nur faltbar, sondern gleich vollends aufrollbar sein wie ein Poster oder eine Schriftrolle. Royole führt schon Drucker in seinem Showroom vor, die diese hauchdünnen Bildschirme ausdrucken. Immer deutlicher wird: Bei den Smartphones kommen die Innovationsschübe zunehmend aus China und nicht mehr aus den USA.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit fast 25 Jahren in Peking.

NEWSLETTERS

Geben Sie hier ihre E-Mail Adresse ein, um unseren Newsletter zu abonnieren

Mehr zum Thema:

Kommentare

Sind Sie Mitglied?Sind Sie schon eingeloggt?