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Vor der Wahl

2019-04-12 13:54:08 de.china-info24.com Frank Sieren

Das Verhältnis zwischen Indien und China, den größten Völkern der Welt, ist noch immer von Misstrauen geprägt. Daran wird wohl auch die derzeitige Parlamentswahl in Indien nichts ändern. Dabei würden beide Länder von einer stärkeren Zusammenarbeit profitieren, meint Frank Sieren.

In der postkolonialen Nachkriegsordnung waren China und Indien enge Verbündete. 1962 trieb jedoch ein Grenzkonflikt im Himalaya einen Keil zwischen die asiatischen Großmächte. Die chinesische Armee brachte der indischen in der schwer zugänglichen Bergregion eine Niederlage bei, die bis heute unvergessen ist. Seitdem kommt es zwischen den Grenzsoldaten auf bis zu 5000 Metern Höhe immer wieder zu kleineren Scharmützeln, das letzte Mal 2017 in Doklam im Dreiländereck mit Bhutan.

Doch das ist natürlich nicht der einzige Grund für die Spannungen zwischen den beiden Ländern: Auf internationaler Ebene konkurrieren Indien und China um die wirtschaftliche und politische Vormacht in Asien. Dabei ist vor allem Chinas „Neue Seidenstraße“ zu einem potentiellen Konfliktherd geworden. Anfang des Monats lehnte Indien zum zweiten Mal in Folge eine Einladung zum “Belt & Road”-Forum in Peking ab, an der unter anderem Pakistans Premier Imran Khan und Russlands Präsident Wladimir Putin teilnehmen werden. Das Problem: Indien sieht seine Souveränität durch das chinesische Infrastrukturprojekt gefährdet. Delhi fühlt sich geradezu eingekesselt:

China kooperiert mittlerweile mit sämtlichen indischen Nachbarstaaten, mit Feinden wie mit Freunden. Pakistan, Nepal, Bangladesch und Sri Lanka begrüßen das chinesische Projekt, weil es in der Region ein Gegengewicht zum indischen Nachbarn schafft und ihnen mehr Verhandlungsspielraum gibt, um eigene Interessen zu verteidigen.

Nepal hofft, durch Chinas neue Bahnstrecken zum Bindeglied zwischen Südostasien, Zentralasien und Europa zu werden. Bangladesch möchte seine traditionelle Abhängigkeit von Indien verringern. Sri Lanka hofft, seine Schulden an China bald wieder zurückzahlen zu können, wenn es erst zu einem der Zentren von Chinas maritimer Seidenstraße geworden ist. Wegen seiner zentralen Lage im Indischen Ozean, möchte Peking den Inselstaat zu einem wichtigen Umschlagplatz in Südasien ausbauen. Der Hafen von Colombo soll mit chinesischen Geldern zu einem großen Logistik - und Finanzzentrum werden – direkt vor der Küste Indiens.

Pakistan, Indiens regionaler Gegenspieler, profitiert besonders von den Investitionen Chinas. Peking unterstützt Pakistan bei der Entwicklung seines Atomprogramms, beim Aufbau der Rüstungsindustrie und des Militärs. Mit einem Wirtschaftskorridor, der durch den pakistanisch kontrollierten Teil von Kaschmir verläuft, verbindet China seine westliche Provinz Xinjiang mit der pakistanischen Hafenstadt Gwadar an der iranischen Grenze. Nach den Plänen Pekings soll der dortige Tiefseehafen zu einer geostrategischen Drehscheibe am Eingang zum Persisch-Arabischen Golf werden. Weitere chinesisch betriebene Häfen in Bangladesch sind im Gespräch. Indien fürchtet nicht zu Unrecht, das sein Erzfeind Pakistan durch die Initiative auch international gestärkt wird. Im vergangenen Monat blockierte Peking zum wiederholten Mal eine UN-Resolution die den pakistanischen Extremistenführer Masood Azhar als Terroristen einstuft, der für eine Reihe von Anschlägen im indischen Teil Kaschmirs verantwortlich sein soll.

Delhi wiederum rüstet nun nicht nur sein Militär auf, die Regierung versucht auch, mit eigenen Maßnahmen und neuen Allianzen ein Gegengewicht zu Chinas Infrastrukturplänen in Asien zu schaffen. Mit Japan will Indien das „ungenutzte Potential der beiden größten Demokratien Asiens“ entfesseln und den Staaten der Region Alternativen zur Kooperation mit China bieten. Mit Australien, Japan und den USA will Indien in Sicherheits- und Militärfragen enger zusammenarbeiten. Mit dem Projekt „Mausam“ hat Premierminister Narendra Modi 2014 ein eigenes Infrastrukturnetzwerk auf dem Meer angeregt, das historische Handelsbeziehungen im Indischen Ozean wiederbeleben soll. Die Bay of Bengal Initiative for Multi-Sectoral Technical and Economic Cooperation (BIMSTEC) ist ein weiteres Forum regionaler Zusammenarbeit, ohne Pakistan, dafür aber mit Staaten wie Myanmar und Thailand. Chinas Hafenplänen und Sonderwirtschaftszonen stellen indische Investoren ähnliche Projekte in Trincomalee auf Sri Lanka, in Sittwe in Myanmar und in Chabahar im Iran entgegen. Letzterer befindet sich nur rund 100 Kilometer vom pakistanischen Hafen Gwadar entfernt, und soll Indien Zugang zu Rohstoffen und Absatzmärkten in Afghanistan, Iran, Russland und dem Kaukasus eröffnen ohne dabei Pakistan miteinzubeziehen. Trotzdem: Mit Chinas Milliardenkrediten und seinem Know-how bei internationalen Bauprojekten kann Indien noch lange nicht mithalten.

Es würde sich für Indien also lohnen, sich an der Neuen Seidenstraße zu beteiligen. Aus der indischen Wirtschaft werden seit langem dementsprechende Vorschläge laut. In anderen regionalen Bündnissen arbeiten die beiden Rivalen ja bereits zusammen, etwa bei der von China geschaffenen Infrastruktur-Investitionsbank AIIB, der Shanghai Cooperation Organisation oder dem BRICS-Bündnis. Die beiden Staaten haben viel gemeinsam und wo sie sich unterscheiden könnten sie sich gut ergänzen. China und Indien sind die bevölkerungsreichsten Staaten der Welt. Das Wirtschaftswachstum bewegt sich bei beiden über sechs Prozent. Indien hat wie China eine starke Digitalwirtschaft und viele gut ausgebildete junge Talente. In beiden Ländern drängen jährlich überdurchschnittlich viele Universitätsabsolventen auf den Arbeitsmarkt, die auch grenzüberschreitend arbeiten könnten.

Insgesamt hinkt Indien in Sachen Infrastruktur, Bildung, Gesundheit und Wettbewerbsfähigkeit noch hinter der Volksrepublik hinterher. Chinas Bruttoinlandsprodukt und Pro-Kopf-Einkommen sind vier bis fünfmal höher als das indische. Indiens Arbeitslosenproblem konnte auch Modi in seinen letzten fünf Amtsjahren nicht in den Griff bekommen. Indiens Bevölkerung wächst jährlich um 1,2 Prozent, China nur noch um 0,5. Chinas arbeitende Bevölkerung schrumpft, weswegen sich das Land früher oder später für mehr Zuwanderung öffnen muss. Indien könnte für Chinas Überkapazitäten ein guter Absatzmarkt und Korridor für die weitere Expansion nach Europa und Afrika sein. Die Häfen Chabahar im Iran und Gwadar in Pakistan könnten sich zusammenschließen statt miteinander zu konkurrieren. Dasselbe gilt für die Digitalwirtschaft beider Länder. Das würde sich im besten Fall nicht nur wirtschaftlich auszahlen: Wenn Indien und China an einem Strang ziehen, könnte die ganze Region zusammenwachsen und durch die wirtschaftliche Verzahnung könnten Konflikte entschärft werden, die seit Jahren schwelen.

Noch bis Mai laufen in Indien die Parlamentswahlen. Beide große politische Lager, Modis BJP und die oppositionelle Kongresspartei des Gandhi-Clans, stehen China misstrauisch gegenüber. Im Wahlkampf spielte die Position gegenüber China bislang jedoch kaum eine Rolle. Mit China verscherzen wollen es sich weder Oppositionskandidat Rahul Gandhi noch der amtierende Premier Modi, der Xi Jinping alleine im letzten Jahr vier Mal zu Gesprächen traf. Gandhi ging sogar so weit, China als wirtschaftliches Vorbild zu bezeichnen. Beide wissen: Auf Dauer wird China die größere Herausforderung sein als Pakistan. Aber auch eine große Chance.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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