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Ende der Drohkulisse

2019-05-03 08:20:22 de.china-info24.com Frank Sieren

China ist auf dem Weg, zur internationalen Seemacht zu werden. Washington ist nervös. Auch Chinas Nachbarn sind wachsam. Dabei wird beim Aufstieg Chinas die wirtschaftliche Macht eine weit größere Rolle spielen als Aufrüstung, meint Frank Sieren.
Ende April bereits feierte Chinas Marine mit einer Leistungsschau ihren 70. Geburtstag. In der Nähe des Hafens von Qingdao führte sie 32 Kriegsschiffe und 39 Kampfjets der Öffentlichkeit vor, darunter auch die „Liaoning“, den ersten Flugzeugträger des Landes. Er wurde bereits vor 20 Jahren von der Ukraine aus Sowjetbeständen gekauft, umgebaut allerdings erst 2012 in Dienst gestellt. Nicht gerade das fortschrittlichste Schiff, also. Insgesamt verfügt China nun über drei Flugzeugträger. Chinas erstes, im Inland produziertes Exemplar blieb während der Militärparade auf der Werft in Dalian. Es befindet sich weiterhin in der Testphase. Ein dritter Flugzeugträger, der sich in Design und Technik von den beiden Vorgängern unterscheiden soll, wird derzeit in Schanghai gebaut. Zum Vergleich: Die USA verfügen über zehn einsatzfähige Flugzeugträger, mit einem Geschwader von Verbundschiffen, die die Flugzeugträger schützen und versorgen können. Davon ist China weit entfernt. Peking kann der größten Seemacht der Welt also noch lange keine Konkurrenz machen.
Dennoch baut China wie kaum ein anderes Land seine Marine aus. Peking will seine internationalen Interessen schützen. Und die bestehen derzeit aus zwei Bereichen: Peking möchte seine gut 18.000 Kilometer lange Küstenlinie schützen und sicherstellen, dass Waren und Bodenschätze ungestört für den Seeweg nach China und von China weg transportiert werden können. Zum Thema Verteidigung der Küstenlinie gehören allerdings auch Territorialstreitigkeiten mit den Nachbarn. Vor allem bei den Inseln im südchinesischen Meer möchte sich China mehr Respekt verschaffen. Seit Chinas Präsident Xi Jinping 2012 kurz nach seinem Amtsantritt beim 18. Parteikongress der KPCh erklärt hatte, China zur internationalen Seemacht zu machen, sind in der Volksrepublik mehr Schiffe, Korvetten, Zerstörer, Fregatten und U-Boote entstanden als die britische, deutsche oder indische Marine insgesamt besitzt. Auch die USA hat China beim Bau neuer Schiffe hinter sich gelassen, so groß ist der Nachholbedarf. Chinas Tonnage ist nur etwa halb so groß wie die der USA. Aber manche Schiffe gelten als die modernsten und kampfstärksten ihrer Art, etwa der Lenkwaffenzerstörer 055. Er soll den – zugegeben älteren – US-Raketenzerstörern der amerikanischen Arleigh-Burke-Klasse überlegen sein.
Bei der Parade zeigte sich, dass Chinas Marine seine Kriegsschiffe vermehrt mit Überschall-Seezielflugkörpern ausstattet, die eine größere Reichweite haben als die US-Unterschallraketen, die zum Teil noch aus Zeiten des Kalten Krieges stammen. Mit der „Nanchang“ führte Peking einen 10.000 Tonnen schweren Stealth-Zerstörer vor, der mit X- und S-Band-Radar getarnte Objekte verschiedener Größen aufspüren und mit Langstreckenraketen außer Gefecht setzen kann. Gerade solche High-Tech-Kriegsmaschinen machen Washington nervös. „Es werden detaillierte, genaue operationelle Konzepte dringend gebraucht, um diese Probleme zu lösen und US-Interessen zu verteidigen“, heißt es in einem Bericht den das überparteiliche United States Institute of Peace (USIP) im Auftrag des US-Kongresses vorgelegt hat. China, so heißt es da weiter, verfolge eine „räuberische wirtschaftliche Staatspolitik, um seine Rivalen, inklusive der USA, zu schwächen und den strategischen Einfluss über seine Nachbarn auszuweiten.“
Gemeint sind dabei natürlich Chinas Pläne zum Bau einer „Neuen Seidenstraße“, die den Einfluss Pekings auch auf den Weltmeeren ausweitet. China zieht eine „maritime Perlenkette“ entlang der Küsten des Indischen Ozeans bis nach Afrika. Überall auf dem Weg befinden sich schon jetzt chinesische Häfen im Bau oder sind in Planung. Mit ihnen erschafft sich Peking neue Wege für den Warenverkehr, wäre im Ernstfall aber auch in der Lage, sie als Anlaufpunkte zur Auffrischung von Treibstoff, Waffen und Vorräten für die Marine zu nutzen.
Das gefällt den Amerikanern nicht. Sie fühlen sich in ihrer maritimen Vormachtstellung in Frage gestellt. Sie planen bereits Roboterschiffe der Korvettenklasse und Roboter-U-Boote, die ohne Matrosen auf den Weltmeeren unterwegs sind und deswegen viel höhere Risiken eingehen können. Schon jetzt erhöhen die Amerikaner ihre Präsenz vor der Küste Chinas. Erst kürzlich hat Washington weitere Kriegsschiffe in das Ost- und Südchinesische Meer entsandt. „Die Sicherheitslage in der Region des Indischen und des Pazifischen Ozeans erfordert die Stationierung der schlagfähigsten Schiffe der US-Marine“, hieß es in der Mitteilung der 7. Flotte der US-Navy. Laut südkoreanischen Experten befinden sich nun zwei US-Flugzeugträger und ein supermodernes Transportschiff direkt in der Nähe der Korea-Halbinsel. Das Transportschiff ist mit Stealth-Technologien ausgestattet, was die geheime Anlandung von US-Truppen ermöglicht. Die USA haben das Angriffsschiff USS America (LHA-6) und ein Transport-Dockschiff, die USS New Orleans (LPD-18,), zur japanischen Küste geschickt. Die Schiffe der LHA-6-Klasse sind die größten Schiffe der US-Marine. Sie können eine Staffel von 20 Kampfflugzeugen F-35 sowie etwa 1.700 Marineinfanteristen und mehr als 1000 weitere Soldaten und Offiziere an Bord tragen. Der Flugzeugträger USS Ronald Reagan ist bereits permanent in Japan stationiert. Auch in der Taiwan-Straße erhöhten die Vereinigten Staaten seit Anfang des Jahres ihre Präsenz.
Mit Japan, Vietnam und den Philippinen streitet Peking im Ost- und Südchinesischen Meer seit vielen Jahren um Territorien und Inselgruppen.
Washington pocht darauf, dass die Inseln, die von den Anrainerstaaten beansprucht werden, zu internationalen Gewässern gehören. Peking besteht wiederum darauf, dass sie historisch chinesisches Territorium sind - 90 Prozent eines 3,5 Millionen Quadratmeter großen
Gebietes, das sich entlang der philippinischen und malaysischen Küste im Osten wie eine Zunge tief in den Süden fast bis nach Indonesien erstreckt. Ein Drittel des weltweiten Schiffsverkehrs wird hier abgewickelt, zudem werden in der Region große Öl- und Gasvorkommen vermutet. In einigen Gebieten hat Peking bereits mit Baggerschiffen Inseln aufgeschüttet und neue Militäranlagen gebaut, beispielsweise südlich der Spratley-Inseln, die neben China auch von den Philippinen, Vietnam und Taiwan beansprucht werden. In Dschibuti am Horn von Afrika hat China im Sommer 2017 seinen ersten Marinestützpunkt im Ausland in Betrieb genommen. Weitere werden folgen.
Nächste Woche wird China in der Nähe von Qingdao gemeinsame Marine-Übungen mit Russland abhalten. „Chinas Marine wird die Zusammenarbeit mit anderen Staaten weiter stärken, die internationale Verantwortung des Landes aktiv wahrnehmen und die Sicherheit internationaler Wasserstraßen gewährleisten“, erklärte Chinas Staats-und Parteichef Xi Jinping bei seiner Rede anlässlich des Marine-Jubiläums am 23. April.
Früher reichte es, wenn die USA ihre Flugzeugträgergruppen losschickten, um den Chinesen und anderen Staaten Asiens Grenzen aufzuzeigen. Doch die Zeiten des Kalten Kriegs und der gegenseitigen Überbietung mit militärischer Drohkulisse ist vorbei. Je mehr sich China auf den wirtschaftlichen Wettbewerb konzentriert, und die Kooperation mit seinen Seidenstraßenpartnern ausbaut, umso mehr Überzeugungskraft hat das Land auf der Weltbühne und desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit von Streit mit den Nachbarn. Das ist allerdings nicht so einfach. Denn keine Regierung will gegenüber ihrer Bevölkerung den Eindruck erwecken, käuflich zu sein. Erst Anfang des Monats hatten die Philippinen eine diplomatische Protestnote in China eingereicht, weil mehr als 250 chinesische Schiffe um die Pagasa-Insel gesichtet worden sind. „Lasst uns Freunde sein, aber fasst die Insel Pagasa und den Rest nicht an“, erklärte Präsident Rodrigo Duterte in gewohnt markigem Ton. Er betonte aber auch, dass er über die Angelegenheit mit China weiterhin im bilateralen Gespräch bleiben wird. Man müsse weiter an gemeinsamen wirtschaftlichen „Qualitätsprojekten“ arbeiten. „Umso schneller sie fertig sind, umso schneller werden die Menschen die Vorzüge der philippinisch-chinesischen Beziehungen begreifen", so Duterte weiter. Mahathir bin Mohamad, der china-kritische Premier Malaysias, sieht den Inselstreit ähnlich pragmatisch: „Wir sind eine Handelsnation. Wir können uns nicht mit einem so großen Markt wie China anlegen“. Immerhin einigten sich im August 2018 China und die ASEAN-Staaten nach über einer Dekade Verhandlungen auf einen gemeinsamen Entwurf für Verhaltensregeln im Streit um die Inseln. Ein Beweis des guten Willens, der zudem zeigt, dass die Asiaten ihre Probleme in Zukunft alleine lösen wollen - ohne dass chinesische und amerikanische Flugzeugträger aneinandergeraten.
Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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