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Muskelspiel

2019-10-04 16:46:13 de.china-info24.com Frank Sieren

Die Militärparade zum Nationalfeiertag hat gezeigt, mit welchem ungeheuren Tempo China seine Armee modernisiert. Dass China andere Länder angreift ist dennoch unwahrscheinlich. Eine militärische Macht will das Land aber sein, mein Frank Sieren.

Am Dienstag hat die Volksrepublik ihren 70. Nationalfeiertag mit großem Aufwand in Szene gesetzt. Neben Tanzshows und vielen bunten Wagen, die die Errungenschaften der einzelnen Provinzen präsentierten, hat China auch 15.000 Soldaten, 580 Panzer, Drohnen, Interkontinentalraketen und Kampfflugzeuge im Zentrum Pekings aufgefahren - es war die größte Militärparade in der Geschichte des Landes. Für Militärexperten war die 80-minütige Waffenshow eine aufschlussreiche Gelegenheit, Einblicke in die moderne chinesischer Militärtechnik zu bekommen – denn 40 Prozent davon wurden vorher nie in der Öffentlichkeit gezeigt.

Eine der aufsehenerregendsten Neuerungen war die Interkontinentalrakete „Dong Feng 41“ (Ostwind), die mit bis zu zehn nuklearen Sprengköpfen bestückt werden kann und eine Reichweite von 12 000 bis 15 000 Kilometer erreicht. Die 21 Meter lange Rakete kann von mobilen Startrampen auf Lastwagen oder Zügen sowie aus Silos gestartet werden. Auch andere Raketen auf militärischem Weltniveau wurden vorgestellt, darunter der hyperschallschnelle Marschflugkörper CJ-100 oder die Mittel- und Kurzstreckenrakete DF-17. Ihre Reichweite soll zwischen 1800 und 2500 Kilometer betragen, sie kann Präzisionsschläge ausführen und Hyperschallgleiter transportieren. Solch ein Hyperschallgleiter ist beispielsweise die „DL-17“, die ebenfalls in Peking zu sehen war. Sie erreicht fünffache Schallgeschwindigkeit und kann niedrig genug fliegen, um Luftabwehrsysteme auszutricksen. Dabei wuchtet die Standardrakete den Gleiter zuerst in die Höhe, woraufhin sich der Gleiter in einer bestimmten Höhe mit einem eigenen Triebwerk vom Trägersystem trennt und selbstständig sein Ziel sucht. Vor allem die USA hatten lange die Fähigkeit Chinas unterschätzt, ballistische Raketen zu entwickeln, die in der Lage sind, bewegliche Ziele wie Flugzeugträger zu treffen. So wie der Westen bei ziviler High-Tech die Innovationskraft Chinas unterschätzt hat, überrascht China auch bei der militärischen Innovationskraft.

Dazu gehört auch die GJ-11, „Scharfes Schwert“ genannt, die ebenfalls auf der Parade zu sehen war. Es handelt sich um eine hochmoderne Angriffsdrohne, die große Ähnlichkeiten mit einem Modell des US-amerikanischen Rüstungskonzerns Northrop Grumman aufweist. Die Tarnkappen-Drohne kann mit Lenkraketen bestückt werden und leichter als bemannte Flugzeuge Luftverteidigungssystemen ausweichen. Über ihre Einsatzbereitschaft lässt sich derzeit jedoch nur spekulieren. Das gilt auch für die neue Aufklärungsdrohne DR-8.

Daneben gab es Panzer, Flugzeuge und unbemannte Unterwasser-Waffen zu sehen, alles "komplett selbst produziert", wie Generalmajor Cai Zhijun erklärte. Xi hat sich vorgenommen, Chinas Zwei-Millionen-Mann-Armee auf Weltklasseniveau zu trimmen, „stärkere Streitkräfte für das neue Zeitalter“. Wie die Parade zeigte, schließt China dabei immer mehr zur Waffentechnologie der USA auf. Die aufgefahrene Ausrüstung soll die "unabhängige Innovationsfähigkeit" der chinesischen Verteidigungsindustrie demonstrieren. "Das chinesische Militär wird resolut die nationale Souveränität, Sicherheit und Entwicklungsinteressen verteidigen", so Cai. Und Staats-und Parteichef Xi Jinping, der die Parade abnahm, erklärte: "Keine Macht kann den Fortschritt des chinesischen Volkes und der Nation aufhalten." Immerhin möchte er gleichzeitig dem „Pfad der friedlichen Entwicklung folgen” und innerhalb der Öffnungspolitik „mit den Menschen anderer Länder zusammenarbeiten, um eine gemeinschaftlich geteilte Zukunft der Menschlichkeit aufzubauen.“

Das bedeutet China möchte, wenn man Xi glauben kann, niemanden angreifen, aber auch sicherstellen, dass niemand einen Angriff wagt. In einer selbst auferlegten Nukleardoktrin würde China nicht als erstes Land Atomwaffen einsetzen, sondern nur als Vergeltung.

China hat mit rund 155 Milliarden Euro heute nach den USA den zweithöchsten Wehretat der Welt, mit einer Erhöhung des Etats um etwa 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In vielen Bereichen hat die Volksbefreiungsarmee aber noch großen Aufholbedarf. Die USA haben 2019 mit mehr als 700 Milliarden US-Dollar einen viermal höheren Etat für das Militär als China. Laut Peking seien es vor allem die USA, die andere Länder zum Nach- und Wettrüsten zwingen. Die Zahl der Sprengköpfe im chinesischen Nukleararsenal wird auf 290 geschätzt. Die USA hingegen verfügen über 6185 Atomsprengköpfe in ihrem Arsenal.

Dennoch muss sich auch Washington herausgefordert fühlen. Die neue „Dong Feng 41“-Rakete kann die USA in einer halben Stunde erreichen. Und Pekings Nachbarn sind natürlich ebenfalls alarmiert. Denn Peking will zwar nur seine Grenze verteidigen, die legt die Regierung im Südchinesischen Meer jedoch recht eigenmächtig fest. Peking hat dort bereits den Bau künstlicher Inseln vorangetrieben, und diese teilweise mit Flugplätzen und militärischer Ausrüstung bestückt. Während die Amerikaner darauf pochen, dass die Inseln, die von den Anrainerstaaten beansprucht

werden, zu internationalen Gewässern gehören, besteht Peking darauf, dass sie chinesisch sind. Und niemand in Asien kann den Chinesen militärisch das Wasser reichen. Dass die USA den Anrainern militärisch zu Hilfe eilt, ist allerdings unwahrscheinlich. Die Bereitschaft des amerikanischen Fußvolkes am Ende der Welt für Freiheit zu sorgen, ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Das hat Donald Trump genau registriert, denn unter den Militärs hat er viele Wähler.

Und so beugen sich Chinas Nachbarn der neuen Macht. Nicht nur Rodrigo Duterte, der Präsident der Philippinen, findet mittlerweile, dass eine militärische Auseinandersetzung mit China einem „Selbstmord“ gleichkäme.

Eins ist klar: Auf der Weltbühne will China die USA nicht herausfordern, nicht einmal im Südchinesischen Meer, sofern die Nachbarn die Grenzen anerkennen, die Peking für richtig hält. Bisher sind die Grenzziehungen für viele dieser Länder schon eine Provokation und werden als Angriff auf ihr Territorium verstanden.

Peking Strategie ist klar: Kurzfristig will sich China hier als mächtigste Regionalmacht etablieren. Und langfristig zielt Peking darauf ab, die Manövrierfähigkeit der USA auszuhebeln, die in der Region vor allem mit Japan und Südkorea enge militärische Beziehungen pflegt, aber auch mit den Philippinen und Thailand kooperiert. China wird seine Militärreformen erst um das Jahr 2050 abgeschlossen haben. Dass man Chinas Tempo im Verteidigungssektor keinesfalls unterschätzen darf, hat die Parade aber eindeutig gezeigt.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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