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Neue Chancen

2019-11-08 11:29:46 de.china-info24.com Frank Sieren

China wird wahrscheinlich das erste Land der Welt sein, das großflächig eine staatliche Digitalwährung und Blockchain-basierte Anwendungen einführen wird. Vieles ist noch offen, manches dürfte im Sand verlaufen. Trotzdem sieht Peking eher die Chancen als die Risiken, meint Frank Sieren.

Nun ist offiziell, was viele bereits prophezeit hatten: Der Nationale Volkskongress in China hat am 26. Oktober ein neues Gesetz zur Regulierung von Kryptographie verabschiedet. Es soll am 1. Januar 2020 in Kraft treten. Das heißt: Chinas Zentralbank hat das Konzept einer staatliche chinesischen Digitalwährung inzwischen so weit vorangetrieben, dass sie schon bald implementiert werden könnte.

Lange galt China als eines der schwierigsten Länder für Kryptowährungen. Der Handel mit nichtstaatlichen Bezahlmöglichkeiten wie Bitcoin wurde in China vor rund drei Jahren verboten, ebenso wie die sogenannten Initial Coin Offerings (ICO), Online-Börsengänge, bei denen Firmen im Tausch gegen Digitalwährungen Kapital generieren. Chinas Staatsführung erkannte schnell, dass sie weder den Handel noch den Kurs kontrollieren kann und dass der Bitcoin ein Objekt von Zockern wurde, der noch dazu genutzt wurde, um heimlich Geld außer Landes zu schaffen. Chinas Finanzflüsse ganz genau zu kontrollieren ist eine der obersten Prioritäten der chinesischen Finanzwächter. China hat eines der strengsten Kapitalverkehrskontrollgesetze der Welt.

Deshalb wird die angekündigte staatliche Digitalwährung auch sicher keine dezentrale Kryptowährung werden, sondern eine stark von oben gesteuerte, bei der genau zurückverfolgt werden kann, wer wann wo wieviel Geld transferiert. Also ganz anders als die Bitcoin-Idealisten sich das einst vorstellten. Statt als unabhängige Zahlungsalternative das staatliche Monopol zum "Gelddrucken" auszuhebeln, soll sie den finanziellen Kontrollspielraum des chinesischen Staates sogar noch vergrößern, etwa indem sie ihn in Regionen vorstoßen lässt, die bislang keinen oder kaum Zugang zu konventionellen Banken hatten. Auch mit dem vom US-Konzern Facebook geplanten „Libra“, der statt vom Staat von mehreren privaten Großunternehmen gestützt wird, wird sie nicht viel gemein haben. Obwohl Mark Zuckerbergs Vorstoß sicher dazu beigetragen haben dürfte, dass die chinesische Zentralbank die Entwicklungen zuletzt noch schneller vorantrieb. Peking fürchtet, dass der Libra faktisch am US-Dollar hängt und damit dessen Vormachtstellung weiter ausbaut. Wenn eine Digitalwährung aus dem Westen sich global durchsetzt, werden Chinas Pläne, den Yuan weltweit zur Leitwährung zu machen, gebremst.

Die chinesische Notenbank forscht bereits seit 2014 an einer staatlichen Digitalwährung. Damit war China eines der ersten Länder, die an die wichtige Rolle digitaler Währungen auf den globalen Finanzmärkten glaubten. Peking will auf jeden Fall vorn mitspielen. Deshalb wies Staats-und Parteichef Xi Jinping die Ministerien und Behörden des Landes zuletzt auch erneut an, verstärkt auf die Blockchain-Technologie zu setzen, eine Zukunftstechnologie, die eng mit den Kryptowährungen verknüpft ist. Vereinfacht gesagt ist die Blockchain eine dezentrale Datenbank, bei der Informationen und Daten vor Manipulationen geschützt werden, indem sie nicht auf einem Server oder bei einem Unternehmen liegen, sondern über viele Computer verteilt und jederzeit für alle Teilnehmer einsehbar sind. Man kann sich die Blockchain als eine Art virtuelles Kassenbuch vorstellen: Sobald zwischen einem Absender und einem Empfänger eine Transaktion stattfindet, wird der neue Status quo eingetragen. Jede Transaktion wird von den Beteiligten der jeweiligen Daten-Kette autorisiert. Wenn Paul Mary Geld überweist, bestätigen hunderte von Zeugen, dass die Transaktion tatsächlich stattgefunden hat, ohne dass sie Paul oder Mary tatsächlich kennen. Zentrale Verwalter für die riesigen, in Ketten aneinandergereihten Datenblöcke gibt es nicht, was die Datenbank fälschungs- und korruptionssicher macht. Praktisch gesehen findet die Regierung in Peking solch ein dezentrales System gut, solange sie überblicken kann, was dort genau passiert. Die Volkswirtschaft kann dadurch effizienter werden, ebenso die Zusammenarbeit zwischen Behörden oder die Bekämpfung von Korruption.

Das Potential der Blockchain-Technologie erschöpft sich aber nicht nur auf staatliche Transaktionen. Auch die Verwaltung von Big-Data-Pools, Verträgen, Aktien, Urkunden, Urheberrechten, Lieferketten und sogar Wahlvorgängen könnte durch die Blockchain-Technologie effizienter und transparenter werden. Dass China mit 790 Einreichungen die weltweite Rangliste der genehmigten Blockchain-Patente anführt, noch vor den Vereinigten Staaten, zeigt, dass die chinesischen Wissenschaftler das Potential erkannt haben. Auch eine neue Umfrage unter chinesischen Universitätsstudenten zeigt, dass viele eine positive Zukunft für Krypto-Währungen im eigenen Land sehen. Ein Viertel gab dabei sogar an, dass sie eine Stelle in einer Branche suchen, die mit digitalen Assets arbeitet.

Dazu passt, dass große chinesische Unternehmen bereits in die Technik investieren, vom Versandhandelsriesen JD.com über den PC-Hersteller Lenovo bis hin zum Suchmaschinenbetreiber Baidu. Der Versicherungsarm der Bank Of China, China Banking Insurance, hat mit mehreren Partnern dieses Jahr ebenfalls eine Blockchain für die Versicherungsbranche gestartet.

Dennoch ist es noch immer unsicher, wo die Reise wirklich hingeht, wo sich die Technologie am schnellsten etabliert und wo die Investoren am ehesten Geld in die Hand nehmen werden. Noch versandet das Meiste. Laut einer Analyse der Chinesischen Akademie für Informations- und Kommunikationstechnologie (CAICT) beträgt die durchschnittliche Lebensdauer neuer Blockchain-Projekte derzeit nur rund 15 Monate.

Trotzdem: In China sieht man auch hier die Chancen eher als die Schwächen. Anders als in Europa ist man eher bereit, sich durch den Nebel zu tasten und das Risiko von Rückschlägen und Sackgassen hinzunehmen.

Auch in welchem Umfang Chinas Zentralbank die neue Digitalwährung zunächst einführen wird und wie sie genau funktionieren soll, ist noch nicht ganz klar. Doch sie dürfte sehr schnell von der Bevölkerung akzeptiert werden. Beim mobilen digitalen Bezahlen hat der Westen bisher kaum etwas zu bieten, während es in China längst Alltag ist. Die Bezahl-Apps Alipay und WeChat Pay der Internetkonzerne Alibaba und Tencent werden bereits von einem Großteil der chinesischen Bevölkerung genutzt, während das Bargeld mehr und mehr verschwindet. Die Umstellung auf eine neue chinesische Digitalwährung dürfte also schnell und umfassend umsetzbar sein, ohne dass die Bevölkerung den Unterschied großartig bemerkt.

Eins ist klar: Die Finanzmacht wird sich in Zukunft noch mehr vom traditionellen Bankenwesen in den Technologiesektor verlagern. Wer früh dabei ist, hat gute Chancen hier Standards zu setzen. Für China könnte es zudem ein wichtiger Schritt sein, um die eigene Währungssouveränität und auch die Verbreitung des Yuan international zu stärken. Die Chancen sind vielversprechend. Selbst wenn vieles im Sand verläuft.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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