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Fleischfrei aus der Krise

2019-11-29 16:52:53 de.china-info24.com

Mehrere Anbieter vegetarischer Fleischalternativen wollen den „Fake-Meat“-Trend auch nach China bringen. Das wäre angesichts der Schweinefleischkrise eigentlich eine gute Sache. Obwohl die Buddhisten die Imitate schon vor Jahrhunderten perfektioniert haben, ist echtes Fleisch in China jedoch noch immer ein Statussymbol, meint Frank Sieren.

Im Westen sind Fleischersatzprodukte ein Trend. Das amerikanische Startup Beyond Meat hat dieses Jahr einen der erfolgreichsten US-Börsengänge seit Jahren hingelegt. Selbst langjährige Fleischproduzenten wie Rügenwalder Mühle haben mehr und mehr Imitate aus Tofu und Soja im Programm. Und natürlich haben auch global agierende Großkonzerne wie Nestle die Entwicklungen genauestens im Blick. Sie alle glauben an die Zukunft, oder zumindest das Momentum der guten Argumente gegen den Fleischkonsum: Die eigene Gesundheit aber auch die Auswirkungen der Massentierhaltung auf Tiere, Umwelt und das Klima. Eine wichtige Frage steht jedoch für alle Unterstützer der pflanzenbasierten Nahrung im Raum: Bringt der Trend überhaupt etwas, wenn er sich nur auf den Westen beschränkt und in anderen Ländern, allen voran China, eine wachsende Mittelschicht mehr Fleisch denn je verzehrt?

Laut Schätzungen des britischen Finanzunternehmens Barclays könnte der globale Markt für pflanzenbasierte Fleischalternativen im kommenden Jahrzehnt auf 140 Milliarden Dollar explodieren. Und da ist China noch nicht einmal mitgerechnet. Für Firmen wie Beyond Meat oder den ebenfalls aus dem Silicon Valley stammenden Konkurrenten Impossible Foods ist China deshalb ein milliardenschwerer Wachstumsmarkt.

Neben ihren gehypten Veggie-Burgern planen beide, ihr Sortiment in China auf lokale Spezialitäten auszuweiten, etwa „Jiaozi“, gefüllte Teigtaschen, die traditionell mit Lauch und Schweinefleisch gefüllt sind. Bislang sind die Produkte der US-Startups jedoch nur in Hongkong und Macau erhältlich. In China sind die Firmen noch auf der Suche nach Geschäftspartnern. Auch die dortigen Lebensmittelbehörden müssen erst noch grünes Licht geben. Doch spätestens Ende des nächsten Jahres soll die Zeit gekommen sein, um auch China vegan zu erschließen. Das hoffen zumindest die Unternehmen.

Tatsächlich käme ein Vegan-Trend in China gerade zur rechten Zeit: Die Afrikanische Schweinepest, die dort seit Monaten wütet, zeigt, wie sehr die Stabilität Chinas heute vom Fleisch abhängt. Das Virus, das sogar überlebt, wenn man Fleisch kocht oder tiefgefriert, hat sich von Nordostchina über das ganze Land ausgebreitet. Hunderte Millionen Schweine mussten zwangsgetötet werden. Weil Schweinefleisch aber so ein integraler Bestandteil der chinesischen Küche ist, importierte China Millionen Tonnen aus dem Ausland. Die Preise stiegen seit Juli um 125 Prozent an. Sogar die 2007 von der Regierung in landesweiten Kühlhäusern angelegten "strategische Schweinefleisch-Reserven", mussten angebrochen werden, um die Preise stabil und eine Inflation in Grenzen zu halten.

Die Versorgung darf nicht abbrechen, koste es was es wolle. China ist heute der weltweit größte Produzent - und auch Konsument - von Schweinefleisch. Die Chinesen konsumieren mehr Schweinefleisch als jedes andere Land der Erde: jährlich um die 55 Millionen Tonnen, mehr als 30 Kilogramm pro Kopf. Bei der Pekinger Landwirtschaftsuniversität schätzt man, dass die Schweinepest in China schon heute mehr als 127 Milliarden Euro an direkten wirtschaftlichen Schäden angerichtet hat. Und die Folgen werden noch lange spürbar sein. Die Fleischindustrie in China, die noch immer von Kleinzüchtern geprägt ist, muss im großen Stil umstrukturiert werden, hin zu Großbetrieben mit strengeren Kontrollen. Das wird die Gegner der Massentierhaltung nicht besonders freuen. Aber auch die Kleinbauern nicht, die nun vor dem Ruin stehen. Mitunter schlägt die vorauseilende Pflicht zur Neuorientierung bereits absurde Blüten. Letzten Monat machte die Meldung die Runde, China würde jetzt 500 Kilo schwere Schweine züchten, „groß wie Polarbären“, um seinen Bedarf zu decken. Dabei handelte es sich jedoch nur um die fixe Idee eines Bauern in der Provinz Guangxi, der damit sein Einkommen verdreifachen wollte.

Einfacher als hormonelle Monsterschweine zu züchten wäre es wohl, sich mit noch mehr staatlichen Kampagnen für eine vegetarische Ernährung stark zu machen. Es wäre nicht das erste Mal. Peking warb bereits 2016, den Fleischkonsum in der Bevölkerung um 50 Prozent zu reduzieren. Im selben Jahr hatte Peking außerdem als Teil eines Handelsabkommens mit Israel 300 Millionen US-Dollar in Startups investiert, die sich auf Laborfleisch für den Massenkonsum spezialisiert haben. Ihr aus Zellkulturen gezüchtetes Fleisch wächst in keimfreier Nährlösung und ohne Antibiotika heran, gleicht in Geschmack und Konsistenz jedoch herkömmlicher Züchtung. Mit dem sogenannten "sauberen Fleisch" könnten die massiven Treibhausgas-Emissionen, die bei der herkömmlichen Viehzucht entstehen, drastisch reduziert werden, ebenso die Umweltverschmutzung und der hohe Wasserverbrauch. Auch die Abholzung von Wäldern für Tierfutteranbauflächen wäre nicht mehr nötig. Bruce Friedrich vom Good Food Institute, einem internationalen Interessensverband für Fleischersatzhersteller, nannte Chinas Investition eine "kolossale Marktchance". Die Finanzspritze könnte endlich die Schubkraft liefern, um die Zellkultur-Technik aus ihrer Nische herauszukatapultieren. Bislang ist jedoch noch nichts passiert.

Daneben existieren in China aber auch lokale Anbieter pflanzenbasierter Alternativen wie Whole Perfect Food, Zhenmeat oder Starfield. Whole Perfect Food mit Hauptsitz in Shenzhen gibt es sogar schon seit 1993, einer Zeit also, in der Vegetarismus noch eine Nische war. Schon seit Jahren verkauft das Unternehmen seine Produkte in Ländern wie Portugal, Großbritannien, Neuseeland oder Australien. In jüngster Zeit wurden neue Kooperationen mit Alibaba und Walmart eingetütet.

Tatsächlich sind pflanzliche Fleischalternativen kein Novum in China, im Gegenteil. Das Land hat eine reiche Tradition, für die fleischlose Küche der Buddhisten täuschend echte Imitate zu kreieren, von der Ente aus Pflanzenprotein bis hin zu geräuchertem Fisch aus Seitan. Diese Speisen werden in China bislang jedoch noch nicht als trendy oder modern wahrgenommen. Viele der vegetarischen Restaurants befinden sich in China in der Nähe von Tempeln und ähneln nicht selten verstaubten Pfarrhaus-Kantinen. Auch deshalb könnte es der „Fake Meat“-Trend bei Chinas urbaner Bevölkerung schwer haben. Hinzukommt: In Chinas wachsender Mittelschicht gilt Fleisch noch immer als Statussymbol. Umso mehr die Wirtschaft wächst, umso mehr Fleisch wird gegessen. Während ein Chinese 1982, als die Öffnung des Landes begann, noch durchschnittlich 13 Kilogramm Fleisch pro Jahr verzehrte, sind es mittlerweile rund 63 Kilogramm. Die Schweinepest könnte den Trend zu mehr vegetarischer Kost begünstigen. Eins ist dabei jedoch klar: Auf die ausländischen Anbieter wartet in China keiner. Wenn sie sich hier etablieren wollen, müssen sie mehr mitbringen als hehre Ideale: authentischen Geschmack, der die fleischverwöhnten Gaumen der Chinesen auch in ihrer eigenen Küche überzeugt.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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