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Kettenreaktion

2020-03-20 01:59:24 de.china-info24.com

China wird trotz Virus als Produktionsstandort weiter wettbewerbsfähig bleiben. Dass Firmen ihre Lieferketten nach der Krise diversifizieren, um Abhängigkeiten zu verringern, ist jedoch wahrscheinlich, meint Frank Sieren.

Während Asien inzwischen das Schlimmste hinter sich hat, breitet sich die Pandemie inzwischen vor allem in Europa und Nordamerika aus. Der Alltag in Europa ist bereits zum Erliegen gekommen. Der Ton wird angespannter.

Trump spricht unverhohlen vom „chinesischen Virus“. Der Ausbruch der Epidemie habe eine "unverantwortliche und unvernünftige" Abhängigkeit von China offenbart, erklärte Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire. So deutlich hat das in Deutschland noch kein Politiker gesagt, was daran liegen mag, dass knapp 50 Prozent der deutschen Wirtschaftskraft von Exporten kommen, während es in Frankreich nur 18 Prozent sind. Allerding fordert die Bildzeitung bereits von Bundekanzlerin Merkel: „Wo bleibt das Versprechen der Kanzlerin, dass China, das aus der selbst verschuldeten Epidemie nun Profit schlagen will, keine deutschen Unternehmen erwerben und keinen Zugang zu deutscher Infrastruktur bekommen wird? Ein klares Wort an das chinesische Regime wäre sie schuldig gewesen.“

Zum Glück schlägt kein deutscher Politiker solche Töne an. Der Gesundheitsminister Jens Spahn fordert, dass wir wieder mehr Medikamente und medizinisches Zubehör selbst herstellen sollten, das ist legitim. Da es im Krisenfall auch legitim ist für China zu sagen, dass es zuerst seine Bürger versorgen will. 40 Prozent der Medikamente oder anderer Komponenten kommen derzeit aus China.

Die deutschen Politiker wissen genau, wie sehr die Weltwirtschaft verflochten ist, wie sehr wir von Made in China auch profitieren, von den Produkten, die wir nach China verkaufen mal abgesehen.

Nun sind diese komplexen Lieferketten unterbrochen.

Tatsächlich hat die Coronavirus-Epidemie auf der ganzen Welt Lieferketten unterbrochen. Die großen Autohersteller haben ihre Produktion in Europe eingestellt. In China immerhin produzieren sie wieder. Doch China hat 6 Wochen lang nicht produziert und damit auch nichts ausgeliefert. Das Problem: China ist drei Mal so wichtig für die Weltwirtschaft als etwa zu Zeiten von SARS. Und nun geht die Angst um, dass so etwas immer wieder passieren könnte. Das Coronavirus sei Chinas “Schwanengesang” als größter und kostengünstigster Produzent der Welt, schreibt Forbes. Für eine 30-jährige Ära falle mit dem Virus endgültig der Vorhang, so das Wirtschaftsmagazin. Niemand werde sich danach noch auf China verlassen wollen. Da unterschätzt man bei Forbes jedoch die Beharrungskräfte solch tiefer Verflechtungen. Man kann über Jahre geknüpfte Wirtschaftsnetze nicht so einfach kappen, zumal sie sich auch ständig verändern. Einfache Produkte wie Schuhe oder T-Shirts werden in asiatischen Nachbarländern von China hergestellt. Die Hightechprodukte, die in viel komplexere Lieferketten verwoben sind, kommen jedoch noch immer zu großen Teilen aus China.

Die Löhne und Umweltauflagen sind in der Volksrepublik in den letzten Jahren stetig gestiegen. Zudem hat eine stärkere Automatisierung und Digitalisierung dazu geführt, dass die Unterschiede der Produktionsstandorte nicht mehr so stark ins Gewicht fallen.

Das bedeutet: Man kann mittlerweile schon mal dort produzieren, wo die Produkte gebraucht werden. Deswegen baut Tesla eine Fabrik in Deutschland und Huawei eine Fabrik in Frankreich. Die Lieferketten werden dadurch nicht unkomplexer. Wird das Virus diese Entwicklung beschleunigen? Zumindest macht es für die Unternehmen keinen Sinn, ihre gesamte Produktion in einer Region zu haben. Wichtiger noch ist jedoch: Die Lagerbestände, die die Hersteller anlegen müssen, werden steigen, wenn auch nicht maßlos. Denn das macht die Produkte teurer. Die Kunden jedoch werden das Virus bald vergessen haben und nicht gewillt sein, mehr für Produkte zu zahlen. Die Kosten spielen auch weiterhin eine zentrale Rolle. Und da kommt China ins Spiel. Chinas Bedeutung als Produktionsstandort und Absatzmarkt wird in den nächsten Jahren eher noch wachsen. Womöglich wird nicht mehr so viel in China für Europa produziert, aber dafür umso mehr für China und Asien – auch von deutschen Firmen. In Branchen wie der Elektronik, der Automobilindustrie, dem Maschinenbau oder der Chemie ist China den meisten anderen Ländern überlegen, denn die Produktionsanlagen und ihre Ketten sind relativ neu und damit sehr effizient. Dass auch andere Länder in Asien nachziehen ist sehr wahrscheinlich. Insofern kann man die Abhängigkeit von China früher oder später reduzieren.

Aber gleichzeitig entwickelt sich auch China weiter. Bei der neuen intelligenten Produktion auf Basis von 5G und künstlicher Intelligenz werden die Chinesen weltführend sein, wenn sie es nicht schon sind. Trotz Engpässen und korrigierten Umsatzzahlen erklärt selbst Apple-Chef Tim Cook, dass man im Verhältnis zu China allenfalls ein „paar Stellschrauben, aber keine fundamentalen Dinge verändern“ werde. Versuche, den Virus dazu zu instrumentalisieren, um die Wirtschaft zu “deglobalisieren”, wie es manche Hardliner in den USA versuchen, werden nicht aufgehen. Im Gegenteil: Die Welt wird nach der Krise zusammenrücken sich wirtschaftlich eher enger verflechten. Aber die Verflechtung kann vernünftiger werden. Würde man es schaffen, Zulieferteile nicht um die halbe Welt zu schicken, irgendwo zusammenzubauen und dann wieder um die halbe Welt zurückzuschicken, wäre schon viel gewonnen. Aber das geht nur, wenn man die Kosten des Klimawandels in die Transportkosten einpreist. Eine Herkulesaufgabe.

Jetzt heißt es aber erst einmal, einen Schritt nach dem anderen zu machen und die Krise einigermaßen gut zu überstehen. Ab Mitte Mai spätestens sollten die Lieferungen aus China dann wieder nahezu komplett bei uns ankommen. Wie die Lage dann in Europa aussehen wird, ist momentan jedoch völlig offen. Dass wir dann über eine Wiederaufnahme der bisherigen chinesischen Lieferketten dankbar sein werden, steht jedoch außer Frage.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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