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Revolution am Esstisch

2020-05-15 05:07:52 de.china-info24.com Frank Sieren

Aufgrund der Corona-Epidemie will Peking nicht nur die Artenschutzgesetze, sondern auch die Essgewohnheiten der Bevölkerung ändern. Dazu gehört die Bitte, weniger aus gemeinsamen Schüsseln zu essen, aber auch das Verbot des Verzehrs von Hunden. Das kann jedoch erst der Anfang sein: Schon nach der Sars-Epidemie hatte es ähnliche Initiativen gegeben, die leider im Sand verliefen, meint Frank Sieren

Dass das Coronavirus seinen Ursprung auf dem Huanan Seafood Wholesale Market in Wuhan hatte, ist zwar nicht final geklärt, aber doch sehr wahrscheinlich. Solche sogenannten „Wetmarkets“ sind nicht erst seit der Covid-19-Epidemie Ausgangspunkt kontroverser Diskussionen. Zuletzt forderte US-Außenminister Mike Pompeo, der sich ja immer gerne einschaltet, wenn es um Kritik an China geht, dass China, aber auch andere Länder ihre „Nassmärkte für Wildtiere“ umgehend und dauerhaft schließen müssen. Die Formulierung dürfte bewusst Äpfel und Birnen zusammengeschmissen haben: Nassmärkte gibt es überall auf der Welt, es sind im Prinzip einfach nur Orte, an denen Gemüse, Fleisch und Fisch an offenen Ständen verkauft wird. Besonders in Asien und Afrika sorgen sie für die Grundversorgung von Millionen von Menschen. Der Verkauf wilder Tiere ist dort aber eher die Ausnahme als die Regel.

Das chinesische Außenministerium forderte dann auch schnell eine Differenzierung: "Diese Art von Märkten gibt es nicht nur in China, sondern auch in vielen südostasiatischen Ländern und Entwicklungsländern. Sie ist eng mit dem Leben der Menschen vor Ort verbunden. Das Völkerrecht hat die Öffnung und das Funktionieren derartiger Märkte nicht eingeschränkt.“

Das Problem bleibt jedoch, dass auf diesen Märkten oft sehr unhygienische Verhältnisse herrschen. Das Fleisch wird nicht gekühlt, lebende Tiere werden oft in winzigen Käfigen übereinandergestapelt und auch vor Ort geschlachtet. Das Blut und sonstiger Dreck wird mit Schläuchen ins Abwasser gespült. Daher auch der Name „Nassmarkt“. In China findet man auf solchen Märkten meist Geflügel, Hasen, Fisch oder auch Schildkröten. Falls die Tiere noch am Leben sind, ist ihr Immunsystem durch den Stress geschwächt, was sie anfällig für Krankheitserreger aller Art macht. Und wenn dann auch noch Wildtiere angeboten werden, die sonst nie mit anderen Nutztieren und Menschen in Berührung kommen, wird das Ganze zum idealen Nährboden für Epidemien. In den vergangenen Jahrzehnten konnten auf solchen Märkten wie in Wuhan immer wieder Krankheitserreger von Wildtieren auf Nutzvieh und Menschen überspringen, darunter Ebola oder das Nipah-Virus in Malaysia. Auch SARS geht auf Wildtiere zurück, genauer gesagt den sogenannten Larvenroller, eine Schleichkatzenart. Aber auch in Dachsen, Fledermäusen und Hauskatzen wurden Spielarten des Virus nachgewiesen.

Nach SARS hatte sich Peking eigentlich vorgenommen, so eine Gesundheitskatastrophe nicht noch einmal passieren zu lassen. Im Epizentrum Guangdong ließen die Behörden damals schnell alle Nass-und Wildtiermärkte schließen. Auch bei Fällen von Vogelgrippe preschte die Regierung schnell mit lokalen Verboten vor. Das war jedoch immer nur von kurzer Dauer. Die Lobby der Wildtierhändler und Verfechter einer antiquierten Version der Traditionellen Chinesischen Medizin waren mächtig genug, dass die Regierung immer wieder zurückruderte. Mit dem wachsenden Wohlstand der vergangenen 25 Jahre wuchs leider auch die Nachfrage nach pseudomedizinischen Tinkturen, die beispielsweise aus Bärengalle, Tigerpenis oder Elefantenhaut gewonnen werden.

Weil sich vor allem eine reiche Elite diese Mittel leistet, ist der Markt mit Wildtieren ein lukratives Milliardengeschäft geworden.

Ein Gesetz zum Schutz von Wildtieren gibt es in China seit 1989. Die Regierung duldete den Konsum und die Verarbeitung jedoch, wenn die Tiere aus zugelassenen Zuchten stammten. Über 100 Arten wurden in den vergangenen Jahren in China zur Zucht zugelassen. Viele Chinesen wurden reich und sogar berühmt damit, etwa die Huanong-Brüder, die in ihrer Heimat Jiangxi putzige Schleichkatzen und Bambusratten züchten, und das Ganze ins Internet streamen. Heute bestreiten rund 14 Millionen Menschen in China ihren Lebensunterhalt mit der Wildtierzucht. Aber auch der Schwarzhandel lief vor Corona längst wieder auf Hochtouren. Immer wieder kam es zu Fällen, bei denen Zuchtlizenzen gefälscht oder an Wilderer verkauft wurden, damit diese sich bei Kontrollen aus der Affäre ziehen konnten.

Diesen riesigen Markt zu zerschlagen oder auch nur einzudämmen wird für Peking nicht einfach. An den Zuchtfarmen hängen tausende Arbeitsplätze. Das wird besonders in ärmeren Provinzen wie Guizhou ein Problem. Dass Menschen ihre Jobs verlieren, die Tiere auf dem Schwarzmarkt oder in freier Wildbahn landen, und dort das Ökosystem durcheinanderbringen, will niemand. Doch die Regierung in Peking weiß, dass sie jetzt handeln muss. Bereits im Februar beschloss der Ständige Ausschuss des Nationalen Volkskongresses ein Verbot des Handels und Verzehrs von Wildtieren, was die Jagd und den Transport miteinschließt. Kurz zuvor hatte Staats-und Parteichef Xi Jinping das „unmäßige Essen“ von Wildtieren als eine „schlechte Angewohnheit“ gebrandmarkt. Sogar auf WeChat können Nutzer mittlerweile „illegalen Wildtierhandel“ standardmäßig per Klick melden.

Im April legte das chinesische Landwirtschaftsministerium dann als erste Reaktion einen Entwurf vor, der alle Arten auflistet, die künftig zur Fleisch- und Pelzproduktion zulässig sein sollen. Dazu zählen Rinder, Hühner und Schweine, aber auch sogenanntes "spezielles Vieh" wie Alpakas, Strauße, Nerze oder Rentiere. Ob das Verbot des Wildtierhandels ab jetzt besser kontrolliert wird und die Neuklassifizierung von Wildtieren ausreicht, ist jedoch fraglich. Überraschend ist jedoch, dass Hunde erstmals nicht als Nutztiere subsummiert, sondern als „Begleiter des Menschen“ gelistet wurden. Die südchinesische Tech-Metropole Shenzhen hat den Verzehr von Hunden, aber auch Katzen vom 1. Mai an gleich ganz verboten. Das kann als Modellversuch für das ganze Land angesehen werden, aber auch als Signal an das Ausland, dass sich in Sachen Tierschutz im modernen China etwas tut. Jahrelang machten im Westen immer wieder Bilder des „Hundefleisch-Festivals“ von Yulin die Runde, in dessen Verlauf mehr als zehntausend Hunde geschlachtet und gegessen wurden. Das grausige Spektakel wurde 2017 zwar von der Stadtverwaltung verboten, das Image der chinesischen Hundeesser hat sich jedoch bis heute gehalten.

Tatsächlich lehnt die Mehrheit der Chinesen das Essen von Hundefleisch heute ab. Laut einer Umfrage des chinesischen Tierschutzverbands gaben knapp siebzig Prozent an, noch nie Hundefleisch gegessen zu haben. 52 Prozent unterstützen ein Verbot. Und wer einmal durch Pekings Hutong-Gassen spaziert ist, kann bezeugen, wie sehr die Chinesen ihre Schoßhunde lieben und verhätscheln. Mit dem Wohlstand der vergangenen Jahre hat auch die Zahl der Haustierbesitzer zugenommen. Heute sind in China 62 Millionen Hunde als Haustiere registriert. In Zeiten der Kulturrevolution sah das noch ganz anders aus: Damals galten Haustiere als Zeitvertreib der Bourgeoise. Viele Hunde und Katzen wurden tot geknüppelt oder ersäuft.

Mit dem Reichtum und der Haustierhaltung wuchs auch die Massentierhaltung. Schon heute essen die Chinesen fast ein Drittel des weltweit angebotenen Fleisches - doppelt so viel wie in den USA verzehrt wird. Dass die Massentierhaltung ebenfalls zur Verbreitung von Pandemien beitragen kann, ist Peking bewusst, von den vielen Nebenwirkungen wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Problemen ganz zu schweigen. Weil das Thema Chinas Gesundheitssystem immer mehr herausfordert, versucht die Regierung seit Jahren mit Kampagnen für eine gesündere Ernährung dagegenzusteuern: Bereits 2016 hat Peking verkündet, den Fleischkonsum der Bevölkerung bis 2030 um die Hälfte reduzieren zu wollen. Die Entwicklung von Fleischimitaten aus Soja, Tofu und anderen Pflanzenproteinen wird ebenfalls begrüßt und gefördert. Doch so richtig in den politischen Mittelpunkt wie etwa Künstliche Intelligenz oder das E-Auto ist das Thema noch nicht gerückt. Auch hier steht Peking vor einem Dilemma: Fleisch ist ein Statussymbol der aufstrebenden Mittelschicht. Das kann man dem Volk nicht einfach wegnehmen. Bei der Frage der Fleischversorgung geht es auch um die politische Stabilität des ganzen Landes.

Etwas weniger schwer dürfte es werden, den Chinesen im Alltag neue Essgewohnheiten anzutrainieren. Mit einer staatlichen Kampagne möchte Peking einen „neuen Trend des zivilisierten Essens“ etablieren. Der Hintergrund: Am 9. Februar veranstaltete das Baibuting-Wohnviertel von Wuhan ein großes Festessen, bei dem rund 40.000 Familien zur Feier des Frühlingsfestes 13.200 selbst zubereitete Speisen miteinander teilten. Fünf Tage später wurde die Stadt unter Lockdown gestellt, die Corona-Infektionszahlen in besagtem Viertel waren hoch und das Event wurde zum Synonym für das Versagen der Lokalregierung, nicht rechtzeitig mit Verboten regiert zu haben.

Mit seiner „Esstisch-Revolution“ möchte Peking die Chinesen nun dazu bringen, dass sie bei gemeinsamen Essen nicht mehr alle mit den eigenen Stäbchen in die gleichen Schüsseln langen, sondern spezielle Servierstäbchen oder extra Löffel benutzen und diese nach Benutzen wieder zurück legen. In Japan, Korea oder Taiwan ist diese Sitte bereits verbreiteter. Zudem möchten die Behörden, dass Restaurants spätestens ab Juni mehr separate Portionen anbieten, und weniger Gemeinschaftsschüsseln für mehrere Personen. Viele kleinere Restaurants bieten tatsächlich schon jetzt mehr Einzeltische an als zuvor, mit Abständen von mindestens einem Meter. Einige haben sogar Plexiglassperren zwischen den Plätzen errichtet. Dass solche Sicherheitsvorkehrungen zumindest für eine Weile Alltag bleiben werden, ist wahrscheinlich. Vielen Chinesen sitzt der Schock der vergangenen Wochen tief in den Knochen. Gesichtsmasken gehören weiterhin zum Stadtbild, auch wenn vielerorts keine Pflicht mehr besteht, sie zu tragen. Bleibt zu hoffen, dass diese Vorsicht auch am Esstisch und beim Einkauf anhält. Denn ohne dass die Bevölkerung sie mitträgt, kann eine Esstischrevolution in China langfristig nicht funktionieren.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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