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Smarte Tech-Siedlung

2020-06-27 04:00:44 de.china-info24.com Frank Sieren

Tencent, mittlerweile die wertvollste Firma in ganz Asien, will in Shenzhen eine nachhaltige und hypermoderne Stadt in der Stadt errichten. Das passt zu den optimistischen Zukunftsstrategien des Tech-Riesen, die sich jedoch weiterhin vor allem auf dem Feld der Online-Unterhaltung abspielen werden, meint Frank Sieren.

2019 war Alibaba-Gründer Jack Ma das zweite Jahr in Folge zum reichsten Mann Chinas gekürt worden. Diesen Titel hat ihm jetzt sein alter Konkurrent „Pony“ Ma Huateng abgeluchst. Der Tencent-Gründer aus der Provinz Guangdong, der mit zehn Prozent der größte Anteilseigner seines Unternehmens ist, kommt dank der ein oder anderen klugen Investitionen jetzt auf ein Vermögen von 50 Milliarden Dollar, zwei Milliarden mehr als Jack Ma, der die Firmenspitze von Tencents größtem Konkurrenten Alibaba im vergangenen Jahr zu seinem 55. Geburtstag verlassen hatte. Mit einem Anstieg von 40 Milliarden US-Dollar allein in dieser Woche ist Tencent Holding nun das wertvollste Unternehmen in ganz Asien.

Bei so einem Erfolg kann man schon mal darüber nachdenken, gleich ganze Städte zu bauen: Wie nun angekündigt, will Ma in Shenzhen, wo sich bereits das Hauptquartier von Tencent befindet, eine Stadt in der Stadt errichten, die sogenannte „Net City“ für 80.000 Einwohner. Es soll ein smartes Stadtviertel werden, mit hängenden Terrassen, futuristischen Glastürmen, begrünten Dächern und verkehrsentlasteten Straßen. Damit tritt Pony Ma in die Fußstapfen anderer, exorbitant wohlhabender Gründer: Bill Gates plant momentan den Bau einer nachhaltigen Stadt mit innovativer Infrastruktur in der Wüste Arizonas. Doch während die Umsetzung von Gates Smart City „Belmont“ noch immer in den Sternen steht, hat Tencent die genauen Pläne seines Vorhabens nun öffentlich gemacht: Der Tencent-Distrikt, dessen Bau rund sieben Jahre in Anspruch nehmen soll, wird noch in diesem Jahr beginnen und mit einer Fläche von zwei Millionen Quadratmetern am Ende die Größe von Manhattan oder Monaco erreichen. Das Stadtviertel wird auf einer Halbinsel entstehen, die in die Mündung des Pearl River hineinragt. In erster Linie soll es mit Büros, Wohnungen, Schulen und Geschäften den Mitarbeitern des Tencent-Konzerns bereitstehen und Leben und Arbeit in der Tradition des Silicon Valley verschmelzen. Gleichzeitig soll die Net City aber keine mit Gittern und Toren abgeriegelte Konzernlandschaft werden, sondern ein offener Raum mit zahlreichen Grünflächen für alle Bürger der Stadt. Das amerikanische Architekturbüro NBBJ, das den Auftrag 2019 für sich gewinnen konnte und zuvor bereits Projekte für Konzerne wie Amazon, Samsung oder Alibaba durchgeführt hat, spricht von einem „vernetzten, auf den Menschen ausgerichteten organischen Ökosystem“.

Fußgänger und Fahrräder sollen in der Stadt Priorität bekommen, der Verkehrsfluss für selbstfahrende Fahrzeuge optimiert werden aber insgesamt auf ein Minimum beschränkt bleiben:

"Unser Hauptziel ist es, einen Ort zu schaffen, an dem Innovation wirklich gedeihen kann", erklärte Jonathan Ward, Designer des Architekturbüros, im Gespräch mit CNN. "Um dies zu erreichen, haben wir versucht, den Einfluss von Autos so gering wie möglich zu halten. Unser Plan konzentriert sich dagegen auf einen ‚grünen Korridor‘, der für Busse, Fahrräder und autonome Fahrzeuge ausgelegt ist“. Straßen sollen nur dort errichtet werden, wo es absolut Sinn macht, so Ward. "Man braucht keinen Block, der von allen Seiten von Straßen umgeben ist. Man kann acht Blöcke mit einer einzigen bedienen und alle anderen dazwischen wegnehmen.“ Vielfalt spielt dabei eine große Rolle. Die vielen Einzelgebäude mit einer Höhe von ein bis 30 Stockwerken werden von verschiedenen Architekturbüros entworfen.

"Es soll keine isolierte, sichere Insel sein - sondern eine pulsierende Stadt und ein wichtiger Knotenpunkt für Shenzhen“, sagt Ward. Die ökologische Nachhaltigkeit soll zum Beispiel mit Solarmodulen auf den Dächern und ausgeklügelten Systemen zur Erfassung und Wiederverwendung von Abwasser garantiert werden. Auch zukünftige Meeresspiegelerhöhungen wurden mitgedacht, um sicherzustellen, dass die Gebäude auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet sind.

Man kann also sagen, dass Pony Ma ganz offensichtlich optimistisch in die Zukunft blickt. Dann was könnte so eine Zuversicht besser ausdrücken als der Bau einer Stadt? Tencent ist auch nach Corona noch immer eines der größten börsennotierten Unternehmen Chinas. Im vergangenen Jahr machte der Konzern mit 54 Milliarden Dollar gut 20 Prozent mehr Gewinn als im Vorjahr.

In den nächsten fünf Jahren will Ma insgesamt rund 70 Milliarden US-Dollar in die Technologie-Infrastruktur investieren, dazu zählen Software-Anwendungen, Datenzentren, Server, Supercomputer, Investments in die 5G-Mobilfunkinfrastruktur, die Blockchain, Cloud Computing, Cybersecurity, das Internet der Dinge und Künstliche Intelligenz (KI). Gerade hier hat Tencent dank seiner riesigen Mengen an Nutzerdaten und den relativ lockeren Datenschutzbestimmungen in China einen signifikanten Vorteil gegenüber vielen anderen Unternehmen. Bereits heute sind über 100 Anwendungen künstlicher Intelligenz in Tencent-Diensten integriert. Auch deshalb spielt das Unternehmen in vielerlei Hinsicht eine Schlüsselrolle in Pekings Push, China zu einer der führenden Tech-Nationen des 21.Jahrhunderts zu machen. Eine Hand wäscht die andere: Wie kaum ein Unternehmen hat Tencent davon profitiert, dass ausländische Player wie Facebook und Google früh vom chinesischen Markt ausgeschlossen wurden, beziehungsweise sich unter dem Druck des schwierigen Marktes zurückziehen mussten. Seit dem 16. Juni 2004 ist Tencent an der Börse von Hongkong (SEHK) notiert, seit Mai 2007 im MSCI Emerging Markets Index, seit Juni 2008 im Hang Seng Index.

Heute ist Tencent in den unterschiedlichsten Geschäftsfeldern aktiv, vor allem in der digitalen Welt hat das Unternehmen neue Wege beschritten. 1998 in Shenzhen von „Pony“ Ma Huateng und Zhang Zhidong gegründet, war Tencents erstes erfolgreiches Produkt der im Februar 1999 gestartete Instant-Messenger-Dienst OICQ, der bald in QQ umbenannt wurde. Mit dem Messenger war Tencent so erfolgreich, dass es dem Konzern gelang, innerhalb von wenigen Jahren zum ersten profitablen Internetunternehmen Chinas aufzusteigen. Der Nachfolger WeChat setzte noch einen drauf und revolutionierte, wie die Chinesen kommunizieren, bezahlen und unterschiedlichste Dienstleistungen online buchen, vom Haarschnitt bis zum Mikrokredit, kontaktlos und in Echtzeit. Die Universalapp, die rund 500 Milliarden US-Dollar wert ist, hatte im ersten Quartal 2020 rund 1,2 Milliarden monatlich aktive Nutzer, das heißt, theoretisch benutzt beinahe jeder siebte Mensch auf der Welt die App. Tencent gehört in China neben Alibaba auch zu den wichtigsten Anbietern von digitalen Payment-Lösungen, mit einer Marktdurchdringung von über 75 Prozent.

Daneben macht Tencent sein Geld vor allem mit Online-Games, E-Commerce (Tencent hält 20 Prozent am E-Commerce-Riesen JD.com) und dank seines riesigen personalisierten Datenschatzes auch durch Onlinewerbung. All diese Felder haben sich während der Corona-Krise als besonders widerstandsfähig erwiesen, wodurch Tencent als relativer Gewinner daraus hervorgehen konnte. Die Aktie von Tencent hat sich sehr schnell erholt und ist eine der wenigen Aktien, die ihr Allzeithoch schnell überwinden konnten.

Grenzen hat sich Tencent bei seinen Investitionen dabei nicht gesetzt. 2007 investierte der Konzern über 14 Millionen Dollar in den Aufbau des ersten chinesischen Forschungs- und Entwicklungsinstituts für Internet-Technologien, Tencent Research Institute, mit Standorten in Peking, Shanghai und Shenzhen. Im Jahr 2016 war Tencent zusammen mit Foxconn und anderen Mitbegründer des chinesischen Gemeinschaftsunternehmens Future Mobility Corporation, das in die Entwicklung von Elektroautos investiert. Im Frühjahr 2017 erwarb Tencent zudem eine fünfprozentige Beteiligung am US-Elektroautohersteller Tesla und wurde damit zu einem der größten Aktionäre von Elon Musks Firma. Im Gesundheitswesen hat sich Tencent am Startup WeDoctor beteiligt, das derzeit ein IPO in Hongkong vorbereitet, bei dem zwischen 700 und 900 Millionen US-Dollar zusammenkommen sollen. Außerdem verhandelt Tencent derzeit über eine 11-prozentge Beteiligung am britischen Biotechnologieunternehmen Oxford Nanopore, das unter anderem schnellere Tests für COVID-19 entwickelt hat.

Online-Unterhaltung bleibt jedoch weiterhin die Priorität des Unternehmens. Derzeit versucht Tencent zum größten Anteilseigner des Video-Streaming-Konkurrenten iQiyi zu werden. Tencent Video und iQiyi sind die beiden führenden Player im chinesischen Video-Streaming-Wettbewerb. Tencent meldete zuletzt 112 Millionen Abonnenten und iQiyi 119 Millionen. Solche Investitionsstrategien haben für Tencent in der Vergangenheit gut geklappt, etwa bei seinem Musik-Streaming-Kanal Tencent Music: Im Juli 2016 fusionierte Tencent seine Tochtergesellschaften QQ Music und WeSing mit der China Music Corporation zur Tencent Music Corporation, an der Tencent zu diesem Zeitpunkt rund 61,6 Prozent besaß. Das Ergebnis war ein Powerhouse der Musikindustrie, mit einem Marktanteil von über 75 Prozent am Online-Musik-Streaming-Markt. Auch an einer der wichtigsten chinesischen Online-Newcomer der letzten fünf Jahre ist Tencent beteiligt: Dem Lieferdienst Meituan-Dianping, der in China auf dem umkämpften Markt der Essenslieferungen einen Marktanteil von rund 60 Prozent besitzt, aber auch in viele andere Felder expandiert, etwa Ride-Sharing, Fahrradverleih oder Reisebuchungen.

Meituan und Dianping waren früher getrennte Unternehmen und Konkurrenten in den Bereichen Lebensmittellieferung. Die beiden fusionierten jedoch im Jahr 2015, unterstützt durch eine Kapitalspritze von Tencent, das heute rund 20,9 Prozent der Anteile an dem Konzern besitzt. 2019 konnte Meituan-Dianping seine Einnahmen um 43,8 Prozent steigern. Damit erreichte die Firma das erste Nettogewinnjahr seiner Geschichte.

Tencent ist eine der aktivsten Investmentgesellschaften der Welt mit Beteiligungen an über 700 Unternehmen, von denen über 100 mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet sind. Dabei investiert Tencent auch viel im Westen, etwa beim Streamingdienst Spotify aus Schweden oder bei Warner Music, wo Tencent erst vergangene Woche einen Anteil von 10,4 Prozent der Klasse-A-Aktien erwarb.

Eines der wichtigsten Segmente von Tencent ist und bleibt jedoch die Videospielindustrie. Die Chinesen sind noch vor Sony das global führende Unternehmen in der Entwicklung und dem Verkauf von Online-Games. In China erreicht Tencent Games einen Marktanteil von über 50 Prozent, mit 14,6 Milliarden Euro Umsatz. Im Mai erreichte das Unternehmen noch einmal einen Umsatz-Anstieg von 26 Prozent. Da der hart umkämpfte und streng regulierte Heimatmarkt jedoch mehr und mehr gesättigt ist, nimmt Tencent zunehmend die Auslandsmärkte in Angriff und kauft fleißig zu. In den nächsten Jahren will Tencent die Hälfte seiner Umsätze außerhalb Chinas erwirtschaften. Es besitzt bereits 100 Prozent an Riot Games, dem amerikanischen Herausgeber von "League of Legends", und hat in den letzten zehn Jahren Anteile an mehr als einem Dutzend der heißesten Spieleentwickler der Welt angehäuft, darunter auch an Epic, Besitzer des internationalen Smash-Hits "Fortnite". Derzeit fokussiert sich Tencent nach Einkaufstouren in den USA wieder verstärkt auf Japan, das in der Herstellung von Konsolenspielen und der Schaffung von Franchise-Unternehmen viel Erfahrung und eine gute Reputation besitzt. Mit einer Investition von etwa 60 Millionen Euro hat Tencent zuletzt etwa 20 Prozent Anteile am japanischen Entwicklerstudio und Publisher Marvelous eingekauft. Und das soll erst der Anfang sein. Das Geschäftsmodell von Tencent ist dabei oft nicht in erster Linie der Verkauf der Spiele selbst, sondern der Erwerb von Tokens und Superkräften durch die User innerhalb der Spiele. Das heißt, der Nutzer wird erst angefixt, muss jedoch zum Gelbeutel greifen, wenn er schneller im Spiel vorankommen will.

So gesehen macht es Sinn, dass Tencent für die Erschaffer seinen virtuellen Welten auch mehr Platz in der echten Welt schaffen muss. Die Stadt in Shenzhen ist dabei jedoch nur eines von vielen Anzeichen, dass der Konzern bis auf weiteres nicht zu stoppen ist.

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