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Impfstoff für alle

2020-07-27 09:56:18 de.china-info24.com Frank Sieren

Nie haben so viele Länder gleichzeitig ihre Expertise und Ressourcen in die Entwicklung eines Heilmittels gesteckt wie jetzt auf der Suche nach einem Covid-19-Impfstoff. China hat dabei einen Vorsprung und neben den USA am meisten politischen Druck, als erstes das Rennen zu machen, meint Frank Sieren.

Sechs Monate ist es bereits her, seitdem chinesische Wissenschaftler erstmals die Genomsequenz des Coronavirus mit der internationalen Gemeinschaft teilten. Seitdem läuft die Forschung an einem Impfstoff auf Hochtouren. Weltweit sind derzeit rund 250 Impfstoffkandidaten weiter fortgeschritten. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden bereits rund 20 davon an Menschen getestet. Bisher handelt es sich dabei jedoch noch vor allem um Phase-1 und Phase-2-Studien, bei denen es grundsätzlich zunächst darum geht, die Verträglichkeit eines Wirkstoffs zu testen und zu überprüfen, ob bei den Probanden die gewünschte Immunreaktion eintritt. Sechs-monatiger Immunschutz gilt als Mindestanforderung für wirksame Impfprogramme. Wirklich ums Ganze geht es in Phase-3, dem letzten Schritt der klinischen Testreihe. Dabei werden die Wirksamkeit, die Sicherheit und die Dosierung bestätigt, in der Regel, indem Tausende Probanden geimpft werden. Besonders schwere Nebenwirkungen sollen dabei über Monate genau beobachtet und schlussendlich sicher ausgeschlossen werden. Dieser Schritt ist der aufwendigste und teuerste. Und der längste.

Bisher sind nur eine Handvoll Entwickler-Teams so weit große, abschließende Phase-3-Studien zu starten. Die vielversprechendsten sind derzeit ein Zusammenschluss von Forschern des schwedischen Unternehmens AstraZeneca und der britischen Eliteuni Oxford; das private chinesische Unternehmen Sinovac, das 2001 in Peking gegründet wurde, sowie der staatliche chinesische Sinopharm-Konzern, der mit Forschern in Peking und Wuhan kollaboriert. In der britischen Fachzeitschrift The Lancet wurde diese Woche über die positiven Ergebnisse der Teams berichtet. Demnach hätten ihre Stoffe die Bildung von Antikörpern angeregt und sich in allen bisherigen Phase-2-Studien als gut verträglich erwiesen. Jedoch müssten erst noch weitere Tests vorgenommen werden, um zu bestätigen, dass der Impfstoff auch wirklich vor einer Infektion schütze. Auch über den Covid-19-Impfstoff der Firma CanSino Biologics, die eng mit dem chinesischen Militär zusammenarbeitet, berichtet The Lancet. Die Firma aus Tianjin arbeitet an einem ähnlichen Impfstoff wie die Wissenschaftler aus Oxford. Er basiert darauf, die Produktion neutralisierender Antikörper hervorzurufen, Abwehrproteine des Körpers, die sich an Viren heften und die Infektion weiterer Zellen verhindern können. In seiner Studie hat CanSino mehr als 500 Probanden im Epizentrum Wuhan untersucht. Die Hälfte von ihnen bekam den Impfstoff in einer hohen Dosis, ein Viertel in einer niedrigeren Dosis und ein Viertel erhielt ein Placebo. Auch hier hatte das Mittel bei fast allen eine positive Wirkung auf das Immunsystem. Die Nebenwirkungen waren überschaubar, Kopfschmerzen, Müdigkeit und mildes Fieber, das allesamt mit Paracetamol behandelbar war. Feng-Cai Zhu vom Jiangsu Provincial Center for Disease Control and Prevention erklärte, die Studie sei ein "wichtiger Schritt bei der Bewertung des experimentellen Impfstoffs im Frühstadium". Um wirklich beurteilen zu können, ob der Impfstoff schütze, müsse man die große Phase-3-Studie abwarten. Das klingt milde optimistisch, wenn man bedenkt, mit welchem Aufwand Peking die Anstrengungen unterstützt, China bei der Entwicklung eines Impfstoffs an die Pole-Position zu bringen.

Man lege „großen Wert auf die Einhaltung der Richtlinien der Weltgesundheitsbehörde“ erklärt Chinas Regierung. Gleichzeitig geht das Land dabei auch unkonventionelle Wege, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen: Chinas Gesundheitsbehörden haben die gesetzlichen Vorgaben für Testverfahren verkürzt. Vorklinische Studien an Tieren und an Menschen dürfen nun gleichzeitig durchlaufen werden. Zudem fördert der Staat die Pharmaindustrie massiv und schickt hochqualifizierte Militär-Ärzte zur Unterstützung in die Labore. Sinopharm testet sein neues Mittel laut eigenen Angaben bereits an 1000 seiner Angestellten – auf freiwilliger Basis, wie es heißt. Der Wirkstoff sei gegen alle bisher entdeckten Virusstränge und Mutationen wirksam, erklärt Firmenpräsident Yang Xiaoming. Man habe bereits vier Millionen Dosen des vielversprechenden Produkts gespeichert und würde die Herstellung weiter forcieren. Am Markt würde der Impfstoff dann noch Ende 2020 landen, spätestens zu Beginn des kommenden Jahres. Das klingt selbstbewusst. Cansino Biologics, in das Peking ebenfalls große Hoffnungen setzt, hat seit Ende Juni die Regierungserlaubnis erhalten, den Wirkstoff, der gemeinsam mit der Akademie der Militärmedizinischen Wissenschaften entwickelt wurde, für Testzwecke an Soldaten zu verabreichen. Das Unternehmen wurde von vier Chinesen gegründet, die rund 20 Jahre in Kanada gelebt und dort Karriere in der Pharmaindustrie gemacht haben. Eine Hürde auch bei deren Impfstoffentwicklung ist es jedoch, dass es in China nicht mehr genügend erkrankte Probanden für die dritte Testphase gibt. Auf 1,4 Milliarden Einwohner kommen nur noch 234 aktive Fälle, von denen nur sechs als kritisch eingestuft werden. Deshalb testen die chinesischen Forscher ihre Wirkstoffe nun verstärkt im Ausland. Sinovac kooperiert mit Brasilien, wo das Virus sich noch immer rasant ausbreitet. Vergangene Woche verzeichnete Brasilien zwei Millionen Infektionen. Täglich sterben dort rund 1000 Menschen an Covid-19. In Kooperation mit dem Forschungszentrum Butantai in São Paulo will Sinovac deshalb nun rund 9000 Brasilianer impfen – allesamt Mitarbeiter aus dem Gesundheitssektor, die in 12 wichtigen Corona-Kliniken tätig sind. Nach einem Bericht der Zeitung "O Globo" hatten sich für den Test sogar eine Million Freiwillige in fünf Tagen gemeldet. "Wenn alles gutgeht, werden wir die Impfung in Brasilien vielleicht im ersten Quartal 2021 haben", hofft Ricardo Palacios, Direktor für medizinische Studien des Instituto Butantan. Auch die britisch-schwedischen Forscher um das Pharmaunternehmen AstraZeneca wollen ihren Wirkstoff in dem größten und bevölkerungsreichsten Land Lateinamerikas testen. Hinzukommt eine weitere Studie mit etwa 30.000 Probanden in den USA und anderen Ländern. "Wir hoffen, dass wir im Herbst Ergebnisse aus den größeren Studien haben werden", erklärte eine Sprecherin von AstraZeneca gegenüber dem NDR. Sinopharm wiederum hat einen Vertrag mit den Vereinigten Arabischen Emiraten unterschrieben, um dort an rund 15.000 Probanden seine letzte Test-Phase zu absolvieren. Anfang der Woche meldete nun auch das Mainzer Start-up BioNTech Erfolge. Das besondere an diesem Unternehmen: Sowohl die Chinesen als auch die Amerikaner haben gemeinsam darin investiert. Auf chinesischer Seite Fosun Pharma, auf amerikanischer Seite Pfizer. Die Forscher gehen nach den Ergebnissen der Phase-I/II-Studien von einer guten Schutzwirkung aus. Die Brasilianische Regierung hat BioNTech ebenfalls erlaubt, eine Phase-II/III-Studie in Brasilien durchzuführen. Daran sollen bis zu 30.000 Personen teilnehmen. Am vergangenen Dienstag gab die brasilianische Überwachungsbehörde für Gesundheit grünes Licht. Sinovac ist bereits am Montag gestartet. BioNTech und Pfizer/Fosun wollen ebenfalls noch in diesen Tagen loslegen. Das Thema gibt der Name des Programms vor: „Light Speed“. BioNTech und Pfizer wollen bis Ende 2020 bereits bis zu 100 Millionen Impfdosen produzieren, sollte die Phase 3 erfolgreich sein. Im kommenden Jahr sollen dann 1,3 Milliarden Dosen für den globalen Markt hinzukommen. Die US-Arzneimittelbehörde hat bereits ein beschleunigtes Zulassungsverfahren genehmigt. Am vergangenen Mittwoch wurde zudem bekanntgegeben, dass die US-Behörden ein Lieferabkommen über 100 Millionen Dosen mit den beiden Unternehmen in Höhe von 1,95 Milliarden US-Dollar abgeschlossen haben. Die Briten haben sich vertraglich ebenfalls 30 Millionen Dosen des Corona-Impfstoffs gesichert.

Deutschland hat sich wiederum mit Frankreich, Italien und den Niederlanden zur „Inklusiven Impfallianz“ zusammengeschlossen, um einen Vorvertrag mit AstraZeneca zu vereinbaren, wonach um die 300 Millionen Dosen des in Oxford entwickelten Impfstoffes geliefert werden – vorausgesetzt, er erhält in der EU-Bürokratie schnell eine Zulassung. Laut der Nachrichtenagentur Reuters zahlen die Staaten dafür 750 Millionen Euro.

Wohl auch, weil die Impfstoff-Entwickler, die aus China kommen oder mit China zusammenarbeiten, momentan als sehr vielversprechend gelten, hat Washington seine Bemühungen hochgefahren. Für Trump, der bislang nicht gerade mit Umsicht auf die Pandemie reagierte, und erst seit vergangener Woche öffentlich mit Maske auftritt, wäre ein erfolgreicher Wirkstoff aus den USA die einzige Rettung, um sich noch vor der Wahl als vermeintlicher Krisenmanager zu inszenieren. Das Weiße Haus will zehn Milliarden US-Dollar in die Erprobung, Herstellung und den Kauf von Impfstoffen stecken. Hoffnungsträger ist dabei die Biotech-Firma Moderna aus Cambridge, Massachusetts. Deren experimenteller Coronavirus-Impfstoff soll, wenn alles klappt, ab Ende Juli an rund 30.000 Probanden in einer Phase-3-Studie getestet werden. Die Studie soll bis Oktober 2022 dauern, Ergebnisse kann es aber schon vorher geben. Wenn es nach Washington geht, sollen schon bis Januar 2021 mindestens 300 Millionen Impfdosen für die eigene Bevölkerung zur Verfügung stehen. Sogar mit China wolle man notfalls zusammenarbeiten, „wenn es gute Ergebnisse für uns bringt“, erklärte Trump diese Woche überraschend auf einer Pressekonferenz. Demgegenüber steht jedoch ein wachsendes Misstrauen gegenüber Peking: Diesen Monat wurden zwei Chinesen in den USA unter dem Vorwurf angeklagt, Unternehmen ausspioniert und geistiges Eigentum in Milliardenhöhe gestohlen zu haben, auch solches von Unternehmen, die an Corona-Impfstoffen und Behandlungsmethoden arbeiteten.

Das US-Justizministerium kündigte Strafen von bis zu 42 Jahren Haft an. Auch die Schließung der chinesischen Botschaft in Houston soll mit dem Fall zusammenhängen. Schärfer kann man kaum reagieren.

David Fidler vom US-Thinktank Council on Foreign Relations erklärt, dass er keinen Zweifel daran habe, dass "China und andere Länder versuchen, an Informationen über Aktivitäten von US-Organisationen im Zusammenhang mit der Pandemie zu gelangen, darunter über die Entwicklung eines Impfstoffs." Er wäre aber auch nicht überrascht, wenn die USA ebenfalls Cyber-Spionage gegen chinesische Forschungsaktivitäten betreiben.

Denn China hat nicht nur quantitativ die meisten vielversprechenden CoV-2-Impfstoffkandidaten, sondern auch einen zeitlichen Vorsprung in der Forschung, weil das Virus in Wuhan bereits Ende 2019 ausbrach. Aber auch Russland und Indien melden Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung.

Wer am Ende das Rennen macht ist aber noch offen, zumal es teils schwierig ist, unabhängige Informationen zu allen wichtigen Impfstoff-Forschungsprojekten zu erhalten. Nach derzeitigem Stand sieht es sogar danach aus, als ob mehrere Impfungen gleichzeitig auf den Markt kommen. Laut der Chefwissenschaftlerin der WHO, Soumya Swaminathan, könnte eine breit angelegte Impfung bereits ab Mitte des Jahres 2021 möglich sein. Menschen mit einem erhöhten Infektionsrisiko, zum Beispiel Ärzte und Pflegepersonal, dürften dabei zuerst geimpft werden. Die Produktion so hochzufahren, dass man eine breite Immunisierung der Weltbevölkerung erzielen kann, wird noch länger dauern, möglicherweise mehrere Jahre. Auch China ist, wenn es um die Massenproduktion geht, nach wie vor auf High-Tech-Importe aus dem Ausland angewiesen.

Ob das Land, das den Wirkstoff dann als erstes herstellt, den Zugang an politische Bedingungen knüpft, muss sich ebenfalls noch zeigen, zumal viele ärmere Länder ihn sich voraussichtlich nicht leisten können. Chinas Präsident Xi Jinping erklärte, dass man einen wirksamen Impfstoff als „globales öffentliches Gut“ zur Verfügung stellen werde. Er weiß: Nur mit einem Impfstoff für alle kann er den intransparenten Umgang der chinesischen Behörden bei Ausbruch des Virus in Wuhan einigermaßen unvergessen machen.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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