menu
seacher

Allianz der Giganten

2020-10-12 04:21:03 de.china-info24.com Frank Sieren

Mit Zusammenschlüssen großer Metropolregionen wie Chongqing und Chengdu will China seine Wirtschaft langfristig am Laufen halten. Ein einzigartiges politisches Experiment, das so nur in China möglich ist, meint Frank Sieren.

Die Formel ist simpel: Metropolregionen kurbeln die Wirtschaft an. Und umso größer die Stadt, umso größer ist das Wachstum. So lautet zumindest eine positiv ausgelegte Theorie für den weltweit anhaltenden Trend zur Urbanisierung. Und: Je dichter besiedelt, desto mehr lohnt sich die Infrastruktur.

Während der Anteil der Weltbevölkerung in den Ballungsräumen 1950 noch bei 29 Prozent lag ist er heute auf über 50 Prozent gestiegen und wird bis Mitte des Jahrhunderts voraussichtlich 66 Prozent erreichen. Vor allem in Asien und China strömen noch immer Menschenmassen aus dem Hinterland in die Städte, wo die Job-Aussichten und die Chancen auf einen höheren Lebensstandard vermeintlich besser sind. Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass im kommunistischen China lange der bäuerliche, ländliche Lebensstil als gesellschaftliches Ideal propagiert wurde. Erst mit dem Ende der Kulturrevolution und den Reformen Deng Xiaopings änderte sich das. Seit 1978 zogen rund 600 Millionen Chinesen vom Land in die Städte. Heute hat die Volksrepublik 12 Städte mit mehr als sieben Millionen Einwohnern und acht der 20 größten Gebäude der Welt. Das beeindruckendste Beispiel ist sicherlich das südchinesische Shenzhen, das 1981 von Deng zur ersten Sonderwirtschaftszone Chinas erklärt wurde. Damals hatte die Stadt nur rund 30.000 Einwohner. Heute ist Shenzhen eine der dynamischsten Metropolregionen Chinas mit mehr als 12,5 Millionen Einwohnern und einer florierenden Tech- und Serviceindustrie. Doch das reicht den Planern in Peking nicht aus. Denn wenn Städte Wachstum bringen, müssten Stadtnetzwerke den Motor dann nicht noch mehr ankurbeln? Dieser Theorie folgend will die chinesische Regierung zum Beispiel Shenzhen zusammen mit Hongkong, Macau, Guangzhou, Zhuhai und Foshan zu einem massiven Mega-City-Cluster zusammenschmelzen, das dann mehr Einwohner hätte als Großbritannien. Der Zusammenschluss zur sogenannten Greater Bay Area (GBA) ist bereits in vollem Gange. 2018 wurde etwa eine 55 Kilometer lange Seebrücke fertiggestellt, die das chinesische Festland mit der einstigen portugiesischen Kolonie Macau und der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong verbindet. Und das ist nur das sichtbarste von vielen Projekten, durch die die wirtschaftlich boomenden Städte des Perlflussdeltas noch enger zusammenrücken sollen. Die GBA beherbergt fünf große Flughäfen und drei der größten Seehäfen der Welt, was sie auch zu einem Schlüsselstandort für die „Belt and Road“-Initiative macht. Die Rollen der einzelnen Städte innerhalb des GBA-Clusters ist schon jetzt klar verteilt: Guangzhou soll sich zu einem internationalen Geschäftszentrum mit Bildungsschwerpunkt entwickeln. Shenzhen soll sich als Innovationsknotenpunkt und Sonderwirtschaftszone weiterentwickeln. Hongkong soll wiederum seine Position als Zentrum für den Offshore-Renminbi-Handel und als Drehscheibe für globale Finanzdienstleistungen mit der wichtigsten Börse in Asien weiter ausbauen. Das oft als „Asiens Las Vegas“ bezeichnete Macau soll die touristische Basis der Greater Bay Area bilden. In seiner Neujahrsbotschaft 2019 betonte Chinas Staats-und Parteichef Xi Jinping noch einmal die Wichtigkeit solch urbaner Ballungsräume für die zukünftige Stabilität der chinesischen Wirtschaft. Das Rezept ist klar: In Clustern kommt Wissen, Kapital, Forschung und praktische Anwendung zusammen, was die Regionen wiederum als Standort immer attraktiver macht. Das kalifornische Silicon Valley wird hier gerne als Paradebeispiel zitiert. Lieferanten liegen näher beieinander und können so eine vielfältigere und kostengünstigere Produktpalette anbieten, während die Kosten für Infrastruktur und Transport niedrig gehalten werden können. Der größere Arbeitskräftepool hilft Unternehmen, das bestmögliche Personal zu finden und die höchsten Qualifikationen vor Ort zu bündeln. Auch große Universitäten oder größere Fabriken lassen sich in einem Städtenetzwerk leichter rechtfertigen und besser halten.

Bis 2030 möchte China 19 solcher Stadtcluster errichten, in denen dann voraussichtlich 800 Millionen Menschen leben werden. Die drei wichtigsten Cluster sind die Zusammenschlüsse Peking-Tianjin-Hebei, das Jangtse-Delta-Cluster um Schanghai und die Greater Bay Area. Vorbilder sind beispielsweise die Agglomerationen der niederländischen Städte Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht, die Rhein-Ruhr-Region in Deutschland, der Großraum New York oder die Tokyo Bay, die durch die Vergabe der Olympischen Spiele 1964 eine Reihe von Infrastrukturverbesserungen zeitigte, etwa den Ausbau der legendären Hochgeschwindigkeitsbahn Shinkansen, die Tokio mit Yokohama, Nagoya, Osaka und Kyoto verbindet.

Ein großer Unterschied zu diesen Projekten ist jedoch: China hat eine weit größere Bevölkerung und wird von einer stark zentralisierten Regierung verwaltet. Erst dadurch werden solche Mammutprojekte in viel kürzerer Zeit möglich. Kein westliches Land kann da mithalten. Langfristige Infrastrukturprojekte sind hier weit schwerer umzusetzen.

Die Kehrseite solcher am Reißbrett entworfener Zusammenschlüsse ist, dass es eine erhebliche Gefahr für „weiße Elefanten“ gibt, also Großprojekte, die eher aus politischem Prestige als aus wirtschaftlichen Gründen am Laufen gehalten werden. Die kaum ausgelastete, Magnetschwebebahn vom Flughafen Pudong ist so ein Beispiel. Sie endet in Pudong, einem Ort wo nur wenige Reisenden hinmüssen. Auch die bisher wenig befahrene Hongkong-Macau-Zhuhai-Brücke ist noch weit davon entfernt, wirtschaftlich Sinn zu machen. Sie ist für die Zukunft gebaut. Ob sie sich eines Tages rentiert, muss sich zeigen.

Auch die jüngste, erst dieses Jahr angekündigte Städtevernetzung ist ambitioniert: Demnach sollen die durch 300 km weitgehend unbewohntes, hügeliges Land getrennten Megastädte Chengdu und Chongqing enger miteinander verzahnt werden. Die Megastadt Chongqing ist mit mehr als 31 Millionen Einwohnern schon jetzt eine der größten Städte der Welt. Zusammen mit Chengdu würde der Ballungsraum nur geringfügig kleiner sein als Österreich.

Die Planer sprechen vom "Silicon Valley in Chinas Westen" oder von Cheng-Yu, ein Name der von Cheng für Chengdu und Yu abgeleitet ist - einer historischen Bezeichnung für Chongqing. Der Cluster soll vor allem von seiner geografischen Lage am Oberlauf des Jangtse profitieren, der direkt im Korridor der „Neuen Seidenstraße“ liegt.

Die Eisenbahnstrecke Lanzhou-Chongqing bildet eine der Hauptverkehrsadern des chinesischen Schienennetzes und verbindet Chongqing mit dem Nordwesten Chinas. Die 10.500 km lange transkontinentale Bahnverbindung Chengdu-Europe Express Rail, die beispielsweise von Chengdu nach Nürnberg fährt, ist die schnellste eurasische Güterstrecke. Weitere Streckenverbindungen sind geplant. Darüber hinaus ist der internationale Flughafen Chengdu Tianfu, der im nächsten Sommer in Betrieb gehen soll, einer der größten Verkehrsflughäfen Chinas. In Chengdu sind Hunderte von florierenden Software-Start-ups ansässig, darunter die Online-Unterrichts-Plattform Baicizhan und die Fotobearbeitungs-App Camera360. Global Player wie HP und Foxconn, aber auch heimische Giganten wie Tencent und Alibaba haben hier strategische Stützpunkte.

Chongqing ist eher hardwareorientiert. 2019 war die Stadt Chinas drittgrößte Produktionsstätte für Mobiltelefone. Chengdu verfügt als Hauptstadt von Sichuan, der viertgrößten Provinz Chinas, mit 83,75 Millionen Einwohnern bereits jetzt über einen großen Fachkräftepool. Chongqing wiederum verzeichnete 2019 den viertgrößten Bevölkerungszuwachs unter den 31 Provinzen, Gemeinden und autonomen Regionen Chinas. Auch die hier ansässigen Hochschulen haben einen guten Ruf, darunter die traditionsreiche Sichuan-Universität in Chengdu, die Universität für elektronische Wissenschaft und Technologie und die Southwestern University of Finance and Economics.

Eins ist klar: Auf Chinas Weg von der Werkbank der Welt hin zu einer stabilen Binnenwirtschaft spielen die Mega-Cities eine bedeutende Rolle. Vorausgesetzt, sie sind gut geplant. Ein Negativbeispiel ohne zielgerichtete Organisation wäre etwa die indonesische Metropole Jakarta, die über Jahre zahlreiche Vororte geschluckt hat, und nun im Verkehrschaos erstickt und allmählich absinkt, weil zu viel Grundwasser abgepumpt wurde. Peking hat die Ressourcen, solche Großprojekte umzusetzen und manches auch mal ohne allzu schmerzhafte Verluste im Sand verlaufen zu lassen. Die Wirtschaft profitiert so oder so. Die offensichtlichen Gewinner sind zunächst die Unternehmen, die Brücken, Tunnel und Verkehrsnetze bauen. Aber auch Tech-Provider, die Telekommunikationsnetze bereitstellen, sowie Gesundheits-, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen profitieren von dem Boom. Die neue Infrastruktur wird aber natürlich auch die Immobilienpreise nach oben treiben, insbesondere in der Nähe von Verkehrsknotenpunkten mit hohem Pendlerverkehr. Auch das kann man in Shenzhen gut beobachten, wo die Regierung nur mit Mühe der Blase entgegensteuert. Die Stadt will etwa bis 2035 eine Millionen bezahlbare Wohnungen bauen. Sie sollen nicht nur für Menschen mit niedrigen Einkommen sein, sondern ausdrücklich auch für die Einsteiger der Innovationswirtschaft.

Langfristig muss bei solchen Projekten jedoch auch der Umweltschutz mitgedacht werden, um die biologische Vielfalt aber auch das kulturelle Erbe Chinas zu schützen. Bereits in der Vergangenheit scheute Peking nicht davor zurück, ganze Städte umzusiedeln und historische Dörfer und Tempelanlagen mit Staudämmen zu fluten.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

NEWSLETTERS

Geben Sie hier ihre E-Mail Adresse ein, um unseren Newsletter zu abonnieren

Mehr zum Thema:

Kommentare

Sind Sie Mitglied?Sind Sie schon eingeloggt?