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Vollbremsung

2020-11-16 05:16:21 de.china-info24.com Frank Sieren

Peking hat den milliardenschweren Rekord-Börsengang von Ant Financial vorerst gestoppt. Das zeigt: Wenn das Monopol der Staatsbanken und die soziale Stabilität auf dem Spiel stehen, legt Peking selbst den mächtigsten Tech-Unternehmen Zügel an, meint Frank Sieren.

Es wäre der größte Börsengang der Geschichte geworden: Die in Hongkong und Schanghai geplante Notierung von Ant Financial hätte 37 Milliarden US-Dollar einbringen und den bislang größten Börsengang von Saudi Aramco in Höhe von 29 Milliarden Dollar hinter sich lassen sollen. Erst am 21. Oktober hatte Ant nach langer Verhandlungszeit grünes Licht für den IPO erhalten. Doch dann schritten die chinesischen Behörden zwei Tage vor dem großen Tag ein. Nun liegt das gigantische Kapitalmarktprojekt bis auf Weiteres auf Eis. Was genau hinter den Kulissen passiert ist, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich ist jedoch, dass die chinesische Finanzaufsicht noch einmal regulatorisch einschreiten wollte, um den Tech-Giganten in die Schranken zu weisen und Chinas Finanzstabilität nachhaltiger abzusichern. Ant Financial wurde zuletzt mit mehr als 200 Milliarden Dollar bewertet und ist damit das am wertvollste Fintech-Unternehmen der Welt. Die Zahlplattform, die Ant Financial großgemacht hat, heißt Alipay. Neben Tencents WeChatPay ist es das größte mobile Bezahl-System Chinas, einem Land, in dem das Bargeld langsam, aber sicher verschwindet. Die Chinesen sind digital-affin. Wenn es geht, regeln und organisieren sie alltägliche Dinge mit dem Smartphone. Und das geht in China mittlerweile überall, vom Arzttermin, den man via App vereinbart, bis zum Obstkauf an der Straßenecke, den man über einen QR-Code bezahlt. Kreditkarten haben sich in China nie wirklich durchgesetzt. Dieses Kapitel der Finanzgeschichte hat das Land einfach übersprungen, wodurch Digital-Anbieter wie Alipay und WeChatPay sehr schnell sehr groß werden konnten. Die beiden halten in China einen Anteil von fast 94 Prozent am Markt für mobile Zahlungsdienstleistungen. Ants‘ Alipay kommt auf rund 55 Prozent, Tencents‘ WeChat Pay auf 39 Prozent. Im vergangenen Jahr wurden über Alipay Zahlungen in Höhe von umgerechnet 13,5 Billionen Euro abgewickelt – 25 Mal mehr als bei Paypal. Im vergangenen Jahr kam die Ant Group so bei einem Umsatz von 14,47 Milliarden Euro auf einen Gewinn von 2,17 Milliarden Euro. Das entspricht einer Nettomarge von 15 Prozent. Dieses Jahr läuft es trotz Pandemie sogar noch besser: In den ersten neun Monaten steigerte Ant seinen Betriebsgewinn um 42,6 Prozent auf umgerechnet 17,8 Milliarden Dollar.

Ant Financial, das die Ameise seines Namens blau im Logo trägt, ist ein Tochterunternehmen des omnipräsenten chinesischen Tech-Giganten Alibaba. Der Konzern wurde jedoch 2014 als eigenständiges Unternehmen abgespalten, kurz bevor die Mutterfirma in New York an die Börse ging und bei ihrer Erstnotiz 25 Milliarden Dollar einsammelte - damals der größte Börsengang der Geschichte. Alibaba blieb allerdings weiterhin größter Anteilseigner von Alipay. Nach dem Stopp des Ant-Börsengangs sackten die an der Wall Street notierten Alibaba-Papiere zwischenzeitlich um rund neun Prozent ab – ein Wertverlust von rund 76 Milliarden Dollar.

Alibaba-Gründer Jack Ma besitzt heute einen Anteil von 8,8 Prozent an Ant. Durch das IPO wäre sein Vermögen schätzungsweise von 61 Milliarden auf 71,1 Milliarden Dollar angewachsen. Doch Ma hat sich wohl ein bisschen zu weit aus dem Fenster gelehnt. Vor dem Börsengang wurde er zusammen mit Ant-Vorstandschef Simon Hu und dem Verwaltungsratsvorsitzenden Eric Jing von den Finanzaufsichtsbehörden für „Gespräche“ einbestellt, um über "die Gesundheit und Stabilität des Finanzsektors“ zu sprechen. Unter den Anwesenden waren Vertreter der chinesischen Zentralbank, der Regulierungsbehörde für Banken und Versicherungen, der Wertpapieraufsicht sowie des staatlichen Devisenamts. Im Anschluss erklärte Ant Financial kleinlaut, man habe sich "verpflichtet, die Meinungen des Treffens umzusetzen''. Das zeigt wieder Mal eines deutlich: Wenn das Monopol der Staatsbanken und die soziale Stabilität auf dem Spiel stehen, legt Peking selbst den mächtigsten Unternehmen Zügel an. Denn die Ant Group will gerne als Tech-Konzern und einfacher Zahlungsdienstleister durchgehen, benimmt sich aber längst mehr wie eine Bank. Auf den Ant-Plattformen können User einfach Kredite bekommen, sich versichern lassen oder spekulieren. 2016 startete der neu etablierte Fintech-Konzern seinen ersten eigenen Fonds namens Yue Bao. Nach nur vier Jahren wurde daraus der größte Geldmarktfonds der Welt mit einem Wert von rund 165 Milliarden US-Dollar und vergleichsweise hohen Zinsen. Rund 711 Millionen Menschen nutzen heute die Software von Ant, der Großteil davon in China. Das macht den Konzern zu einem der größten Finanzinstitute der Welt. Zum Vergleich: Die amerikanische Citigroup zählt 200 Millionen Kunden, die Sparkassen-Finanzgruppe 50 Millionen. Dabei ist die Nettomarge für Alipay höher als bei traditionellen Banken – weil weniger Parteien involviert sind. Das gefällt Chinas Staatsbanken ganz und gar nicht. Zumal Jack Ma sie im Oktober offen angegriffen hatte. „Heute operieren Banken noch wie Pfandleiher“, sagte Ma bei einer Rede in Schanghai. „Nirgendwo ist die Pfandleiher-Mentalität so ausgeprägt wie in China.“ Die Banken seien nicht risikobereit und deshalb nicht gerüstet für die Finanzwelt der Zukunft. Auch Chinas Finanzbehörden kriegten ihr Fett weg. „Aufsicht und Regulierung sind zwei Dinge“, erklärte Ma. „Derzeit sind wir ja gut in der Regulierung, aber es fehlt uns an einer guten Aufsicht.“ Auf der Konferenz war auch Chinas Vizepremier Wang Qishan anwesend. Er vertrat dort die Position, dass Öffnung und Innovation nicht zu Risiken für die Finanzstabilität führen dürfen. „Sicherheit steht immer an erster Stelle“, so Wang. Und das zählt am Ende. Peking hat große Sorgen, dass die Verschuldung durch Fintech-Unternehmen wie Ant unkontrolliert angeheizt wird. Fast 40 Prozent der Erträge von Ant kamen zuletzt aus der Vergabe von Verbraucherkrediten, wobei Ant mit „Sesame Credit“ auch ein eigenes, auf Big Data und KI basierendes Scoring-System für Kreditwürdigkeit entwickelt hat. In China hat sich Ant zum bevorzugten Kreditgeber für Privatpersonen und kleine Unternehmen entwickelt. Allein bis Juni hatte Ant 250 Milliarden US-Dollar an Konsumentenkrediten und 58 Milliarden US-Dollar an Kleinunternehmenskrediten vergeben. Das sind 34,7 Prozent des Ant-Jahresumsatzes. Oftmals nahmen Menschen den Dienst in Anspruch, die von staatlichen Banken eher kein Geld bekommen hätten. Besonders junge Chinesen haben sich dadurch in den letzten Jahren hoch verschuldet.

Hinzukommt: Peking will sich bei neuen Bezahlsystemen nicht von Tech-Unternehmen die Butter vom Brot nehmen lassen. Derzeit arbeitet die Zentralbank auf Hochtouren an einer staatlich kontrollierten Digitalwährung. Auch das ist eine Antwort auf die wachsende Macht von Ant und Co. Doch es ist auch nicht so, als stünden sich Staat und Fintech feindlich gegenüber: Zum einen war der in Hongkong und Schanghai geplante Börsengang von Ant auch eine Botschaft an die Wall Street: Man kann den chinesischen Finanzplatz auch ohne den Westen an die Weltspitze katapultieren. Auch ist die Regierung natürlich daran interessiert, dass die traditionell sparsamen Bürger nach Corona ihren Konsum wieder ankurbeln. Und der will finanziert sein. Mikrokredite kommen da gelegen.

Aber Peking will keinesfalls die Kontrolle aus der Hand geben, schon gar nicht bei Kapitalmarktprojekten, die solch ein großes soziales, wirtschaftliches und politisches Potential haben. Die chinesischen Aufsichtsbehörden haben deshalb diesen Monat neue Beschränkungen zur Online-Kreditvergabe vorgelegt. Demnach müssen Unternehmen wie Ant künftig 30 Prozent der Kredite, die gemeinsam mit Banken vergeben werden, selbst finanzieren. Sprich: Das Online-Kreditgeschäft muss denselben Kapital-Beschränkungen unterliegen wie herkömmliche Banken. Das nimmt die Unternehmen mehr in die Verantwortung, die sich bisher eher als Makler zwischen Kunde und Kreditinstitut verstanden. Ant finanzierte bislang nur zwei Prozent und ließ den Rest vor allem über beteiligte Banken laufen.

Ants‘ Börsengang ist damit jedoch nicht vom Tisch, er verzögert sich nur. Bis die neuen Regelungen in das Börsenprospekt aufgenommen werden kann es gut sechs Monate dauern. Dass Ant dann immer noch so hoch bewertet ist, darf angezweifelt werden. Auf Ameisengröße schrumpfen wird das Unternehmen aber sicherlich nicht.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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