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Kleiner Luxus

2020-11-20 11:23:01 de.china-info24.com Frank Sieren

Ein 4000 Euro billiger E-Kompaktwagen ist in China zum Verkaufsschlager geworden, auch weil er die Landbevölkerung als Absatzmarkt erkannt hat. Das zeigt wie dynamisch der größte Automarkt der Welt noch immer ist und dass ein „Volkswagen“ für das E-Zeitalter wahrscheinlich aus China kommen wird, meint Frank Sieren.

Es fährt nur etwas mehr als 100 km/h, und hat trotzdem schon den Platzhirsch Tesla abgehängt: Der Hongguang Mini EV, der erstmals Ende Juli auf der Chengdu-Autoshow vorgestellt wurde, hat sich zwischen August und Oktober mit 55.781 verkauften Exemplaren zum gefragtesten E-Auto Chinas entwickelt. Der bisherige Spitzenreiter, Teslas Model 3, kam auf 35.283 verkaufte Einheiten. Bereits in den ersten drei Wochen nach seinem Marktstart verkaufte sich der Hongguang mehr als 15.000 mal. Weltweit hat noch kein Autobauer in so kurzer Zeit so viele Exemplare eines E-Modells abgesetzt.

Dass der Honnguang Mini so einen Erfolgsstart hinlegen konnte, mag auf den ersten Blick verwunden. Das Auto ist nicht schnittig wie ein Tesla, sondern kantig wie ein Lego-Bausatz. Gerade mal 12 Monate sollen Techniker und Designer von der Idee bis zum Launch an dem Fahrzeug gesessen haben. Als Statussymbol taugt der E-Zwerg kaum. Der Viersitzer ist knapp drei Meter lang, 1,5 Meter breit und 1,6 Meter hoch, und das bei einem Radstand von etwas unter zwei Metern. Unschlagbar ist jedoch der Preis: Je nach Ausstattung kostet der Mikro-Stromer zwischen 28.800 und 38.800 Renminbi, umgerechnet zwischen rund 3500 und 4800 Euro. Dieser Preis könnte ihn theoretisch auch international zum Verkaufsschlager machen.

Hergestellt wird der Hongguang Mini von Wuling, einem Joint-Venture von General Motors und dem chinesischen Autokonzern SAIC Motors in Liuzhou, einer der ältesten Städte Chinas, die etwas nördlich von der Achse Guangdong-Vietnam liegt. Für den größten Autobauer der USA ist China längst das wichtigste Testfeld für seine elektrifizierte Zukunft geworden. "Der Markt verändert sich dramatisch", sagt GM-China-Chef Julian Blissett. Während GM zuhause noch immer vor allem auf Trucks und SUVs setzt, etwa einem 113.000 Dollar teuren, batteriebetriebenen Hummer-Pickup, der nächstes Jahr auf den Markt kommt, soll der Schwerpunkt in China mehr in Richtung günstiger, kompakter Elektroautos gehen. Mindestens 40 Prozent der GM-Neueinführungen in China sollen in den nächsten fünf Jahren elektrifizierte Fahrzeuge sein – und vor Ort produziert werden. In China gehe die Elektrifizierung viel schneller vonstatten als in den USA oder Europa, sagt Blissett. Neue Technologien wie teilautomatisiertes Fahren würden dort viel schneller angenommen. Es gehe für GM, wie auch für andere ausländische Marken, ums Ganze auf dem wichtigsten Automarkt der Welt. Der Marktanteil von GM in China ist von 14,3 Prozent im Jahr 2017 auf 12,2 Prozent im Jahr 2019 geschrumpft. Dabei ist GM unter die Vier-Millionen-Marke gefallen. Gleichzeitig hat die Konkurrenz durch chinesische Marken stark zugenommen – insbesondere auch bei günstigen Kleinstwagen, die von den etablierten Marken bislang wenig beachtet wurden, weil sie keine hohen Gewinnmargen bringen. Allerdings sank der Marktanteil der rein heimischen Hersteller in den zehn Monaten dieses Jahres um über 14 Prozent auf gut 37 Prozent. Das bedeutet fast zwei Drittel der Fahrzeuge sind in Zusammenarbeit mit Ausländern entstanden.

So wie der Hongguang Mini.

Heimische Hersteller wie BYD, NIO oder Xpeng Motors, aber auch Tesla, haben Pläne für erschwingliche Massenfahrzeuge in der Schublade. Eine der größten Herausforderungen bei der Verbilligung von Elektrofahrzeugen ist jedoch die Batterie, die aufgrund der teuren Metalle wie Lithium, Kobalt, Nickel und Mangan derzeit etwa ein Viertel der Kosten eines E-Autos ausmacht.

Peking unterstützt die Entwicklung billigerer E-Kleinwagen. Denn gerade in ländlichen Gebieten und kleineren Städten, die noch nicht zu den boomenden Metropolen aufgeschlossen haben, ist der Bedarf nach zuverlässigen, günstigen Massenfahrzeugen groß. Bislang waren viele ärmere Chinesen es gewohnt, ihren Alltag auf Scootern und motorisierten Dreirädern zu bewältigen – Fahrzeuge, die der Regierung schon lange ein Dorn im Auge sind, weil sie die Luft verpesten oder mit umweltschädlichen Blei-Batterien ausgestattet sind. Im Sommer hat Chinas Industrieministerium eine „Ab-aufs-Land“-Kampagne für E-Fahrzeuge gestartet. Demnach bekommen Anbieter günstiger E-Autos einen Zuschuss von 982 Euro, wenn sie in ländlichen Gebieten verkauft werden. Die Hersteller verpflichten sich im Gegenzug, Preisnachlässe zwischen 244 bis 611 Euro zu gewähren, um die Elektroautos bei Landbewohnern populärer zu machen. Der Markt ist riesig: Vier von zehn Menschen leben in China trotz rapider Urbanisierung noch immer auf dem Land. Laut einer Umfrage des China EV100-Thinktanks vom Mai lag das durchschnittliche Budget der Autokäufer im ländlichen China bei rund 6400 Euro. Mit dem Hongguang bleibt also sogar noch etwas Geld übrig.

Im Vergleich zu den bisher beliebten Trikes und Scootern fühlt sich das Auto wie ein luxuriöses Update an. Informationen wie Geschwindigkeit und Fahrstufe werden auf einem acht Zoll großen Bildschirm angezeigt. Über eine Smartphone-App lassen sich Fahrzeuginformationen abrufen und steuern. Auch die Scheiben sind elektrisch bedienbar. Für den Bauern aus Guizhou, der jahrelang mit einer rostigen Motor-Rikscha unterwegs war, ist das fast schon Science-Fiction. Je nach Größe des Akkus, die entweder 9,3 oder 13,9 Kilowattstunden beträgt sind Reichweiten von 120 bis 170 Kilometer möglich.

Auch was die Sicherheit angeht, soll der Hongguang Mini trotz fehlender Knautschzonen die Erwartungen erfüllen. Laut Herstellerangaben habe der Wagen 16 strenge Sicherheitstests einwandfrei bestanden. Hinzukommt, dass Wuling eng mit den lokalen Behörden zusammenarbeitet um etwa eine bessere Ladeinfrastruktur einzurichten oder den Kundenservice besser auf die Bedürfnisse von Landbewohnern einzustellen. China kommt heute auf rund 1,2 Millionen NEV-Ladestationen und beabsichtigt, weitere 600.000 im Rahmen eines im April angekündigten Infrastruktur-Konjunkturpakets in Höhe von 1,4 Milliarden US-Dollar aufzustocken. 72,5 Prozent der öffentlichen Ladestationen konzentrieren sich bislang jedoch vor allem auf wirtschaftlich fortgeschrittene Regionen wie Peking und Shanghai. "Es ist ratsam, dass Autohersteller eng mit den lokalen Regierungen zusammenarbeiten, um den Zugang zu Nummernschildern, Parkplätzen und billigem Strom zu erleichtern sowie Gebühren abzufedern", sagt Zhou Xing, Marketingdirektor von SAIC-GM-Wuling. „Ein solides Ökosystem ist in kleineren Städten und ländlichen Gebieten besonders wichtig.“

Aber auch in den wohlhabenderen Städten können E-Autos wie der Hongguang neue Zielgruppen erschließen, etwa Frauen, die sich in protzigen Wagen unwohl fühlen oder Erstkäufer und Studenten, die noch wenig Geld auf dem Konto haben. Auch der Vorteil der Platzeinsparung bei immer weniger Parkplätzen liegt auf der Hand. In Japan haben sich solche Kleinstwagen, sogenannte Kei-Cars, schon länger als Massenfahrzeuge etabliert. Allerdings fahren dort noch fast alle mit Verbrennungsmotoren. In China ist die Elektrifizierung dagegen nicht aufzuhalten, bei einer immer rascher voranschreitenden Diversifizierung des Angebotes. Der Absatz von New Energy Vehicles (NEVs) – zu denen vollelektrische, Hybrid- und Wasserstoff-Brennstoffzellenfahrzeuge gehören – hat sich im Oktober auf 144.000 Einheiten mehr als verdoppelt. Von den 144.000 New Energy Vehicles waren 121.000 reine Elektroautos – ein Plus von 137 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Der Absatz von Plug-in-Hybriden legte um knapp 59 Prozent auf 23.000 Fahrzeuge zu.

Eins ist klar: In China gibt es noch viel Spielraum für weiteres Wachstum. Die Konsolidierung der chinesischen E-Autoindustrie wird weitergehen - sowohl durch Fusionen und Übernahmen als auch dadurch, dass unflexible Player, die die Nischenmärkte übersehen, aufgeben müssen. Dass der Massenmarkt noch immer schnell und dynamisch auf neue Modelle und Ideen reagiert, beweist der Erfolg des Hongguang Mini.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Zukunft? China!“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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