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Rauchen in China

2016-05-20 16:35:10 CRI

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat gute Nachrichten: In China wird weniger geraucht. Rückläufige Zigarettenverkäufe geben Anlass zur Hoffnung. Die schlechte Nachricht: Wenngleich Steuern nach mehrmaliger Erhöhung in den letzten Jahren inzwischen 56 Prozent des Preises ausmachen, raucht weiterhin nahezu die Hälfte aller chinesischen Männer.

Der WHO-Bericht sorgte auf chinesischen Blogs und Instantmessengern für eine neue Diskussionswelle zum Thema Tabakkonsum. Gesundheitsaktivisten und Genussraucher liefern sich heftige Wortgefechte. Moon2 gehört zu Letzteren. Er argumentiert auf Weibo:
„Ich finde die Aufmerksamkeit, die Institutionen wie die WHO dem Rauchen schenken, übertrieben. Schön, wenn die Zahlen rückläufig sind. Dennoch bin ich der Ansicht, dass ein wenig Tabak noch niemandem geschadet hat. Das Rauchen ist tief in der chinesischen Kultur verwurzelt. Es gibt andere Faktoren wie die Luftverschmutzung, die bei Gesundheitsproblemen grundlegend sind."

Demgegenüber stehen die Positionen einer Reihe von Organisationen, die sich eigens der Eindämmung des Tabakkonsums in China widmen. Wu Yiquan, Vize-Leiterin einer solchen Einrichtung namens ThinkTank, nimmt hierzu Stellung:
„Die chinesische Regierung hat die Tabaksteuer seit 2009 insgesamt dreimal erhöht, zuletzt im Mai vergangenen Jahres. Diese Maßnahmen reichen jedoch bei Weitem noch nicht aus. Es handelt sich lediglich um anfängliche Schritte in die richtige Richtung. Wir hoffen, am Ende das Ziel der WHO, das in der Eindämmung des Tabakkonsums um 75 Prozent besteht, erreichen zu können."

Dessen ungeachtet ist China im weltweiten Vergleich weiterhin eines der Länder mit den preiswertesten Zigaretten. Unangefochten verteidigt China seine Position als global größter Zigarettenkonsument und -produzent. So werden knapp 40 Prozent aller Tabakprodukte in der Volksrepublik hergestellt. Dennoch senden die Steuererhöhungen ein wichtiges Signal in Richtung einer erhöhten Aufmerksamkeit für gesundheitliche Einbußen, die durch Tabakkonsum entstehen. Einschätzungen zufolge fielen die Umsätze seit Frühling 2015 zudem um 5,5 Prozent, vor allem im untersten Preissegment. Dies ist ein Hinweis darauf, dass insbesondere Raucher mit niedrigem Einkommen ihren Konsum eingeschränkt haben.

Zaghaft optimistisch erklärt Bernhard Schwartländer, Vertreter der chinesischen WHO-Niederlassung, in einem Interview mit dem Parteiorgan People's Daily:
„Das sind gute Nachrichten, da gerade die unteren sozioökonomischen Gruppen in China am stärksten von den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Nachteilen des Rauchens betroffen sind (...). Der Tabakkonsum und besonders die Kosten, welche von den damit verbundenen Erkrankungen wie Lungenkrebs verursacht werden, stürzten oftmals ganze Familien in die Armut und machten es für andere unmöglich, sich aus dieser zu befreien."

In der Tat unterscheidet sich das Rauchverhalten in verschiedenen Gesellschaftskreisen maßgeblich. In China besteht ein ausgefeiltes System an „Raucherhierarchien" mit dem Grundsatz, dass der Konsument in der Regel eine seinem Status angemessene Tabakmarke wählt. Bietet ein Geschäftsmann seinem Partner etwa eine Zigarette des Herstellers „Panda" an – eine Schachtel kann hier bis zu 30 Euro kosten – so untermalt er damit seinen sozialen Status in aller Deutlichkeit. Dass die großen Geschäftsmänner sich dieses Privileg der nebensächlich erscheinenden, jedoch äußerst effektiven Methode der Statusuntermalung voraussichtlich nicht so schnell nehmen lassen werden, widerstrebt vielen leidenschaftlichen Rauchern unter den Bloggern. Mit der Erhöhung der Tabaksteuer durch das chinesische Finanzministerium werde sich die Gesellschaftskluft nur noch weiten, da sich die Raucher am unteren Ende nicht einmal mehr die „Arbeiter-Zigaretten" leisten könnten, so ihr Argument.

Aus den Online-Diskussionen geht offenkundig hervor, dass ein weiterer rückläufiger Trend im chinesischen Tabakkonsum - sei er noch so gering – zu gesellschaftlichen Neuerungen ungeahnten Ausmaßes führen könnte. Die Transformationen betreffen viele verschiedene Ebenen –angefangen von Anpassungen auf chinesischen Finanzmärkten, über einen Bewusstseinswandel für Gesundheitsrisiken, bis zur Neudefinition traditioneller Gesellschaftskonventionen und sozialer Hierarchieverhältnisse.

Text: Miriam Nicholls

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